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Vor allem jüngere Menschen stecken sich momentan mit Corona an. Im Urlaub oder auf Partys ignorieren sie nicht selten Hygieneregeln. Wie gefährlich ist dieses Verhalten? Wir haben dazu ein Interview mit Professor Dr. Peter R. Galle, dem Direktor der 1. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz, geführt.

Wie sieht es in der Mainzer Universitätsmedizin aus, haben Sie viele Corona-Patienten auf der Station?

Professor Galle: Nachdem wir im April teilweise 25 Patienten gleichzeitig hatten und die Hälfte davon auf der Intensivstation, haben wir augenblicklich nur sporadisch Corona-Patienten und derzeit auch keine Schwerkranken auf der Intensivstation.

Eine bestimmte Anzahl Betten für Coronafälle halten Sie aber weiterhin vor?

Professor Galle: Wir haben eine Vorgabe in Bezug auf Intensivbetten. Das ist immer gewährleistet. Wir haben immer 20 Prozent freie Intensivbetten. Der Normalbetrieb wie vor Corona ist noch nicht ganz wieder erreicht, aber das ist der Tatsache geschuldet, dass die Menschen das Krankenhaus immer noch in einer gewissen Weise meiden und zumindest planbare Eingriffe nach hinten schieben.

Viele Intensivbetten in Krankenhäusern leer

Nach den Sommerferien ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen hier in der Region deutlich angestiegen. Nach den Gesundheitsämtern ist eine klinische Behandlung aber nur noch selten erforderlich. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Professor Galle: Also tatsächlich haben wir im Augenblick eine vergleichbar hohe Zahl an Infizierten, aber eine deutlich geringere Anzahl an Erkrankten und Verstorbenen im Vergleich zum Frühjahr. Wir haben hier eine Veränderung, die unterschiedlich betrachtet werden muss. Erstens - wir testen mehr. Und wenn man mehr testet, beispielsweise Reiserückkehrer, also Menschen ohne Symptome, erfasst man auch mehr Infizierte, die einen Verlauf haben, der entweder ohne oder nur mit milden Krankheitssymptomen stattfindet.

Zweitens - wir testen heute andere Populationen stärker. Das sind vor allem die unter 35-Jährigen, die aus Reisegebieten kommen. Eine Gruppe, die traditionell nicht so schwer erkrankt.

Drittens - wir bewegen uns in einer Situation, wo wir ja deutliche Anpassungen wie Hygiene- und Schutzmaßnahmen vorgenommen haben. Wenn man das mit Italien beispielsweise vergleicht, war das große Problem am Anfang des Jahres, dass sich dort die Mehrgenerationenfamilien, die in einem Haus leben, gegenseitig infizierten. Das wird heute sicherlich vermieden. Gerade ältere Menschen denken jetzt besonders über Hygiene- und Isolationsmaßnahmen nach. Es ist also eine Mischkalkulation, die dazu führt, dass wir zwar viele Infizierte haben, aber wenig Erkrankte und wenig Verstorbene - Gottseidank.

Eine Krankenpflegerin arbeitet in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer auf einer Intensivstation (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Marcel Kusch/dpa)
Die Intensivstationen in Krankenhäusern sind gerade kaum belegt. picture alliance/Marcel Kusch/dpa

Kaum Todesfälle wegen Corona

Über mehrere Monate hinweg gab es in der Region Rheinhessen-Nahe keinen Corona-bedingten Todesfall. Die Gründe dafür haben Sie genannt. Glauben Sie, das wird so bleiben?

Professor Galle: Also ich denke nicht, dass wir eine Situation wie im Frühjahr bekommen werden. Natürlich, wenn wir einen Hotspot bekommen, wenn sich also viele Menschen infizieren, dann können auch entsprechende Krankheitsverläufe folgen. Aber gerade die Problembereiche, also beispielsweise Alten- und Pflegeheime, sind sicherlich besonders sorgfältig und besonders schützend unterwegs. Und deswegen rechne ich nicht damit, dass wir in die gleiche Erkrankungs- und Sterberate wie im Frühjahr zurückfallen.

Sind da inzwischen auch die Medikamente besser? Gibt es ein Medikament, das sie einsetzen?

Professor Galle: Die im Augenblick vorhandenen und diskutierten Medikamente sind alle keine Problemlöser. Beispielsweise Remdesivir, das ist auch bei Studien in Frage gestellt worden. Aber man kann damit kleinere Zusatzeffekte erreichen. Im Wesentlichen sind es aber die klassischen allgemeinen Maßnahmen, die man auf Intensivstationen zum Schutz des Patienten durchführt, inklusive Beatmung. Aber eine wirksame therapeutische Behandlung haben wir im Augenblick nicht. Es ist nicht so, dass wir gar nichts tun können. Wir können in bestimmten Krankheitsphasen auch mit Cortison etwas erreichen. Aber wir haben kein Medikament, das das Problem löst.

"Erkältungskrankheiten werden uns verwirren"

Professor Dr. Galle, Universitätsmedizin Mainz

Jetzt steht der Herbst vor der Tür. Momentan ist es zwar noch warm, aber irgendwann wird die kalte Jahreszeit kommen, das heißt Erkältungen, Grippe und Co. Wie wird sich das auswirken?

Professor Galle: Die Problematik von Erkältungserkrankungen und grippeähnlichen Symptomen führt natürlich in einer pandemischen Situation automatisch zu der Frage, hat der Mensch Covid-19 oder ist es etwas anderes? Wir haben dabei ein Problem. Solange wir es nicht genau wissen, müssen wir diesen Patienten immer so behandeln, wie einen potentiellen Corona-Patienten. Es hilft aber, dass wir inzwischen ganz andere Testsysteme haben, schnellere als im Frühjahr. Wir können also die Frage, Corona oder nicht, relativ zügig beantworten. Aber natürlich wird uns diese Art von allgemeinen Erkältungskrankheiten in einem gewissen Umfang verwirren und viele Tests notwendig machen.

Vor Husten, Schnupfen oder Grippe sind auch die Mitarbeiter der Universitätsmedizin nicht gefeit. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Professor Galle: Wir haben für die immerhin mehr als 8.000 Mitarbeiter der Universitätsmedizin klare Regeln definiert, wie mit erkrankten Mitarbeitern umzugehen ist. Wenn sie schwer erkrankt sind, sollten sie nicht in die Klinik kommen. Diagnostik und Therapie soll über den Hausarzt laufen. Mitarbeiter, die nur milde Symptome haben, die auch nicht typisch für Corona sind, werden wir testen, um sicher zu gehen. Wenn sie negativ sind, können sie dann mit den üblichen Schutzmaßnahmen arbeiten. Natürlich immer auch nur dann, wenn der Mitarbeiter als notwendig eingestuft wird, um die Krankenversorgung insgesamt aufrechtzuerhalten.

Corona-Hygieneregeln sind Frage der Mitmenschlichkeit

In Sachen Corona-Vorsicht und Vorsorge ist ja jeder für sich selbst verantwortlich und natürlich auch ein bisschen für andere mit. Was kann jeder Einzelne tun, um die Infektionsrate niedrig zu halten?

Professor Galle: Die Einhaltung von entsprechenden Schutzmaßnahmen ist der Schlüssel, um eine schnelle, unkontrollierte Ausbreitung des Virus zu vermeiden. Dabei muss man sich nicht nur selbst, sondern auch seine Umgebung schützen. Das ist auch eine Bitte an alle jungen Menschen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese nicht schwer erkranken. Es ist vor allem eine Frage der Mitmenschlichkeit. Durch hygienische Maßnahmen wie Händewaschen, Distanz zum anderen von 1,50 Meter und Masken tragen, lassen sich Ansteckungen deutlich verringern. Damit ist man eigentlich sicher.

Das Gespräch mit Professor Dr. Peter R. Galle führte SWR-Reporter Markus Volland.

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