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Die Corona-Infektionen an Schulen in der Region Rheinhessen-Nahe bereiten den Gesundheitsämtern zunehmend Probleme. Die Kontaktpersonen der Betroffenen zu ermitteln ist zeitaufwendig und nicht immer sind Schülerinnen und Schüler besonders auskunftsfreudig. SWR-Reporter Markus Volland hat mit Dr. Dietmar Hoffmann gesprochen, Leiter des Gesundheitsamtes Mainz-Bingen.

Frage: An der Integrierten Gesamtschule in Mainz Bretzenheim gibt es gerade einen aktuellen Fall, in einer siebten Klasse. Wie stellt sich der dar?

Dr. Hoffmann: Ein Schüler ist positiv getestet worden. Es ist so, dass es in den integrierten Gesamtschulen keine klare Klassentrennung gibt. Das ist ein Kurssystem, und daher konnten wir uns mit den Quarantänemaßnahmen nicht auf eine Klasse beschränken, sondern müssen leider die gesamte Kursstufe in Quarantäne schicken.

Der Leiter des Gesundheitsamtes Mainz-Bingen, Dr. Dieter Hoffmann, sitzt an seinem Schreibtisch vor einem Computerbildschirm. (Foto: SWR, M. Volland)
Der Leiter des Gesundheitsamtes Mainz-Bingen, Dr. Dieter Hoffmann. M. Volland

Frage: Wie umfangreich ist in diesem Fall die Nachverfolgung? Ist das sehr schwierig, die Kontakte des Schülers nachzuvollziehen?

Dr. Hoffmann: Das sind natürlich viele Schüler, die jetzt betroffen sind. Die lassen wir auch alle testen, genau wie die davon betroffenen Lehrer. In der Regel finden diese Tests zwischen dem fünften und siebten Tag nach dem letzten Kontakt zu dem Infizierten statt. Das hat den Hintergrund, dass wir dann eine mögliche Ansteckung relativ früh erkennen und dann deren Umfeld schützen können.

Wenn ein Lehrer Kontakt zu dem infizierten Schüler hatte, dann darf der Ehepartner dieser Lehrkraft weiter zur Arbeit gehen. Hat dieser Lehrer Kinder, dann dürfen auch die weiter zur Schule gehen. Wenn sich der Lehrer infiziert hat, dann gilt natürlich auch für diese Hausgemeinschaft genau die gleiche Quarantäne. Es geht darum einzugrenzen.

"Dann hätten wir wieder den kompletten Lockdown"

Dr. Dietmar Hoffmann, Leiter des Gesundheitsamtes Mainz-Bingen

Frage: Wäre es nicht sinnvoll, Kontaktpersonen zweiten Grades auch direkt zu testen, gibt es da Erfahrungswerte?

Dr. Hoffmann: Es ist ja so, dass diese Personen, die Kontakt zu Infizierten hatten, im Moment erst einmal nur als Verdachtsfall gelten. Würden wir die alle wie einen echten Fall, wie einen Infizierten betrachten, dann hätten wir in Deutschland wieder den kompletten Lockdown, weil alle in Quarantäne wären. Das macht keinen Sinn. Und wir sehen auch, dass die Ansteckungsgefahr möglicherweise nicht ganz so groß ist wie befürchtet. Aber wir müssen im Moment auch noch ein wenig Erfahrung sammeln.

Das Robert Koch-Institut bestärkt uns auf diesem Weg. Es gibt jetzt ganz klare Richtlinien für die Gesundheitsämter, in denen festgestellt wird, dass Personen, die im gleichen Klassenzimmer waren, also Schüler oder ein Lehrer, der die Klasse unterrichtet hat, als Kontaktpersonen ersten Grades zu gelten haben und eine 14-tägige Quarantäne angeordnet wird. Auf Bundesebene wird derzeit diskutiert, diese 14-tägige Quarantäne möglicherweise auf zehn Tage zu verkürzen. Damit könnten wir auch gut leben, aber im Moment ist bundesweit die Vorgabe: 14 Tage.

Frage: Anfang der Woche gab es einen Fall in der Berufsbildenden Schule Mainz. Dort wurden alle direkten Mitschüler und Lehrer getestet. Wie sehen die Ergebnisse aus?

Dr. Hoffmann: Ja, das war ein etwas schwieriger Fall, weil diese Schüler der Berufsbildenden Schule aus verschiedenen Landkreisen kommen. Und es gilt in Deutschland nach dem Infektionsschutzgesetz das Wohnortprinzip. Das heißt, es waren fünf Landkreise damit beschäftigt, die unterschiedlichen Schüler zu ermitteln, zu testen und unter Quarantäne zu setzen. Wir waren für die Schüler zuständig, die in Mainz oder Mainz-Bingen wohnen und haben diese getestet. Und bisher sind alle uns vorliegenden Ergebnisse negativ, das heißt ein Stück weit Entwarnung. Durch diesen Einzelfall hat es bislang keine Übertragung in der Berufsschule gegeben.

Wo hat sich jemand mit Covid-19 angesteckt?

Frage: Da waren ja auch die Betriebe, also die Arbeitsplätze der Berufsschüler - da gab es eine gewisse Nervosität, dass sich dort möglicherweise auch Menschen angesteckt haben. Können Sie auch für die Entwarnung geben?

Dr. Hoffmann: Das ist immer so die Frage - was war zuerst, das Huhn oder das Ei. Das heißt, hat der Schüler aus diesem Ausbildungsbetrieb die Infektion in die Berufsschule getragen oder umgekehrt? Hat er sich privat angesteckt und die Infektion in die Firma getragen? Wo er sich tatsächlich angesteckt hat, muss das zuständige Gesundheitsamt ermitteln.

Schulen offenbar keine Hotspots

Frage: In den vergangenen Wochen hatte es den Anschein, dass Schulen immer mehr zum Hotspot für Corona-Infektionen werden. Ist das so?

Dr. Hoffmann: Kommt darauf an, wie man es sieht. Wenn man sich die Schulen und Kindergärten bei uns im Kreis Mainz-Bingen und Stadt Mainz ansieht, dann machen Kinder bei uns, seit Schulbeginn Mitte August, noch nicht mal zehn Prozent der Neuinfektionen aus. Aber an einem Schüler hängt eine Schulklasse mit 30 Schülern und mit Lehrern. Das heißt, jeder Einzelfall verursacht natürlich eine riesige Ermittlungsarbeit und führt zu leider sehr umfangreichen Quarantänemaßnahmen.

Frage: Thema Nachverfolgung – es gibt beispielsweise den Fall eines infizierten Schülers. Wie läuft dann die Ermittlung?

Dr. Hoffmann: Also, wir schauen immer in zwei Stufen, zuerst in die Einrichtung. Wo hat er sich möglicherweise angesteckt? Hat er sich in den Tagen vor der Infektion möglicherweise in einem Risikogebiet aufgehalten? Oder hatte er vielleicht auch Kontakte zu Menschen, die Symptome hatten? Mit wem hatte er bis zu zwei Tagen vor seinen eigenen Krankheitssymptomen Kontakt? Das heißt, wir gehen ab den eigenen Symptomen mindestens zwei Tage zurück und schauen mit wem hatte er intensiven Kontakt? Und diese Personen ermitteln wir. Und wenn der Kontakt sehr intensiv war, dann müssen wir diese Personen auch als Verdachtspersonen unter Quarantäne setzen.

Frage: Das klingt unfassbar kompliziert?

Dr. Hoffmann: Und dass das auch sehr komplex ist, das kann ich mal an einem Zahlenbeispiel aufzeigen. Wir werden am Freitag (11.9.20) alleine etwa 250 Tests bei Schülern und Lehrkräften durchführen müssen, die jetzt in verschiedenen Schulen im Mainzer Raum betroffen sind und nur für diesen Tag bei uns gemeldet wurden.

IGS Stromberg geschlossen

Frage: Diese Komplexität, ist das auch der Grund dafür, dass nun eine Gesamtschule in Stromberg (Kreis Bad Kreuznach), die Corona-Fälle hatte, für zwei Tage einfach komplett geschlossen wurde?

Dr. Hoffmann: Ich kenne natürlich nicht genau den Hintergrund aber ich weiß, dass an dieser Schule gleichzeitig mehrere Fälle mit Infizierten aufgetaucht sind. Und ich könnte mir vorstellen, dass das zuständige Gesundheitsamt jetzt erst einmal schauen muss, gibt es da eine gemeinsame Quelle? Sind es mehr private Kontakte oder ist ein diffuses Infektionsgeschehen in dieser Schule unterwegs? Ich nehme an, dass das der Hintergrund war.

Eine Party zu verschweigen, ist sinnlos

Frage: Wie ehrlich oder sagen wir bereitwillig geben Schüler Auskunft, wenn sie über ihre Kontakte der vergangenen Tage befragt werden?

Dr. Hoffmann: Also wenn ein Schüler ein schlechtes Gewissen hat, weil er doch auf einer Party war, im engen Kellerraum mit 20 weiteren Personen, dann würde ich relativ sicher davon ausgehen, dass er uns das nicht unbedingt sagt, weil er natürlich die Konsequenzen fürchten muss. Aber, wie sollen wir eine Information überprüfen, die wir nicht haben? Natürlich ermitteln wir weiter. Und natürlich kommen wir über weitere Infektionen und Kontaktpersonen dann doch irgendwann mal an die Quelle. Dass Jugendliche das verschweigen, ist eigentlich eher sinnlos, es kommt aber vor.

Frage: Und das behindert Sie bei ihrer Aufgabe einer lückenlosen Nachverfolgung?

Dr. Hoffmann: Ehrlichkeit würde uns eine Menge Zeit sparen. Das was wir machen, ist manchmal auch schwierig zu vermitteln. Da sind Sprachbarrieren zu überwinden, was uns große Probleme macht. Derzeit sehen wir auch ein zunehmendes Unverständnis für die Maßnahmen, die wir anordnen müssen. Das ist ja im ganzen Bundesgebiet zu beobachten. Da ist zunehmend eine Ungeduld. Zu Zeiten des Lockdowns hatten die Leute vielleicht die Bilder aus Italien mit den großen Leichenzügen im Kopf. Da war mehr Verständnis für einschneidende Maßnahmen als jetzt. Momentan denken die Menschen: Das sind doch nur noch wenige Fälle. Warum so überzogene Maßnahme? Aber, vor allem an diesen schwierigen Fällen an Schulen sieht man, das Virus ist da in der Bevölkerung.

"Es geht nur mit Disziplin"

Dr. Dietmar Hoffmann, Leiter des Gesundheitsamtes Mainz-Bingen

Frage: Werden die Bürger – nennen wir es – coronamüde? Es hat den Anschein, dass sich immer mehr Menschen nicht mehr an die Vorsichtsmaßnahmen halten, also Abstand, Hygiene und Atemschutz.

Dr. Hoffmann: Man braucht nur mal hier in Mainz an das Rheinufer zu gehen. Abends, da sind viele junge Menschen, die auch eng beieinander stehen. Es ist in vielen Gruppen der Eindruck entstanden, das Virus ist besiegt, das ist kein großes Problem mehr. Das wird sich mit steigenden Fallzahlen, die wir relativ sicher für den Herbst erwarten, aber wieder ändern. Ja, und deswegen ist es schon sinnvoll, diese Regeln einzuhalten, um nicht wieder in einen kompletten Lockdown zu kommen. Wir müssen alles tun, um zu verhindern, dass wir wieder so drastische Maßnahmen, wie im Frühjahr, verhängen müssen. Das zu verhindern, geht nur mit Disziplin.

Frage: Schauen wir noch einmal auf die Infektionszahlen. Die waren im Frühjahr sehr hoch, dann kam der Lockdown, die Zahlen gingen runter, blieben lange auf niedrigem Niveau. Nach den Sommerferien gingen sie wieder hoch. In dieser Woche hatte man das Gefühl, die Lage hat sich wieder beruhigt, oder trügt dieses Gefühl?

Dr. Hoffmann: Ich kann nicht sagen, dass diese Woche ruhig ist. Wir hatten gestern 20 Neuinfektionen gemeldet bekommen. Das ist schon wieder eine ganze Menge. An jeder Neuinfektion hängen sehr, sehr viele Kontaktpersonen und viel Ermittlungsarbeit. Es ist im Moment so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm. Noch haben wir ein niedriges Niveau im Vergleich zum Frühjahr. Aber wir haben nicht mehr diese Einschränkungen wie zu Zeiten des Lockdowns. Das heißt, wir haben Menschen, die privat, in Schulen oder bei der Arbeit unheimlich viele Kontakte haben. Und das macht die Arbeit für die Gesundheitsämter natürlich immens schwer. Also wir hatten mit höheren Fallzahlen zur Zeit des Lockdowns keine Probleme bei der Nachverfolgung. Aber im Moment haben wir zunehmend auch bei niedrigen Fallzahlen ein Problem diese nachzuvollziehen, eben weil diese Kontakte sehr umfangreich sind.

Das Gespräch mit Dr. Dietmar Hoffmann führte SWR-Reporter Markus Volland.

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