Ein Schüler am Theresianum in Mainz wird zur Impfung gegen Corona vorbereitet. (Foto: SWR, Alexander Dietz)

Eltern besorgen Impfstoff

Umstrittene Aktion an Mainzer Gymnasium: Schüler erhalten Impfung gegen Corona

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Etwa 150 aktuelle und ehemalige Schülerinnen und Schüler eines Mainzer Gymnasiums sind am Dienstag geimpft worden. Sie sind alle 16 Jahre oder älter und bekamen in der Sporthalle Biontech verabreicht.

Die Priorisierung in Sachen Corona-Impfungen wurde am Montag aufgehoben. Nun können sich in Deutschland alle Menschen, die 16 Jahre oder älter sind, gegen das Coronavirus impfen lassen. Die Schulleitung des Mainzer Gymnasiums Theresianum wollte offenbar keine Zeit verlieren. In den Ferien wurde in der Sporthalle eine Impfstraße aufgebaut. Ärzte aus der Elternschaft haben 180 Dosen Biontech-Impfstoff bestellt. Das teilte die Schule auf SWR-Anfrage mit. Bisher hätten sich 150 aktuelle und frühere Schülerinnen und Schüler für eine Impfung angemeldet.

Eltern organisieren die Impfaktion gegen Corona

Die Idee der Impfungen sei von einer Elterninitiative ausgegangen, sagte der Schulleiter des Mainzer Gymnasiums Stefan Caspari. Zunächst sei es darum gegangen, schulisches Personal zu impfen. Mit dem Fall der Priorisierung habe man das auch Schülern angeboten. Schule lebe von einer gewissen Geborgenheit und Sicherheit. Das sei mit den A-H-A Regeln nicht gegeben. Viele Ärzte dürften Impfstoff bestellen, würden aber nicht impfen. Diese Impfdosen seien nun der Schule zur Verfügung gestellt worden. Wenn die Ständige Impfkommission eine Impfung für Kinder ab zwölf Jahren empfehlen würde, könne man die Impfaktion noch einmal wiederholen.

"Auch Kinder haben ein Recht auf Impfung."

Harald Süs, Arzt und Vater, sagte, er unterstütze die Aktion, weil Kinder und Jugendliche bei den Impfungen nicht vergessen werden dürften. Seit anderthalb Jahren müssten sie sich hinten anstellen. Sie hätten aber auch ein Recht auf die Impfung – wie jeder andere auch.

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Freude und schlechtes Gewissen

Viele Schülerinnen und Schüler würden sich über das Impfangebot freuen, sagt Alex Tsioullis. Der 17-Jährige lässt sich auch impfen. "Wir könnten nicht glücklicher über die Imfpung sein. "Er habe nicht damit gerechnet, dass er so früh geimpft werde - er sei eher von September ausgegangen. Einige seien aber auch überrascht gewesen, dass sie so früh und von der Schule aus geimpft werden. "Wir wissen, dass noch nicht alle aus der Prioritätsgruppe drei geimpft sind und jetzt sind wir schon dran." Deshalb habe er auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen, sagt der 17-Jährige.

Bistum Mainz unterstützt es, dass die Schüler eine Impfung erhalten

Das Theresianum befindet sich in kirchlicher Trägerschaft. Von Seiten des Bistums Mainz hieß es am Dienstag, das Impfangebot an dem Gymnasium verstehe sich als Zeichen dafür, dass auch junge Menschen, die von den Lockdown-Maßnahmen besonders getroffen gewesen seien, das Recht hätten, nicht als Letzte geimpft zu werden. Es handele sich um eine Elterninitiative, die ohne Kirchensteuermittel finanziert worden sei. Der Schulleiter Stefan Caspari habe deutlich gemacht, dass das Angebot nach dem Wegfall der Impfpriorisierung als Pilot-Projekt zu verstehen sei, um an weiteren Schulen zu impfen. Solche Angebote werde es etwa auch in Hessen von Seiten der Landesregierung geben.

Es gibt auch Kritik

Dr. Klaus Hartmann, Facharzt für Arbeitsmedizin und Impfschadensgutachter, sagte in einem SWR-Interview, prinzipiell sei es natürlich schon gut, wenn irgendwann alle geimpft seien. Aber im Moment sei eigentlich noch nicht der Zeitpunkt hinzugehen und 16-jährige oder 17-, 18-jährige gesunde, fitte Schüler zu impfen, da noch viel zu viele Menschen, die älter und gebrechlich seien, viel dringender den Impfstoff bräuchten.

Kassenärztliche Vereinigung: Unangemessene Aktion

Auf SWR-Nachfrage schrieb Dr. Rainer Saurwein, Leiter der Stabsstelle Kommunikation der Kassenärztlichen Vereinigung (KV): "Wir sehen die Impfaktion des Mainzer Theresianum (...) sehr kritisch und halten sie zum jetzigen Zeitpunkt für unangemessen. Wir haben in den Praxen bis auf Weiteres eine ausgeprägte Mangelsituation an Impfdosen. Viele Menschen mit einem erhöhten Krankheitsrisiko für eine COVID-19 Infektion warten immer noch auf ihren Impftermin. Impfstoffmengen, die bei Personen mit geringem Krankheitsrisiko zum Einsatz gebracht werden, erhöhen die Wartezeiten für Risikopatienten."

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Land plant keine Corona-Impfungen an Schulen

Das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium teilte mit, vergleichbare Impfaktionen, wie die in Mainz, seien dem Land an anderen rheinland-pfälzischen Schulen nicht bekannt. Die Landesregierung habe auch nicht vor, selbst Impfungen an Schulen anzubieten. In den Impfzentren des Landes würden Termine zunächst noch an die vergeben, die schon für eine Impfung angemeldet und in eine der drei Priorisierungsgruppen eingestuft seien. Menschen, die sich nach Aufhebung der Priorisierung erstmals für einen Impftermin registrierten, würden zeitlich später eingeordnet, so Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD).

Bis zum 3. Juni haben in Rheinland-Pfalz etwa zwei Millionen Menschen mindestens eine erste Impfung bekommen oder haben sich bereits registriert. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind etwa 200.000 Menschen im Land aus den Prioritätsgruppen zwei und drei noch nicht geimpft.

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