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Der zweite "Teil-Lockdown" ist für manche Einzelhändler der Todesstoß. Stefanie Mayer kämpft für ihren kleinen Laden in der Wormser Innenstadt. Die Frage ist nur: Wie lange kann sie noch durchhalten?

Das Corona-Jahr 2020 verlangt Sabine Mayer viel ab. Sie besitzt einen kleinen Laden in der Wormser Stephansgasse - mit Blick auf den Dom. Hier verkauft sie Schmuck, Geschenkartikel, Dinge für die Seele, für das Herz - Dinge, die das Leben schöner machen, wie sie sagt. Egal, was man kauft, wer das Geschäft der 54-Jährigen betritt, bekommt ein ehrlich gemeintes Lächeln gratis dazu.

Sabine Mayer hat lange graue Haare, sie trägt eine Brille und ein durchsichtiges Plastikvisier, um sich gegen das Coronavirus zu schützen.  (Foto: SWR, K. Pezold)
Trotz aller Widrigkeiten - ein Lächeln gehört für Sabine Mayer zum Geschäft dazu. K. Pezold

Positive Einstellung

Sabine Mayer hat die Erfahrung gemacht, dass sie mit einer positiven Grundeinstellung besser vorankommt. Das hat sie vor Jahren eine potentiell tödliche Krankheit überstehen lassen und jetzt im Frühjahr auch den ersten Corona- Lockdown. Im Sommer zog sie dann mit ihrem Laden um - weg vom Kaufhof, der mittlerweile leer steht. Bessere Lage, mehr Kunden, war die Idee. Doch dann musste Anfang November die Gastronomie schließen. Und das machte auch die Wormser Innenstadt unattraktiver.

Die 54-Jährige hat ausgerechnet: Allein im Oktober sind ihr 35 Prozent des Umsatzes weggebrochen und da gab es noch gar keinen "Lockdown light". Das Minus für den November will sie sich noch gar nicht vorstellen.

Tage allein im Laden

Es gebe Tage, an denen komme den ganzen Tag niemand, sagt Sabine Mayer. Drei Mal sei ihr das in einer Novemberwoche schon passiert - für sie ein Novum. Wenn die Kunden dann aber kommen, dann wollen viele über Corona reden, manchmal auch sehr Privates loswerden. Eine Kundin habe sie einmal gebeten, sie zu umarmen, weil sie allein lebe, im Homeoffice arbeite und einfach mal Zuwendung brauche. Sabine Mayer kam dieser Bitte nach - mit Mund-Nasen-Schutz selbstverständlich. "Was hätte ich anderes tun sollen?"

Auch zweites Standbein wackelt

Sabine Mayer hat viele Interessen und macht was draus. Nicht zuletzt, um auch Geld damit zu verdienen. Sie ist unter anderem Klangmassage-Praktikerin und sie bietet einmal die Woche Massagen für Babys an. Beides sollte in einem kleinen Hinterzimmer ihres neuen Ladens passieren und mit beidem wollte sie nach dem Umzug so richtig durchstarten, sagt sie, vielleicht nebenbei so auch neue Kunden gewinnen.

Allerdings: Die Corona-Regeln erlauben derzeit nur die Baby-Massage im Einzelunterricht. Dabei steht Sabine Mayer mit Abstand und Maske neben der Mutter und leitet diese an, ihr Kind zu massieren. "Es tut schon weh zu sehen, dass das Kind wegen des Mundschutzes der Mutter so spät erst auf ihr Lächeln reagiert."

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Es wird eng

Wenn das so weitergehe, dann werde es eng, sagt Sabine Mayer. Sie habe niemanden im Hintergrund, der sie finanziell auffange. Der nächste Schritt sei als Solo-Selbstständige erneut vom Staat Hilfen zu beantragen. 75 Außerdem will sie versuchen, ihre Ware online zu verkaufen.

Die Wormserin weiß aus 20 Jahren Geschäftserfahrung, dass sie das Weihnachtsgeschäft nicht verpassen darf, der Dezember ist der umsatzreichste Monat. Normalerweise sind dann viele Menschen auf dem Wormser Weihnachtsmarkt und kommen auch in Sabine Mayers Laden vorbei.

Wormser Einzelhandel hofft auf das Weihnachtsgeschäft

So wie Sabine Mayer hofft auch der Sprecher des Wormser Einzelhandelsverbands, Jens Buschbacher, auf das Weihnachtsgeschäft. Schon jetzt gebe es Preisnachlässe. Rabatte um die 20 Prozent sollen noch vor dem "Black Friday" am 27. November die Kunden in die Geschäfte locken. Nach Buschbachers Beobachtung sind die Geschäfte unter der Woche zwar leer, am Samstag kämen die Kunden aber gezielt und kauften teilweise auch in großen Mengen. Seiner Meinung nach wollen die Kunden mit ihren Weihnachtsgeschenken auf Nummer sicher gehen, bevor die Corona-Regeln womöglich weiter verschärft werden. So sei beispielsweise Kinderspielzeug sehr gefragt, Wintermode ginge dagegen auch wegen des milden Wetters nicht so gut über die Ladentheke.

Auch Sabine Mayer hofft auf das Weihnachtsgeschäft und eine Zeit nach der Pandemie. Bislang hat sie ja noch alle Schwierigkeiten mit ihrer positiven Grundeinstellung überwunden.

Handelsverband fürchtet um das Weihnachts-Geschäft

Der Handelsverband Deutschland fürchtet bei anhaltenden Corona-Maßnahmen um das Weihnachtsgeschäft im stationären Einzelhandel. Allein in den Monaten November bis Dezember werde ein Viertel des gesamten Jahresumsatzes gemacht, sagte Stefan Genth, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderator Stefan Eich. Bisher seien die Umsätze bereits um bis zu 50 Prozent eingebrochen. Viele Menschen scheuten sich mit einer Maske in die Läden zu gehen. Zudem habe die Bundesregierung die Bevölkerung ja auch aufgerufen, Kontakte zu vermieden. Genth forderte die Bundesregierung auf, weitere Hilfen für den Einzelhandel bereitzustellen. Überbrückungsgelder seien bisher nicht angekommen.  mehr...

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