Ein Obdachloser sitzt auf einer Bank (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

"Die meisten von uns erkennt man gar nicht."

Leben auf der Straße in Mainz: Ein Ex-Obdachloser erzählt

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Carolin Keil
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Iris Mack

Kurt Drechsler hatte etwa drei Jahre lang keinen festen Wohnsitz. Wie es dazu kam, was er als Obdachloser erlebt hat und wie er wieder eine Wohnung fand, erzählt er SWR Aktuell.

Kurt Drechsler ist ein hochgewachsener Mann mit rotblonden Haaren und dunkler Brille. Er erzählt gern und lacht viel. Wer den 50-Jährigen nicht kennt, käme nicht darauf, dass er einmal obdachlos war, denn die herausfordernden Jahre auf der Straße sieht man ihn nicht an.

Aber auch während der Zeit seiner Obdachlosigkeit entsprach er nicht dem Klischee des "verlotterten Penners". Im Gegenteil: "Ich habe dafür gesorgt, dass ich immer einigermaßen saubere Sachen habe, dass ich immer drauf aufpasse, dass ich dann auch regelmäßig duschen gehe und gepflegt bin", sagt Drechsler. Und er war nicht der einzige: "Die meisten erkennt man gar nicht, die obdachlos sind." Diejenigen, die durch ein heruntergekommenes Äußeres auffielen, seien diejenigen, die sich komplett aufgegeben hätten.

Die meisten halten sich bedeckt, die suchen nach Pfandflaschen, sonst irgendwas, und die wollen auch nicht auffallen.

Aufgeben war jedoch Drechsler Sache nicht. So hätten viele seiner "Kollegen", wie Drechsler die anderen Obdachlosen nennt, einen Hund gehabt. Er habe sich jedoch mit Blick auf eine bessere Zukunft dagegen entschieden - aus Sorge, sich nicht mehr genug um einen Hund kümmern zu können, wenn er jemals wieder einen Job und eine Wohnung habe.

Alkohol und Drogen ein Grund für die Obdachlosigkeit

Doch wie kam es überhaupt dazu, dass Drechsler obdachlos wurde? Zwanzig Jahre lang habe er in einer Einzelhandelskette gearbeitet, und das oft für 120 Stunden pro Woche, erzählt er. 2010 sei damit Schluss gewesen. Alkohol und Drogen hätten eine Rolle gespielt. 2014 habe er sich zu einer Therapie entschlossen, anschließend sei er zu einer Frau nach Ransbach-Baumbach gezogen. Als die Beziehung in die Brüche ging, stand er ohne Wohnung da. Er habe sich dann dazu entschlossen, nach Mainz zu gehen, weil er hoffte, dass es in der Stadt die besten Hilfsangebote für Obdachlose gebe.

Unterstützung durch niedrigschwellige Angebote in Mainz

Tatsächlich fand Drechsler in Mainz zwei Anlaufstellen, bei denen er sich häufig Hilfe gesucht hat: Die "Mission Leben" in der Wallstraße und vor allem die "Pfarrer-Landvogt-Hilfe" in der Zitadelle. Hier konnte er die Toilette benutzen, duschen gehen und Wäsche waschen, es gab auch Frühstück und Abendessen. In der Zitadelle wurde darüber hinaus ärztliche Versorgung angeboten. Außerdem gab es eine Notkleiderkammer. Wichtig ebenso: Er konnte eine Einrichtung in der Zitadelle als Postadresse angeben - ohne Postadresse hätte er monatlich kein Hartz IV ausbezahlt bekommen.

Kurt Drexler: Ex-Obdachloser in Mainz (Foto: SWR)

Wohncontainer war Drexler "zu viel"

Nur mit der Unterbringung in einem Wohncontainer konnte Drechsler sich nicht anfreunden: Hier flog er nach drei Tagen raus, weil er seinen Schlafplatz nicht nutzte, sondern es vorzog, mit seinen Kumpels um die Häuser zu ziehen.

Generell war Kurt Drechsler in der Zeit seiner Wohnungslosigkeit viel innerhalb von Mainz unterwegs, fuhr manchmal auch nach Wiesbaden. Obwohl er sich gerne mit anderen Obdachlosen unterhielt und auch mit ihnen zusammen trank, so zog er es vor, von Zeit zu Zeit die Gruppen zu wechseln, um Stress durch zu große Nähe zu vermeiden.

Drexler war "Nobel-Penner"

Was seinen Schlafplatz anging, blieb sich Kurt Drechsler weitgehend treu: Er campierte meist in einer wenig frequentierten Ecke am Eisenturm in der Mainzer Altstadt, direkt vor einem Geschäft, unterhalb einer Fußgängerbrücke und damit vor Regen geschützt. Hier übernachtete Drechsler auch im Winter. "Ich war einer von den Nobel-Pennern", sagt er grinsend. Denn gegen die Bodenkälte hatte er fünf bis sechs Isomatten, außerdem viele Decken. Bis ungefähr sieben Uhr morgens konnte er auf seinem Übernachtungsplatz bleiben. Wenn er den Ort verließ, achtete er peinlich genau darauf, keinen Müll zu hinterlassen, um keinen Ärger mit den Ladenbesitzern oder Mitarbeitern des Ordnungsamts zu riskieren. Seine Sachen verwahrte er anschließend in einem abschließbaren Fahrradcontainer am Rathaus.

Die geschützte Schlafstelle hatte sich Drechsler auch aus Angst vor Angriffen ausgesucht. Einem Bekannte sei einmal das halbe Gesicht weggetreten worden, so Drechsler. Ihm selbst sei aber zum Glück nie etwas passiert.

Pizza und Kopfkissen als Geschenk

Während seiner Obdachlosigkeit hat Drechsler viel Hilfsbereitschaft von Menschen erfahren - so sei er einmal aufgewacht und habe mehrere Pizzen neben sich gefunden. Eine Frau sei extra in ein Geschäft gegangen, um ihm zwei Flaschen Wasser zu kaufen. Eine andere habe ihm ein Kopfkissen geschenkt. Es habe aber auch Menschen gegeben, die ihn angepöbelt hätten. Viele hätten ihn gefragt, warum er nicht arbeiten gehe. Darauf habe er gesagt, dass er eine Auszeit brauche. "Ich stand vor einem wirklichen Scherbenhaufen. Und jetzt kann ich mich in Ruhe ausruhen, kann die Zeit nutzen, um wieder neu zu starten" - das sei seine Antwort gewesen.

In welche Richtung will ich mich entwickeln? Will ich der bleiben, der ich bin, oder will ich was Neues versuchen und mich diesen Aufgaben stellen?

Drechsler hat es schließlich geschafft, sich aktiv aus der Obdachlosigkeit zu befreien. Im April 2019 bekam er als Wiedereingliederungsmaßnahme ein Jobangebot in der Küche einer caritativen Einrichtung. Im Anschluss daran eröffnete sich die Möglichkeit, ein Praktikum in einer Einzelhandelskette zu absolvieren. Nach dem Praktikum wurde er übernommen und arbeitet dort bis heute. Mit dem Job kam schließlich auch eine Wohnung. Jetzt wohnt Drechsler in der Mainzer Neustadt - zehn Minuten von seiner Arbeit entfernt.

Kurt Drexler: Ex-Obdachloser in Mainz (Foto: SWR)

Glaube an Gott

Kraft schöpft Drechsler auch aus seinem Glauben. "Es hilft mir sehr viel heute noch, an Gott zu glauben und das Ganze besser zu verstehen." Und so kann Drechsler inzwischen auch anderen Menschen helfen: Er ist in einer freikirchlichen Gemeinschaft ehrenamtlich tätig.

Führungen mit einem ehemaligen Wohnungslosen durch Mainz

Heute gibt Kurt Drechsler zusammen mit der City-Seelsorge Mainz Führungen durch die Stadt und erzählt seine Geschichte.

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