Kinder beim Fußballtraining. (Foto: Imago, IMAGO / HMB-Media)

Neue Corona-Verordnung

Sportbund Rheinhessen: "Die Vereine schreien ganz laut Hilfe"

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Die neue Corona-Verordnung in Rheinland-Pfalz führt auch beim Sport zu Einschränkungen. Der Sportbund Rheinhessen sieht wegen der neuen Regeln sogar den Spielbetrieb in der Jugend in Gefahr und befürchtet einen Kollaps der Sportvereine.

Langsam starten in Rheinhessen die Fußballer, Basketballer und Handballer wieder in die Saison. Seit Sonntag verschärft die neue Corona-Verordnung des Landes Rheinland-Pfalz aber auch wieder die Regeln für den Sportbetrieb. So sind Training und Wettkämpfe im Amateur- und Freizeitsport im Innen- und Außenbereich in Warnstufe 1 mit maximal 25 nicht-immunisierten Personen (ab 12 Jahren) zulässig. Bei Warnstufe 2 reduziert sich diese Personenanzahl auf 10 Personen, bei Warnstufe 3 auf 5 Personen. Immunisierte Personen werden dabei nicht mitgezählt. Außerdem gibt es nun auch bei Veranstaltungen im Amateursport eine Testpflicht für Menschen, die nicht geimpft und nicht genesen sind. Wir haben mit Thorsten Richter, dem Geschäftsführer beim Sportbund Rheinhessen gesprochen:

SWR Aktuell: Herr Richter, was bedeutet die neue Corona-Verordnung für den Sport in Rheinhessen?

Thorsten Richter: Grundsätzlich finden wir gut, dass die Verordnung versucht, mehr Leute zum Impfen zu bewegen. Die Regelung mit zehn Menschen (ab Warnstufe 2, Anm. d. Red.) würde aber für uns bedeuten, dass wir gerade im Kinder- und Jugendbereich Probleme haben werden, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten, der in Teilen letzte Woche begonnen hat.

Gerade die Gruppe der 12- bis 17-Jährigen hatte bisher kaum die Chance, sich zweifach impfen zu lassen und damit als "geimpft" gewertet zu werden. Und mit zehn Leuten lässt sich auch kein Fußballspiel organisieren, schon gar nicht mit zwei Mannschaften. Der Trainingsbetrieb wird in großen Teilen auch flachgelegt.

Das könnte uns auf Dauer ziemliche Probleme machen und dazu führen, dass viele Kinder sagen: "Dann brauche ich auch gar nicht mehr hingehen, wenn ich sowieso keinen Sport mehr machen kann oder meine Wettkämpfe nicht mehr stattfinden."

SWR Aktuell: Heißt das, dass der Spielbetrieb im Kinder- und Jugendbereich aus Ihrer Sicht ruhen wird, wenn Warnstufe 2 erreicht wird?

Thorsten Richter: Genau. Wir kommen dann vielleicht in ein Worst-Case-Szenario rein, wo gerade die Kinder, die unter der Corona-Krise mit Lockdown und Homeschooling am meisten gelitten haben, wieder voll getroffen werden. Das ist etwas, was uns massiv an dieser Verordnung stört.

SWR Aktuell: Wie haben Sie als organisierter Sport auf die neue Verordnung reagiert?

Thorsten Richter: Wir haben Malu Dreyer angeschrieben, auch den Gesundheitsminister Clemens Hoch und Roger Lewentz als Minister des Sports und haben unseren Unmut über genau diese Passage geäußert und gefordert, dass die 12- bis 17-Jährigen von der Regel ausgenommen werden und behandelt werden können wie 11-Jährige. Das heißt, dass wir ihnen die nächsten sechs bis acht Wochen noch Zeit geben, sich impfen zu lassen. In dieser Zeit geben wir ihnen aber auch die Möglichkeit, frei Sport zu machen, so als wären sie geimpft. Sie werden in den Schulen ja sowieso sehr regelmäßig getestet. Wir hoffen, dass wir da (bei der Politik, Anm. d. Red) offene Türen einrennen.

"Wir haben Malu Dreyer angeschrieben, auch den Gesundheitsminister Clemens Hoch und Roger Lewentz als Minister des Sports und haben unseren Unmut geäußert."

SWR Aktuell: Finden Sie, dass der Sport in der Pandemie nicht genug wertgeschätzt wird?

Thorsten Richter: Es wurde eigentlich immer besser. Wir mussten aber natürlich alle aus der Pandemie lernen. Auch als Politiker muss man seine Erfahrungen machen.

Jetzt, mit der 26. Corona-Bekämpfungsverordnung ist das Ganze gekippt und zwar sehr zum Negativen und wir wissen nicht warum. Wenn man morgens gemeinsam in der Schulklasse ohne Maske Sport treibt, aber abends nicht mehr mit zehn Leuten zusammen auf dem Fußballplatz gehen darf, verstehen wir das nicht. Da ist die Wertschätzung für den Sport an dem Punkt schon hinten runtergefallen.

SWR Aktuell: Dabei hat die Vereinskultur in der Corona-Pandemie sowieso schon gelitten und die Vereine kämpfen mit einem Mitgliederschwund.

Thorsten Richter: Wir merken aber gerade wieder einen Run auf die Vereine. Wir hatten so um die 30.000 Vereinaustritte in Rheinland-Pfalz von Kindern und Jugendlichen. Es haben auch einfach die Neueintritte gefehlt. Diese Neueintritte scheinen nun aber wieder zu funktionieren. Wir haben auch gerade eine Kampagne mit dem Namen "Comeback der Gemeinschaft". Das hat super funktioniert.

Das läuft aber gerade irgendwie gegenläufig: Auf der einen Seite sagen wir: "Geht zurück in einen Verein!" Aber wenn man im Verein keinen Sport mehr machen soll: Wo ist dann die Motivation hinzugehen? Wahrscheinlich werden deshalb auch die Eintritte wieder gestoppt.

Wie soll sich so außerdem jemand motivieren, in einem Verein ins Ehrenamt einzusteigen? Wenn er dann sieht, dass er als Betreuer oder Trainer im Zweifel dafür sorgen muss, dass die Betreuer und Eltern, die zum Spiel kommen wollen, sich vorher eingebucht haben. Und dann vor Ort noch prüfen muss, ob sie geimpft, genesen oder getestet sind. Das bleibt alles oft an ein, zwei Personen hängen.

SWR Aktuell: Wie gehen die Vereine mit der Testpflicht für Besucherinnen und Besucher um?

Thorsten Richter: Die Vereine schreien ganz, ganz laut "Hilfe!". Weil sie sagen: "Wie sollen wir das umsetzen?" Es ist ein Riesenaufwand. Wir reden hier von Ehrenämtlern, die das in ihrer Freizeit neben dem Beruflichen machen. Das nimmt sehr viele Leute im Moment auch sehr stark in Beschuss, weil Corona so viel fordert. Das funktioniert nicht. Die Vereine stehen vor einem Kollaps, weil sie sagen: "Wir haben kein Personal, das das umsetzen kann. Und jetzt reicht es, jetzt machen wir gar nichts mehr."

SWR Aktuell: Fürchten sie also, dass den Vereinen nach eineinhalb Jahren Pandemie durch die neue Corona-Verordnung noch mehr Mitglieder verloren gehen?

Ja, absolut. Wenn wir jetzt noch so ein Jahr dranhängen, bedeutet das, dass die Vereine im Kinder- und Jugendbereich komplett ausbluten. Es wird bei den Kindern auf lange Sicht motorische Probleme geben und auch Probleme mit Adipositas. Ich glaube, dass 40 Prozent mehr Kinder in diesem Jahr wegen Adipositas behandelt werden mussten. Das sind Zahlen, die sind absolut alarmierend. Das sind ganz viele Faktoren, auf die wir jetzt achten müssen, um uns nicht gesamtgesellschaftlich ein Riesenproblem zu schaffen.

Das Interview führte Alexander Dietz aus dem SWR-Studio Mainz.

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