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Alle wollen sie haben - die IGS Mainz-Bretzenheim hatte sie zuerst: die einfache, effektive und günstige Lüftungsanlage gegen Aerosole. Entwickelt vom Mainzer Max-Planck-Institut. Der Schulleiter Roland Wollowski hat inzwischen tausende Anfragen aus der ganzen Welt.

Schulleiter Roland Wollowski sitzt im Klassenzimmer - über ihm die Lüftungsanlage.  (Foto: SWR)
Zum Unterrrichten kommt Roland Wollowski in Corona-Zeiten nicht mehr.

SWR Aktuell: Herr Wollowski, seit den Herbstferien haben Sie in einem Klassenzimmer diese neuartige Lüftungsanlage, die über 90 Prozent der Aerosole absaugt. Sie haben damit in der ganzen Welt für Aufsehen gesorgt, wie fühlt sich das an?

Roland Wollowski: Es ist großartig, weil die Idee in die Welt gegangen ist und überall angekommen ist. Länder wie Malaysia, Guatemala, Indien, USA, China, europäische Länder - im Prinzip die ganze Welt interessiert sich für die Lüftungsanlage. Die Nachfrage reißt auch nicht ab, immer mehr Medienanstalten und Zeitungen wie beispielsweise die New York Times fragen danach. Wir können uns vor Anfragen nicht mehr retten. Das Max-Planck-Institut und wir haben in den letzten Wochen mehr als 3.500 Anfragen bekommen.


SWR aktuell: Jetzt ist diese Lüftungsanlage nicht teuer, sie kostet etwa 200 Euro pro Klassenzimmer, sie ist relativ einfach zu bauen und zu installieren - andere Schulleiter müssen Ihnen doch auch die Bude einrennen?

Roland Wollowski: Bei den Anfragen sind ganz viele Schulleiter dabei, aber auch Elternbeiräte. Es sind Menschen aus der Politik dabei, die sich für ihren Landkreis informieren wollen und auch Hobbybastler und Handwerker, Firmen, die die Idee aufgreifen wollen und Fragen haben.

SWR aktuell: Haben Sie denn schon Erfahrungswerte, ob sich in dem Klassenzimmer, in dem diese Lüftungsanlage installiert wurde, das Infektionsrisiko von Schülern und Lehrern wirklich verringert hat?

Roland Wollowski: So weit sind wir noch nicht. Die Anlage läuft in dem einen Klassenzimmer seit den Herbstferien durchgängig. Seit dieser Zeit werden Messungen gemacht. Das Max-Planck-Institut steuert das von der Ferne und die Lehrkräfte müssen Protokoll führen: Wann waren sie mit wie vielen Schülern in dem Raum? Wann wurde zwischendurch gelüftet? So sammelt das Institut weitere Werte um die Anlage weiter zu optimieren. Aber so richtige Erfahrungswerte werden wir erst in ein paar Monaten haben - im Frühling 2021. Ich glaube nicht, dass wir nachverfolgen können, wer sich wo und wann in der Schule mit Corona angesteckt hat. Ich denke aber, dass wir die Messwerte erfassen können, zum Beispiel die CO2- Bilanz. Daran erkennt man am besten die Luftqualität und ob die Aerosole abgesaugt werden. Dass die Aerosole zu fast 100 Prozent durch die Lüftungsanlage abgesaugt werden, das ist bereits mehrfach nachgewiesen worden.

SWR aktuell: Bislang hat ein Klassenzimmer an Ihrer Schule diese Lüftungsanlage, es folgen doch bestimmt weitere?

Roland Wollowski: Wir haben vor, 30 Klassenräume auszurüsten und zwar die Jahrgänge 10 bis 13. Die älteren Schüler und Schülerinnen verbringen die meiste Zeit in den Räumen. Außerdem der Jahrgang 5, denn die Kinder sollen bei einem möglichen Wechselunterricht möglichst lange in der Schule bleiben. Deshalb ist es angebracht, dass man diese Klassenräume zuerst mit weiteren Lüftungsanlagen ausrüstet. Wir werden am Wochenende die ersten installieren. Wir hatten am vergangenen Wochenende eine Expertenausbildung - für Eltern, Schüler und Lehrer. Das sind die Leute, die dann als Fachleute fungieren und die anderen Helfer anweisen werden. Das wird richtige Fließbandarbeit. Wir haben uns vorgenommen, dass die 30 Räume bis Weihnachten ausgestattet sind.

SWR aktuell: Bei all der Mehrarbeit - da bleibt Ihr eigentlicher Beruf wahrscheinlich auf der Strecke?

Roland Wollowski: Eigentlich sollte jeder Schulleiter vier bis sechs Stunden Unterricht in der Woche geben. Ich habe eine sechste Klasse in Mathematik, aber leider bleibt keine Zeit mehr zum Unterrichten. Lehrer sein, das ist mein Hauptjob, den hab ich gelernt, das liebe ich. Im Grunde sind das die schönsten Stunden in der Woche. Aber es gibt wegen Corona so viel anderes zu tun. Ich vermisse das sehr.

"Von morgens bis abends sind wir hier in der Schule unter Strom"

SWR Aktuell: Sie unterrichten nicht mehr, arbeiten am Wochenende in der Schule, bauen die Lüftungsanlagen mit auf. Bleibt Ihnen noch Zeit am Wochenende zu entspannen?

Nein, denn mittlerweile kann es vorkommen, dass ich am Freitagabend eine E-mail bekomme, in der mir ein positiver Corona-Fall mitgeteilt wird, und dann geht es los: Ich versuche das Gesundheitsamt zu kontaktieren, Eltern melden sich, die verunsichert sind. Dann gehen ganz viele E-mails in der Lehrer- und Elternschaft hin und her und dann müssen wir, mein Stellvertreter und ich, das koordinieren. Da werden locker 40 bis 50 Mails auch zwischen meinen Schulleitungsmitgliedern verschickt. Am Montag geht es weiter: Wie entscheidet das Gesundheitsamt ? Die Schulleitung muss die Eltern informieren, dass wir einen Quarantäne-Fall haben. Dann müssen natürlich auch die Schüler informiert werden, das Gesundheitsamt schickt eine Anweisung an die Eltern raus, die Klassenlehrer werden informiert. Dann versucht man, die Kontaktpersonen herauszufinden, da muss der Datenschutz beachtet werden. Den ganzen Tag gibt es unzählige Gespräche mit allen Beteiligten. Von morgens bis abends sind wir hier in der Schule unter Strom.

SWR Aktuell: Was macht dieser ganze Stress denn mit Ihnen persönlich? Sie bekommen Corona ja gar nicht mehr aus dem Kopf.

Roland Wollowski: Mit Corona werde ich wach, mit Corona gehe ich durch den Tag und mit Corona schlafe ich ein. Immer wieder muss ich schauen, wie ich damit zurechtkomme, was es für neue Rahmenbedingungen gibt. Corona kriegt man nicht aus dem Kopf. Und wenn sie mich nach dem Wochenende fragen, das haben wir schon lange nicht mehr. Aber es ist mein Job, meine Aufgabe, meine Verpflichtung und Selbstverständlichkeit, dass ich dafür Sorge trage, dass die Schulgemeinschaft gut versorgt und informiert ist. Da steckt man viel Energie rein. Im Moment fühle ich mich als Krisenmanager. Das ist zum einen herausfordernd, weil wir ja auch Lösungen finden, zum anderen ist es eine Dauerbelastung seit dem 13. März, seit Beginn der Corona-Krise. Ich hoffe, dass das Frühjahr kommt und die Krise vorbei ist. Dass wir dann wieder in einen normalen Modus kommen und vielleicht mal wieder entspannen können.

Das Interview führte SWR-Reporterin Karin Pezold.

Die ganze Welt spricht über Mainzer Lüftungsanlage

Es klingt bisschen arrogant, aber aus Mainz kommt derzeit alles, was wichtig ist im Kampf gegen Corona ... Biontech, das Pharmaunternehmen, das sich um den Impfstoff kümmert, der Glashersteller Schott, der die Impfampullen herstellt und die Integrierte Gesamtschule Mainz Bretzenheim, wo in einem Klassenzimmer
ein einfaches und günstiges Lüftungssystem des Mainzer Max Planck Insituts derzeit für sehr viel Aufsehen sorgt... es saugt mehr als 90 Prozent der Aerosole weg .. Der Schulleiter an der IGS Roland Wollowski findet das großartig:

beginnt mit o ton

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