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Wirtschaftswissenschaftler Markus Hehn von der Hochschule Mainz sagte im SWR-Interview, das Unternehmen Biontech könnte für Mainz zu einem ebenso guten Steuerzahler werden wie das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim für den Kreis Mainz-Bingen.

SWR Aktuell: 15 US-Dollar kostete eine Aktie des Mainzer Unternehmens Biontech beim Börsengang 2019. Inzwischen werden die Papiere mit über 90 Dollar gehandelt. Damit hat der Corona-Impfstoffentwickler einen derzeitigen Börsenwert von rund 23 Milliarden US-Dollar (etwa 19 Milliarden Euro). Am Dienstag veröffentlicht Biontech seine Geschäftszahlen. Frage an den Mainzer Wirtschaftswissenschaftler Markus Hehn: Mit welchen deutschen Unternehmen ist Biontech derzeit vom Marktwert her zu vergleichen?

Markus Hehn: Das Unternehmen ist in etwa so wertvoll wie etablierte DAX-Unternehmen wie Merck oder Henkel. Und das, obwohl Biontech bislang keine Gewinne erwirtschaftet hat. Auch für das Gesamtjahr 2020 gehen die Analysten von einem Verlust aus. Der Wert des Unternehmens lässt sich somit nicht über die aktuellen Finanzergebnisse begründen, sondern mit der enorm positiven Perspektive. Sowohl die Umsatz- als auch die Gewinnsituation sollten aber schon ab diesem Jahr deutlich positiver aussehen.

Professor Doktor Markus Hehn - Wirtschaftsexperte der Hochschule Mainz (Foto: Hochschule Mainz)
Markus Hehn ist seit 2015 Professor für Corporate Finance an der Hochschule Mainz. Hochschule Mainz

SWR Aktuell: Das Mainzer Unternehmen Biontech ist seit 2019 an der US-amerikanischen Börse notiert - warum dort und nicht in Frankfurt?

Markus Hehn: Die dortigen Investoren sind eher bereit, schon in frühen Phasen in innovative Unternehmen zu investieren, mit allen Chancen und Risiken. Die Investoren in Europa sind da deutlich vorsichtiger, was bei vielen Privatinvestoren auch mit den negativen Erfahrungen aus dem Zusammenbruch des Neuen Marktes zu Beginn des Jahrtausends zusammenhängt. Auf der anderen Seite gibt es in den USA auch einfach viel mehr professionelle Investoren mit einem klaren Fokus auf zukunftsorientierte Branchen wie Biontech.

"Biontech muss also nicht nur forschen, sondern auch erfolgreiche Medikamente produzieren"

Prof. Dr. Markus Hehn, Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Mainz

SWR Aktuell: Was erwarten Anleger denn von Biontech und wie wirkt sich das auf den Wert des Unternehmens aus?

Markus Hehn: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Wenn es Biontech gelingt, sich vom wissenschaftlich orientierten Forschungsunternehmen zum produktorientierten Medizinproduzenten mit entsprechender Vertriebspower zu entwickeln, dann steht dem Unternehmen eine große Zukunft bevor. Biontech muss also nicht nur forschen, sondern auch erfolgreiche Medikamente produzieren. Die Einnahmen, die das Unternehmen aktuell durch den Covid-Impfstoff hat, sind sehr wichtig und können bei dieser Entwicklung natürlich nachhaltig helfen, aber sie sind kein Garant für eine erfolgreiche Zukunft des Unternehmens.

Zuversichtlich stimmt mich, dass Biontech weitere Medikamente zum Beispiel gegen Hautkrebs in der Entwicklung hat. Aber diese Entwicklungsprojekte, wenngleich sie von Wissenschaftlern sehr positiv eingeschätzt werden, können noch scheitern. Außerdem sollte es dem Unternehmen aufgrund der enormen Popularität gelingen, sowohl ambitionierte Forscher als auch gute Manager zu gewinnen, um die nächsten Schritte zu gehen und zu einem bedeutenden Pharmaunternehmen zu werden. Insgesamt hat das Unternehmen in der aktuellen Konstellation eine sehr gute Ausgangsposition, um zu einem weltweit bedeutenden Pharmakonzern zu werden.

"Die Stadt Mainz ist gefordert, nicht nur gute, sondern möglichst optimale Rahmenbedingungen zu schaffen."

Prof. Dr. Markus Hehn, Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Mainz

SWR Aktuell: Wie wird die Stadt Mainz in Zukunft von Biontech profitieren?

Markus Hehn: Die Stadt Mainz profitiert schon jetzt enorm von Biontech. Das Unternehmen ist ein großer Reputationsgewinn für die Stadt und den Wirtschaftsstandort. Das Unternehmen schafft in Mainz qualitativ hochwertige Arbeitsplätze, die entsprechend gut qualifizierte Arbeitskräfte anlocken. Insbesondere die Kombination von Forschungseinrichtungen und innovativen Unternehmen versprechen auch für die Zukunft interessante Gründungen am Standort. Dabei kann ein Unternehmen wie Biontech als Magnet wirken, das andere Unternehmen aus dem Segment anlockt und somit weiteres wirtschaftliches Wachstum schafft. Dies passiert in der Regel aber nicht von allein, vielmehr ist die Stadt Mainz gefordert, nicht nur gute, sondern möglichst optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Denn auch hier gibt es einen Wettbewerb um attraktive Unternehmen.

SWR Aktuell: Ab wann wird die Stadt Mainz auch finanziell von Biontech profitieren, Stichwort "Gewerbesteuer“?

Markus Hehn: Ich gehe davon aus, dass das bereits in diesem Jahr der Fall sein wird. Der Covid-Impfstoff wird Biontech Geld in die Kasse bringen. In welchen Größen lässt sich derzeit noch nicht einschätzen, mittelfristig wird die Stadt Mainz aber sicherlich über die Gewerbesteuer vom Erfolg Biontechs profitieren. Auf lange Sicht könnte das Mainzer Unternehmen damit für die Stadt Mainz zu einem ebenso guten Steuerzahler werden wie das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim für den Landkreis Mainz-Bingen.

SWR Aktuell: Erfolgreiche börsennotierte Unternehmen wie Biontech sind ja immer auch interessant für Pharmariesen – Stichwort "Übernahme“. Ist zu befürchten, dass Biontech beispielsweise von seinem Pharma-Partner Pfizer oder dem Pharmaunternehmen Sanofi geschluckt wird?

Markus Hehn: Im Gegensatz zu etablierten Unternehmen generieren junge, wachstumsstarke Firmen noch keine üppigen Ausschüttungen in Form von Dividenden für die Anteilseigner. Aktionäre investieren in diese Unternehmen, um von den enormen Zukunftschancen zu profitieren. Sobald diese Chancen konkreter werden durch zum Beispiel positive Ergebnisse in Entwicklungsprojekten, steigen die Aktienkurse stark an und die Aktionäre können sich über Kursgewinne freuen. Im Bereich Biotechnologie kommt noch hinzu, dass große, etablierte Pharmaunternehmen wie z.B. Sanofi oder Pfizer versuchen, kleinere Konkurrenten zu übernehmen, um an deren Know-how und Entwicklungen zu gelangen. Mit einem Börsenwert von derzeit mehr als 20 Milliarden Dollar wäre Biontech allerdings schon ein sehr großer Brocken, auch für die größeren Pharmaunternehmen. Fraglich ist auch, ob die großen Anteilseigner von Biontech ihre Anteile momentan verkaufen würden.

Das Interview führte SWR-Reporter Markus Volland.

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