Das Symbolbild zeigt drei Kinder vor dem Koran in der Palästina - Wer kontrolliert die Prediger in den rheinland-pfälzischen Moscheen? (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/ZUMA Press)

Staatliches Islam-Fach als Gegenmittel? Experten warnen vor Unterricht in Hinterhof-Moscheen

Viele Moscheegemeinden bieten Koran- oder Islamunterricht für Kinder an. Das erlaubt ihnen die im Grundgesetz verbriefte Religionsfreiheit. Doch ein Fall in Mainz wirft Fragen auf.

Per Facebook wirbt die Mainzer Moschee "Al-Ikhlas" für ihren "Kinderunterricht". Wie dieser aussieht, darüber geben Internet-Videos einen Einblick. Ein Film aus dem Frühjahr 2018 zeigt einen Imam mit zahlreichen Kindern und Jugendlichen aus Mainz und Wiesbaden. In strengem Ton erinnert er sie an die Pflicht, den Koran zu rezitieren und verurteilt Muslime, die nicht in die Moschee zum Beten gehen.

Wörtlich sagt er zu seinen Schülern: "Ihr seid diejenigen, die diese Religion voranbringen werden. Wenn Ihr älter werdet, dann seid Ihr es, die die Lasten der Religion tragen werdet. Und Allah hat Dich in diese Position gebracht."

Dauer

Experte: indoktrinierende Unterweisung

Nur religiöser Eifer oder schon problematischer Unterricht? Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer von der Universität Osnabrück sagt im Interview mit dem SWR-Politikmagazin "Zur Sache Rheinland-Pfalz": "Man kann schon sagen, dass das eine Unterweisung ist, die indoktriniert." Es gehe darum, ein Islambild zu erzeugen, das bipolar sei - auf der einen Seite die "richtig Gläubigen" und auf der anderen Seite die "Ungläubigen".

"Ein solches Bild ist wenig geeignet für eine liberale Gesellschaft wie die Deutsche."

Michael Kiefer, Islamwissenschaftler

Auf SWR-Anfrage schreibt der Vorsitzende des "Islamisch-afghanischen Kulturvereins Mainz": Er könne nicht verstehen, wie man darauf kommen könne, dass man Kinder indoktriniere.

Der Kulturverein ist Träger der Moschee "Al-Ikhlas", die zuletzt wegen anderer Vorgänge in die öffentliche Kritik geraten war.

Die Offenbacher Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall, die die islamistische Szene beobachtet und bundesweit Vorträge dazu hält, hatte herausgefunden, dass die Moschee Ende Juli den Prediger Amen Dali eingeladen hatte. Diesen haben die Sicherheitsbehörden wegen seiner Nähe zum Salafismus auf dem Schirm.

Hinterhofmoschee in Mainz: Nach Vorwürfen der Salafismus-Nähe ist ein Vorstandsmitglied des islamisch-afghanischen Kulturverein zurückgetreten (Foto: SWR)
In einem Hinterhof in Mainz treffen sich die Mitglieder des islamisch-afghanischen Kulturvereins

Salafismus-Vorwürfe - Mainzer Vorstandsmitglied tritt zurück

Der Vereinsvorsitzende räumt nun ein, man habe vor der Einladung nicht überprüft, dass der Prediger "von einigen Medienvertretern und Politikern dem salafistischen Umfeld zugerechnet wird". Der Prediger selbst sagte auf SWR-Anfrage, er habe nie dazu aufgerufen, "die hiesige Ordnung zu ändern". Er habe keine verfassungsfeindlichen Aussagen getätigt.

Zudem hatte hatte ein Vorstandsmitglied Videos salafistischer Prediger auf seiner privaten Facebook-Seite geteilt. Der Mann, heißt es in der Stellungnahme des Vereinsvorsitzenden an den SWR, habe dem "Ruf des Vereins geschadet" und sei deshalb nun zurückgetreten. 

Land: Keine Erkenntnisse über extremistische Inhalte

Experten äußern sich kritisch zu dem von der "Al-Ikhlas"-Moschee durchgeführten Unterricht für Kinder und wenn Minderjährige in einem solchem Umfeld erzogen werden. Wie etwa auch in der Mainzer Al-Nur-Moschee, hier musste zum 30. April unter anderem wegen Bezügen zum Salafismus und zur Muslimbruderschaft der Kindergarten schließen. Die Al-Nur-Moschee betreibt laut eigener Homepage eine "arabische Schule" mit Koran- und Islamunterricht für Kinder und Jugendliche anbietet. Beim rheinland-pfälzischen Innenministerium heißt es auf SWR-Nachfrage, der Verfassungsschutz wisse zwar, dass es Koran- und Islamunterricht in Moscheen gebe. Erkenntnisse, wonach "im Rahmen dieser Unterrichte extremistische Inhalte vermittelt werden, liegen indessen nicht vor".  

Klar ist: So lange keine eindeutig verfassungsfeindlichen Äußerungen nachzuweisen sind, können die Behörden Moscheegemeinden nur schwer das Unterrichten verbieten. Denn die Gemeinden können sich auf das Grundrecht der Religionsfreiheit berufen. Die Politik setzt daher vor allem auf ein "Gegenmittel". Mit Blick auf das Video der "Al Ikhlas“-Moscheekinder sagt Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) im Interview: "Das bestärkt mich in der Überzeugung, dass wir den Weg, den wir in Rheinland-Pfalz einschlagen, mit islamischen Religionsunterricht, den wir in unseren Schulen anbieten, mit staatlichen Lehrkräften, genau der richtige ist."

Islamunterricht an 25 Schulen

Staatlichen Islamunterricht gibt es in Rheinland-Pfalz inzwischen an 25 Schulen – allerdings nur im Rahmen von Modellprojekten. Ein flächendeckendes Angebot ist bisher daran gescheitert, dass die Landesregierung keinen landesweiten Partner auf muslimischer Seite gefunden hat, mit dem sie den Unterricht organisieren könnte.

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