Die Kandidatin Tabea Rößner ist in der Mainzer Altstadt unterwegs. (Foto: SWR)

Kandidaten-Porträts OB-Wahl Mainz: Tabea Rößner (Bündnis 90/Die Grünen) will Geschichte schreiben

Am 27. Oktober entscheiden die Mainzerinnen und Mainzer darüber, wer in den nächsten Jahren Oberbürgermeister beziehungsweise Oberbürgermeisterin wird. Wir haben die Kandidatin und die Kandidaten getroffen und stellen sie vor.

"Ich weiß, am 27. Oktober. Viel Glück!", sagt eine ältere Dame, als Tabea Rößner ihr einen Flyer mit ihrem Konterfei in die Hand drücken und sie an die bevorstehende Oberbürgermeisterwahl in Mainz erinnern will. Haustür-Wahlkampf in der Mainzer Neustadt – für die grüne OB-Kandidatin ein Heimspiel. 37,5 Prozent der Menschen hier haben bei der Kommunalwahl im Mai Grün gewählt. Genau das richtige Pflaster, um an den Türen zu klingeln: Lieber die eigene Klientel mobilisieren, als sich an Leuten abzuarbeiten, die einen ohnehin nicht wählen würden. So raten es Wahlkampfstrategen.

Oberbürgermeisterkandidatin Tabea Rößner beim Haustür-Wahlkampf. Sie überreicht einem jungen Mann an der Tür ihr Wahlprogramm.  (Foto: SWR, I. Hartmann)
OB-Wahlkampf in Mainz: Tabea Rößner (Bündnis 90/Die Grünen) zieht in der Neustadt von Haus zu Haus. I. Hartmann

Als nächstes öffnet ein junger Vater die Tür. Er will wissen, ob sie sich als Oberbürgermeisterin auch um mehr Kita-Plätze für Einjährige kümmern würde. Rößner muss lachen und erzählt, dass sie genau über dieses Thema vor 24 Jahren in die Politik gekommen sei. Damals war sie selbst betroffen und als junge Mutter händeringend auf der Suche nach Betreuungsplätzen für ihre zwei kleinen Töchter. Rößner verspricht, sich mit dem Thema zu beschäftigen, sollte sie Oberbürgermeisterin in Mainz werden. Ein weiterer Anwohner will ihr den Flyer gar nicht abnehmen: "Warum denn?", sagt der ältere Herr. "Ich wähle Sie doch sowieso". Eines aber will der Mainzer dann doch noch wissen: "Wie machen Sie das eigentlich mit ihrem Bundestagsmandat, wenn Sie Oberbürgermeisterin von Mainz werden? Geben Sie das dann auf?" "Ja klar", sagt Rößner. "Das lässt sich auf keinen Fall miteinander verbinden, wenn man so ein Amt ausüben will."

OB-Kandidatin Rößner: freundlich - aber zurückhaltend

Später erzählt die 52-Jährige, wie sehr es sie geärgert hat, als SPD-Leute kürzlich forderten, sie solle ihr Bundestagsmandat schon während des Wahlkampfes niederlegen. "Das wäre doch verrückt. Von Michael Ebling hätte bei der letzten Wahl auch niemand verlangt, dass er seinen Posten als Staatssekretär aufgibt, bevor er zum OB gewählt wurde!" Nach anderthalb Stunden ist der Haustür-Wahlkampf für heute beendet. Rößner hat Dutzende von Infozetteln verteilt, ein paar kurze Gespräche geführt – freundlich, aber zurückhaltend. Aufdrängen will sie sich auf keinen Fall, das sei nicht ihre Art und komme auch nicht gut an, sagt sie.

"Ich bekomme Mails, in denen sich Leute über meine Klamotten oder meine Frisur beschweren. Das nervt schon."

Mainzer OB-Kandidatin Tabea Rößner

Zeit für eine kurze Pause bei Kaffee und Kuchen in einem Lokal am Frauenlobplatz. Ein junges Pärchen sitzt am Nachbartisch. Sie wollen wissen, wie der Wahlkampf so läuft und erzählen von einem Anruf eines Meinungsforschungsinstituts. Im Auftrag der SPD Rheinland-Pfalz hatten die Anrufer unter anderem gefragt: "Wollen Sie lieber eine Frau oder einen erfahrenen Oberbürgermeister?" Die jungen Leute fanden diese Frage dämlich und diskriminierend und versichern Rößner ihre Unterstützung. Das tut ihr offensichtlich gut. Als Frau und schon gar als grüne Frau stehe man ganz anders im Fokus bei so einem Wahlkampf als die männlichen Mitbewerber, sagt Rößner.

"Ich bekomme Mails, in denen sich Leute über meine Klamotten oder meine Frisur beschweren! Das nervt schon. Ich wette, solche Mails bekommen die anderen nicht." Überhaupt würden die Posts in den sozialen Netzwerken schon mal unter die Gürtellinie gehen, sagt Rößner. Man merkt, dass es ihr schwerfällt, da drüber zu stehen. Immer wieder schreiben ihr auch Leute, sie solle plakativer sein und ihre Ansichten forscher vertreten. Aber da ist sie ganz klar. Sie werde sich nicht verbiegen. Es sei einfach nicht ihre Art, den Menschen das Blaue vom Himmel herunter zu versprechen. Sie würde nur Dinge versprechen, von denen sie wüsste, dass sie sie als Oberbürgermeisterin auch tatsächlich umsetzen könne. "Mir ist schon klar, dass das nicht besonders sexy ist, dass die Leute das nicht unbedingt hören wollen."

Lieber seriös als plakativ

Aber sie sei lieber seriös und ehrlich als plakativ. So mache sie auch ihre Arbeit. Seit 2009 sitzt die studierte Musikwissenschaftlerin mit Aufbaustudium Journalistik für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag und ist dort medienpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Davor hat sie viele Jahre als Redakteurin und Autorin gearbeitet, unter anderem bei der ZDF-Nachrichtensendung für Kinder "logo!".

Erfolgreich gegen geplantes Kohlekraftwerk

Vielen Mainzern ist Rößner noch bekannt aus der Zeit, als in der Stadt ein Kohlekraftwerk gebaut werden sollte. Sie war damals eine der Wortführerinnen der Gegner des Kraftwerkes, das schließlich auch verhindert wurde. Bis heute engagiert sich die Pfarrerstochter außerdem für ein tolerantes, offenes Zusammenleben und ist stellvertretende Vorsitzende des Vereins "Rheinhessen gegen Rechts". Auch wenn sie seit vielen Jahren regelmäßig nach Berlin pendeln muss – die Stadt Mainz liegt Rößner am Herzen. Richtig leuchtende Augen bekommt sie, wenn sie davon schwärmt, wie viele Schätze diese Stadt zu bieten habe. Von der Römerzeit und ihren Überbleibseln über Gutenberg bis hin zur Mainzer Republik: Das alles müsse man noch viel mehr herausstellen und mit diesen Pfunden wuchern.

Tabea Rößner bei der Podiumsdiskussion. Neben ihr stehen Moderator Ludwig Braun und die OB-Kandidaten Nino Haase (parteilos) und Michael Ebling (SPD).  (Foto: SWR, I. Hartmann)
Tabea Rößner auf einer Podiumsdiskussion in Mainz - neben ihr Moderator Ludwig Braun und die OB-Kandidaten Nino Haase (parteilos) und Michael Ebling (SPD). I. Hartmann

So sagt sie es kurz danach auch bei der Podiumsdiskussion der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung. Rund 150 Mainzerinnen und Mainzer sind gekommen, um zu hören, was Tabea Rößner und ihre Mitbewerber, Amtsinhaber Michael Ebling von der SPD und der parteilose Nino Haase, zu den drängendsten Themen der Stadt zu sagen haben. Es ist eine ruhige Gesprächsrunde. Die Kandidaten stellen nacheinander ihre Standpunkte dar, beantworten Fragen aus dem Publikum und lassen sich gegenseitig ausreden. Ein Forum, das Rößner offensichtlich liegt.

Rößner setzt sich für andere Wohnmodelle ein

Beim Thema Wohnen stellt sie eine ihrer Lieblingsideen vor: Man sollte ältere Menschen mit zu viel ungenutztem Wohnraum und jüngere Menschen auf Wohnungssuche zusammenbringen. So hat sie es selbst erlebt. Jahrelang lebte sie als alleinerziehende Mutter mit einer älteren Dame im Haus, man half sich gegenseitig bei Kinderbetreuung, Einkäufen und vielem mehr, bis die Seniorin schließlich starb. Mittlerweile, erzählt Rößner, seien ihre beiden Töchter ausgezogen und studierten. Nun sei sie selbst unters Dach gezogen und habe eine sechsköpfige Familie aufgenommen. Natürlich sei das kein Konzept, das für jeden passe, aber grundsätzlich würde sie das Projekt "Wohnen gegen Hilfe" gerne vorantreiben.

abea Rößner, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90Die Grünen, spricht beim Landesparteitag von Bündnis 90Die Grünen Rheinland-Pfalz zum Thema Urheberrechtsreform. (Foto: dpa Bildfunk, Thomas Frey)
Tabea Rößner, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, spricht im März beim rheinland-pfälzischen Landesparteitag zum Thema Urheberrechtsreform. Thomas Frey

Beim Thema Verkehrspolitik plädiert Rößner für einen massiven Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs. Eine weitere Rheinbrücke für Autos lehnt sie ab – dieses Geld würde an anderer Stelle fehlen. Sie wolle lieber Alternativen zum Autoverkehr schaffen. Außerdem geht es bei der Podiumsdiskussion um Wirtschaftsförderung, um ein Zentrenkonzept oder das Gutenbergmuseum. Ein Mann aus dem Publikum will wissen, ob die Kandidaten, wenn sie denn gewählt würden, die geplante Mülldeponie im Steinbruch im Stadtteil Laubenheim kippen würden. Rößner nutzt die Gelegenheit, um zu sagen, dass sie nicht einfach Dinge versprechen könne, die gar nicht in ihrer Macht lägen. Ein Zuhörer raunt: "Das finde ich gut, dass sie so ehrlich ist." Eine Frau meint dagegen, sie hätte das alles nicht überzeugt. Was die grüne Umweltdezernentin Katrin Eder in Mainz bislang nicht gemacht habe, werde auch eine grüne Oberbürgermeisterin nicht schaffen. Am Ende bekommen alle drei Kandidaten ihren Applaus. Schwer zu sagen, ob es eine Siegerin oder einen Sieger in dieser Runde gab. Aber es werden ja noch viele weitere Podiumsdiskussionen folgen.

"Ich will Geschichte schreiben..."

OB-Kandidatin Tabea Rößner (Bündnis 90/Die Grünen)

Für Tabea Rößner geht erstmal ein langer Tag zu Ende. Sie freut sich auf den Feierabend. Wenn sie könnte, würde sie jetzt beim Sport oder im Kino entspannen. Aber für Hobbies ist in diesen Tagen wenig Zeit. So ist das im Wahlkampf, weiß Rößner. Es ist schließlich nicht ihr erster. Also wird sie morgen wieder an Haustüren klingeln, am Infostand stehen und abends gibt es die nächste Podiumsdiskussion. Und falls trotz allem noch jemand an ihrer Leidenschaft zweifeln sollte, betont die 52-Jährige noch einmal ganz klar: „Ich will Geschichte schreiben. Ich will nicht nur die erste Oberbürgermeisterin von Mainz werden, sondern erste grüne Oberbürgermeisterin überhaupt in Deutschland!“  

Autorin: SWR-Reporterin Ilona Hartmann

In der sogenannten Tagcloud wird eine Liste an Schlagwörtern angezeigt, die im Online-Wahlprogramm der Kandidaten vorkommen. (Foto: SWR, A. Zieba)
A. Zieba
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