Der Mäuseturm bei Bingen ist durch das Niedrigwasser zu Fuß erreichbar (Foto: picture-alliance / dpa)

Niedrigwasser macht's möglich Zu Fuß zum Binger Mäuseturm im Rhein

Das Wahrzeichen von Bingen, der Mäuseturm, steht auf einer Insel im Rhein und ist eigentlich schwer zu erreichen. Das hat sich durch das Niedrigwasser geändert.

Der Reiz des berühmten Mäuseturms zwischen Bingen und Rüdesheim ist sein Standort auf einem Rhein-Inselchen. Abgesehen von Sonderregelungen gibt es nur an vier Tagen im Jahr rasch ausgebuchte Schiffsfahrten dorthin - samt Turmbesichtigung. Doch in diesem Herbst ist alles anders: Das historische Niedrigwasser des Rheins ermöglicht von Bingen aus trockenen Fußes den Übergang zur Insel.

Einen wahren Besucheransturm löste eine kriminelle Tat aus: Am 21. Oktober, einem Sonntag mit Bilderbuchwetter, brach morgens ein Unbekannter die Tür des Mäuseturms auf. Auf Facebook hieß es fälschlicherweise, die Stadt Bingen habe ihn geöffnet.

Das Wahrzeichen von Bingen, der Mäuseturm, der mitten im Rhein steht, ist aufgrund des Niedrigwassers zur Zeit zu Fuss erreichbar  (Foto: picture-alliance / dpa)
Das Wahrzeichen von Bingen, der Mäuseturm, der mitten im Rhein steht, ist aufgrund des Niedrigwassers zur Zeit zu Fuss erreichbar

Das Wasser- und Schifffahrtsamts (WSA) Bingen hat daraufhin alle Hände voll zu tun, um die Besucherströme zu lenken - denn die Wendeltreppe im Turm ist überaus eng. "Wir haben an sechs Tagen den Besuch des Mäuseturms ermöglicht", sagt der Vizechef des Amts, Florian Krekel. Das seien Tausende Besucher gewesen. "Sie waren sehr geduldig. Zeitweise hatten wir Wartezeiten von eineinviertel Stunden für die Besichtigung", berichtet Krekel.

Kindheitsträume werden wahr

Die Besucherin Stefanie Widmann schreibt auf Facebook: "Wie oft bin ich mit dem Schiff, mit dem Zug, mit dem Fahrrad und mit dem Auto am Ufer an diesem sagenumwobenen Bauwerk vorbeigefahren mit sehnsüchtigen Blick. Diese einmalige Chance konnte ich mir jetzt nicht entgehen lassen. Ein Kindheitstraum wurde wahr." WSA-Vizechef Krekel hat sogar von einzelnen Besuchern gehört, die eigens aus Rom und Paris angereist seien: "Wahrscheinlich haben die früher hier gewohnt." Etliche Turmtouristen hätten sich beim WSA für das kostenlose Erlebnis bedankt.

Mäuseturm wieder geschlossen - Wall zur Insel ausgebaut

Nun ist der Mäuseturm am südlichen Ende des Welterbes Oberes Mittelrheintal wieder geschlossen. "Wir haben eine sehr große Nachfrage befriedigt", sagt Krekel. Die Turmbesichtigung solle aber etwas Besonderes bleiben. Das Inselchen können indes weiterhin viele Spaziergänger erkunden: Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach sagt nur in Maßen Regen voraus. Am vergangenen Donnerstag teilte die Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz mit, "eine dauerhafte Entspannung der Niedrigwassersituation" sei weiter nicht in Sicht.

Zudem hat das Wasser- und Schifffahrtsamt laut Krekel den gefallenen Pegelstand genutzt, um den schadhaften schmalen Steinwall auf dem Stromkabel vom Ufer zum Inselchen auszubessern und zu verbreitern. Das erleichtert den Übergang auch bei leicht gestiegenen Wasserständen. 

Hannelore und Berthold Maul haben den Mäuseturm bei Bingen während des Niedrigwassers zu Fuss besucht (Foto: picture-alliance / dpa)
Hannelore und Berthold Maul haben den Mäuseturm bei Bingen während des Niedrigwassers zu Fuss besucht

Ein Ehepaar ist eigens aus dem nordrhein-westfälischen Euskirchen angereist. "Es lohnt sich", findet Hannelore Maul. Ihr Mann Berthold sagt: "Wir haben das mal live sehen wollen." Allerdings hatte das Paar Schwierigkeiten, den Mäuseturm zu finden. Nahe Parkplätze gibt es nicht - nötig ist ein Spaziergang über das Gelände der rheinland-pfälzischen Landesgartenschau 2008. 

Wie der Mäuseturm zu seinem Namen kam

Im Mäuseturm erklärt eine Ausstellung den Namen: Vor etwa 1.000 Jahren soll der Sage nach der Mainzer Erzbischof Hatto II. bei einer Hungersnot den Armen nicht geholfen, sondern sie eingesperrt in einer Scheune verbrennen haben lassen. Die Schreie der Sterbenden habe der Oberhirte mit dem Pfeifen von Mäusen verglichen. Daraufhin sollen Tausende dieser kleinen Nager den zur Insel flüchtenden Erzbischof verfolgt und in dem Turm bei lebendigem Leib aufgefressen haben.

Tatsächlich erbaut worden ist der Mäuseturm ursprünglich wohl im 14. Jahrhundert als Zoll-Sperrsystem mit der gegenüberliegenden Burg Ehrenfels bei Rüdesheim. In Kriegen zerstört, wird er Mitte des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil wieder aufgebaut.

Das Wahrzeichen von Bingen, der Mäuseturm ist aufgrund des Niedrigwassers zur Zeit zu Fuss erreichbar (Foto: picture-alliance / dpa)
Sonst nur vom Schiff aus ganz nah zu sehen: der Binger Mäuseturm

Eine weitere Ausstellung zeigt in dem denkmalgeschützten Bauwerk die Nutzung als Signalturm bis in die 1970er Jahre, um einen Zusammenstoß von Schiffen im Binger Loch, einer Engstelle des Rheins, zu verhindern. Bis 2015 ist der Mäuseturm mehrere Jahre lang wegen Schimmelbefalls und Sanierung gesperrt. Nun soll ihn eine Heizung vor zu viel Innenfeuchtigkeit bewahren. Und der Einbrecher vom 21. Oktober? Er wird nicht leicht zu ermitteln sein. Die Wasserschutzpolizei Bingen teilt mit: "Da gibt es keine neuen Erkenntnisse."

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