Prozess Mordfall Susanna "Selbstbestätigung im Flüchtlingsheim"

Der abgelehnte Asylbewerber Ali Bashar soll die 14-jährige Susanna aus Mainz vergewaltigt und getötet haben. Der Prozess gegen ihn wird wohl auch eines zeigen: Flüchtlingsunterkünfte bieten jungen Mädchen das Abtauchen in eine andere Welt.

Die Wiesbadener Flüchtlingsunterkunft, in der der Tatverdächtige mit seiner Familie lebte. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Die Wiesbadener Flüchtlingsunterkunft, in der der Tatverdächtige mit seiner Familie lebte. Picture Alliance

Die Wiesbadener und die Mainzer Polizei kennen diese Entwicklung der letzten Jahre: Besonders junge Teenager-Mädchen pflegen Verbindungen zu Flüchtlingen. Sie lernen sich kennen, wie sich junge Menschen eben kennenlernen: über Freunde, über die sozialen Medien im Internet und dann trifft man sich – auch in anderen Städten. Warum auch nicht?

Mädchen fühlen sich akzeptiert

Dennoch, die Ermittler haben ein besonderes Auge drauf. Was macht Flüchtlinge für Schulmädchen interessant? Ines Rose ist Psychologin und Leiterin des Kommissariats für Sexualdelikte bei der Mainzer Polizei. Sie sagt, die Pubertät spiele eine große Rolle. Viele Mädchen seien in dieser Zeit verunsichert. Sie suchten nach Bestätigung, Zuneigung und Anerkennung.

"Und so kann es passieren, dass diese jungen Männer, die in Flüchtlingsheimen wohnen, die unbedingt Kontakt zu Frauen suchen, natürlich viele Komplimente machen. Sie behandeln die jungen Frauen auch durch ihre Kultur bedingt vielleicht anders. Insofern glaube ich, dass sich die Mädchen in Flüchtlingsunterkünften teilweise besser akzeptiert fühlen als von ihren Klassenkameraden."

Tauchen in andere Welt ein

Die Mädchen treffen sich mit den jungen Männern am Bahnhof, im Schnellimbiss, sie besuchen ihre neuen Freunde zuhause oder auch in der Flüchtlingsunterkunft. Gerade Mädchen, die Ärger zuhause oder in der Schule hätten, tauchten dort oft in eine andere Welt ein.

Im Grunde sei es so, dass die Mädchen bereit seien, einiges zu tun, um dort anerkannt und beliebt zu sein, das habe nichts mit Flüchtlingen zu tun, so Ines Rose. "Wir stellen aber auch fest, dass in diesen Kreisen oft Alkohol und Drogen eine Rolle spielen. Es wird viel gekifft und so geraten die jungen Mädchen an Drogen und Alkohol und sind nicht mehr in der Lage, sich so zu erwehren, wie sie es tun würden, wenn sie halt nicht zugedröhnt wären."

Zugedröhnt und hilflos

In diesen Momenten könne es dann zu gefährlichen Situationen und Grenzüberschreitungen kommen. Viele Mädchen sagten in diesem Zustand der Hilflosigkeit nicht mehr klar und deutlich nein, sondern weinten oder drehten sich weg. Aber der Täter behaupte nachher einfach, das habe er nicht so verstanden.

Ines Rose hat bei ihrer Arbeit im Kommissariat für Sexualdelikte immer wieder solche Szenen geschildert bekommen, auch mit mehreren Tätern. Natürlich geschehe dies nicht nur im Zusammenhang mit Flüchtlingen, sagt die Expertin der Mainzer Polizei. Aber sie sagt auch: Wenn Mädchen in der Pubertät den Bezug zu ihrem Umfeld, ihrer Familie verlieren, sind sie anfällig für neue Welten - die der Flüchtlinge ist eine davon.

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