Toilette für jedermann (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Getrennte Klos "historisch überlebt" Mainzer Soziologe für Unisex-Toiletten an Grundschulen

"Richtiger Unfug" sei das Trennen nach Geschlechtern auf Grundschultoiletten, sagt der Mainzer Soziologe Stefan Hirschauer. Auch das Vorgeben von Geschlechterrollen hält er für falsch.

Mit ihrem Witz über Toiletten für das sogenannte dritte Geschlecht hat CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer eine emotionale Debatte angestoßen. Und dabei wird jetzt auch verstärkt diskutiert: Wie viele Toiletten braucht es eigentlich? Reicht denn nicht eine Toilette für alle Geschlechter? Der Soziologe Stefan Hirschauer von der Uni Mainz hat dazu eine klare Haltung, wie er im SWR-Interview sagt.

SWR Aktuell: In Bayern haben einige Grundschulen angekündigt, Toiletten für das dritte Geschlecht zu bauen. Die Behörden hierzulande diskutieren, ob baurechtliche Vorgaben geändert werden müssen. Braucht es denn noch getrennte Toiletten?

Stefan Hirschauer, Professor für Soziologie und Gender Studies an der Uni Mainz: Ich denke, die Einrichtung eines dritten Geschlechts ist eine gute Gelegenheit, über die beiden anderen neu nachzudenken. Die Teilung in Männer- und Frauen-Toiletten war historisch wesentlich dadurch motiviert, dass man auf der einen Seite die Geschlechter dramatisch darstellen wollte - nicht nur durch Berufe und Sportdisziplinen, auch architektonisch.

Auf der anderen Seite wollte man potentielle Sexualpartner auseinanderhalten, etwas das durch gleichgeschlechtliche Interessen seit eh und je unterlaufen wird.

Beide Gründe haben sich historisch weitgehend überlebt. Deswegen haben nicht nur manche Campingplätze, sondern auch viele moderne Unternehmen seit langem Unisex-Toiletten.

"Bei Grundschulkindern halte ich das Trennen nach Geschlechtern aber für richtigen Unfug."

Stefan Hirschauer

Wenn sich also ein Bauträger oder eine Behörde bei Neubauten entscheiden müsste, wäre es sinnvoller Unisex-Toiletten zu bauen, statt drei getrennte Toiletten?

Hirschauer: Definitiv. Natürlich kann manches eher konservative Unternehmen als Übergang Unisex-Toiletten neben den beiden alten bestehenden lassen. Man ließe manchen Frauen den gewohnten Rückzugsraum, den Männern die Pissoirs, alle anderen gehen einfach auf ein freies Klo.

Bei Grundschulkindern halte ich das Trennen nach Geschlechtern aber für richtigen Unfug. Das ist so ähnlich, wie wenn dreijährigen Mädchen am Strand ein Bikini angezogen wird. Diesen Mädchen wird unterstellt, sie hätten aufreizende Brüste. Die Mädchen werden dadurch befangen gemacht und körperbehindert. Sie müssen sich schön und verletzlich finden, die Jungen können frei rumtoben.

So sollte man das mit Toiletten nicht auch machen, indem man Kindern, die vergleichsweise unschuldig als Sechsjährige an Grundschulen kommen, signalisiert, sie müssten nun ordentlich geschlechtsgetrennte Erfahrungen machen.

Kritiker sagen aber, Kinder bräuchten klare Rollenmodelle, ansonsten würden sie verwirrt und verunsichert.

Hirschauer: Eine Toilette ist kein Rollenmodell. Und junge Menschen brauchen im 21. Jahrhundert nicht mehr Orientierungen aus dem 19. und 20., sondern Entfaltungsfreiheit. Wer Kindern heute noch klare Geschlechterrollen zumutet, bringt ihnen bei, dass sie - weil sie anatomisch so oder so ausgestattet sind - bestimmte Verhaltensweisen und Gefühle nicht zeigen und andere dramatisch an den Tag legen sollen.

Das ist eine massive Einschränkung, die nicht nur klare Geschlechter, sondern auch immer mehr Transgender hervorbringt.

Die Debatte um CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und die Toilette für das dritte Geschlecht wurde jetzt sehr emotional geführt. Sollte die Gesellschaft damit lockerer und weniger verkrampft umgehen?

Hirschauer: Ja, eine Entdramatisierung wäre gut. Sie fällt nur manchen Milieus und Generationen schwerer als anderen. Frau Kramp-Karrenbauer hat gesagt, die Toiletten für das dritte Geschlecht sei für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür sei diese Toilette. Das war ein vielschichtiger Witz. Er zielt auf Männer. Dafür benutzt er nur quasi als Wurfgeschoss Menschen mit unbestimmten Geschlecht. Das war unfein, aber der Karnevalshumor ist halt grobschlächtig.

Viel interessanter ist, wie ambivalent der Witz im Hinblick auf Männer ist. Er witzelt nämlich einerseits feministisch über Männer, die immer noch im Stehen Toiletten beschmutzen, zugleich witzelt er aber ganz konservativ und antifeministisch über Männer, die nicht Manns genug sind, weil sie sich nicht mehr trauen, im Stehen zu pinkeln.

Dauer

Man weiß gar nicht genau, worüber man nun kichern soll: über den schmutzenden Mann oder den unentschlossenen Mann, der es den Frauen recht machen will. In dieser Ambivalenz ist es ein "intersexueller" Witz, der zwischen den Geschlechtern changiert.

Die CDU-Vorsitzende bringt unfreiwillig das große Unbehagen zum Ausdruck, das gerade konservative Menschen mit der Aufweichung der Geschlechterdifferenz haben: Wenn Frauen Kanzler können und Männer Kita, dann verlieren auch ehemals sichere Bastionen unseres Geschlechts wie das stehende Pinkeln ihre Grundlage, sie werden lächerlich.

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