Maurice Conrad (Foto: SWR)

"Fridays for Future"-Aktivist Maurice Conrad im Interview "Muss keine Kernseife benutzen, um die Politiker an ihre Ziele zu erinnern"

Der Klimaschutzaktivist und Initiator der "Fridays for Future"-Bewegung in Mainz, Maurice Conrad, spricht im SWR-Interview über seine Erwartungen an den Sommerkongress von Fridays for Future in Dortmund und die Ziele der Aktivisten.

SWR Aktuell: Was versprechen Sie sich vom "Fridays for Future"-Sommerkongress in Dortmund?

Maurice Conrad: Durch den Sommerkongress lernen wir endlich die Menschen kennen, mit denen wir uns vorher nur über das Internet oder über Kommunikationskanäle wie WhatsApp ausgetauscht haben. Und es ermöglicht, Freundschaften zu knüpfen und sich organisatorisch besser zu vernetzen.

Und was erwarten Sie inhaltlich?

Wir machen Workshops zur Pressearbeit oder wie man eine Rede hält. Also ganz konkrete Arbeitsmaßnahmen. Und wir versuchen, gemeinsam Inhalte zu erarbeiten. Wir haben ein Papier mit Forderungen, das wir auf dem Sommerkongress ausarbeiten wollen.

Wenn man das so hört, könnte man den Eindruck bekommen, dass sich die Aktivisten professionalisieren wollen.

Ja, der Eindruck ist sehr richtig. Weil die Bewegung "Fridays for Future" ja auch sehr, sehr schnell gewachsen ist und da muss man drauf achten, dass sich die Bewegung nicht selbst verliert, dass die Leute noch in einem halben Jahr Bock haben weiterzumachen. Die Aussichten, dass in einem halben Jahr die Klimakrise gelöst ist, die sind ja relativ gering. Und mit dieser Aussicht möchte man eine Bewegung mit einer sicheren Struktur schaffen, die effektiv arbeiten kann.

Fridays for Future will seine Strukturen festigen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Peter Zschunke/dpa)
"Fridays for Future" will seine Strukturen festigen Peter Zschunke/dpa

Was könnte Ihrer Meinung nach das Land Rheinland-Pfalz für den Klimaschutz tun? 

Rheinland-Pfalz investiert momentan leider wesentlich mehr Geld in Straßen als in den Bahnverkehr. Rheinland-Pfalz hat immer noch kein 365-Euro-Ticket für öffentliche Verkehrsmittel wie andere Bundesländer. Und auch die Investitionen in die erneuerbaren Energien sind in Rheinland-Pfalz weitestgehend zurückgegangen. Das ist für uns ein zentraler Punkt gewesen, den wir im Februar auch gegenüber Ministerpräsidentin Malu Dreyer vorgebracht haben. Und für die Punkte kämpfen wir weiter.

Mehrere deutsche Städte haben den Klima-Notstand ausgerufen. Konstanz hat den Anfang gemacht. In Rheinland-Pfalz ist das bislang noch in keiner Kommune der Fall. Wünschen Sie sich das auch für Städte in Rheinland-Pfalz?

Das hängt stark davon ab, was da beschlossen wird. Klima-Notstand selber ist ja ein sehr diverses Feld. Klimaschutz generell ist sehr divers. Er muss aus wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten betrachtet werden. Der Klima-Notstand als solcher bietet schon die Möglichkeit, dass er in den Fokus der politischen Debatte gerät. Und dann sind die Chancen auch ungleich höher, dass seine Wichtigkeit gegenüber anderen politischen Themen und gegenüber anderen Prioritäten an Wert gewinnt.

Das Problem am Klima-Notstand ist, dass der Klima-Notstand selber keine Treibhausgas-Emissionen reduziert, sondern auch durchaus dazu geeignet ist, zur Handlungsalternative zu werden. Das heißt, dass sich die Politik bewusst hinter dem Begriff Klima-Notstand versteckt, um eigentlich von der Handlungsunfähigkeit abzulenken.

Aber ich glaube, dass Bewegungen, ob das nun "Fridays for Future" ist oder der BUND, dass wir als Nichtregierungsorganisationen einen Einfluss darauf haben können, was so ein Klima-Notstand beinhaltet. Und es gibt Varianten des Klima-Notstandes, die ich für sehr gut halte: zum Beispiel der Klimavorbehalt. Das bedeutet, jede Entscheidung im Rat oder Parlament muss darauf überprüft werden, welche ökologischen und umweltpolitischen Folgen sie hat. Zum anderen bin ich auch ein Freund davon, den Klima-Notstand mit konkreten Maßnahmen zu verbinden: Zum Beispiel das Pariser Abkommen von 2015 zur Reduktion von Treibhausgasen auf lokaler Ebene anzuwenden. Und konkreten Maßnahmen wie den verpflichtenden Aufbau von Photovoltaik-Anlagen, Anschluss an das Fernwärmenetz und so weiter.

Die 16 Jahre alte Schwedin Greta Thunberg hat mit den Schulstreiks begonnen und daraus ist die weltweite Bewegung Fridays for Future entstanden. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Steffen Trumpf/dpa)
Die 16 Jahre alte Schwedin Greta Thunberg hat mit den Schulstreiks begonnen und daraus ist die weltweite Bewegung "Fridays for Future" entstanden. Steffen Trumpf/dpa

Kritiker sagen, "Fridays for Future" verharre nur bei Forderungen. Die Schüler würden ihr Gewissen beruhigen, um mit Flugreisen und Konsum so weiterzumachen wie bisher. Was entgegnen Sie diesen Kritikern?

Das ist, glaube ich, gar nicht der Fall. Die Aktivistinnen und Aktivisten bei "Fridays for Future" haben in ihrer großen Masse ein anderes Konsumverhalten als der Durchschnittsbürger. Es gab mal einen Gastbeitrag in der "Allgemeinen Zeitung", dessen Autor meinte, er könne die Forderungen der Schüler solange nicht ernst nehmen, solange sie nicht ihr Handy abgeben und Kernseife benutzen. Und ich glaube, auf solche Debatten muss man sich nicht einlassen. Ich muss keine Kernseife benutzen, um von der Regierung verlangen zu können, das sie ihre eigenen Ziele umsetzt. Und ich glaube man muss erkennen, wo berechtigte Kritik am Konsumverhalten von Aktivisten formuliert wird und wo versucht wird, von wissenschaftlich und faktisch korrekten Forderungen der Menschen abzulenken.

Was tun Sie konkret in Ihrem Alltag für ein besseres Klima?

Ich bin Vegetarier. Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr zu fliegen. Ich fahre kein Auto und benutze nur den öffentlichen Nahverkehr. Ansonsten kaufe ich im Unverpackt-Laden. Somit habe ich für mich persönlich einen Lebensstil gefunden, der weit unter dem durchschnittlichen Verbrauch von Treibhausgasen in Deutschland liegt. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen das so machen. Aber das ist alleine keine Lösung. Die Lösung muss politisch stattfinden.

Wie gehen Sie mit den Anfeindungen gegen die Bewegung "Fridays for Future" im Netz um?

Ich kann da nur von meiner Arbeit auf der Bundesebene von "Fridays for Future" sprechen. Ich bin da in der Web-AG und wir verwalten auch die E-Mails. Wir bekommen regelmäßig Mails, die ungefähr die Orthografie eines Sechsjährigen besitzen. Dann gibt es auch sehr fundierte Kritik, die sich mit einzelnen Forderungen auseinandersetzt. Da muss man unterscheiden. Man ist als Bewegung nicht perfekt. Wird fundierte Kritik geübt, dann gehen wir darauf ein und wenn jemand mit Hass-Rede auf uns eingeht, dann ignorieren wir das vollständig.

Reicht es nicht langsam mit den Streiks?

Durch die Streiks hat sich lediglich die Debatte verändert. Aber unser Ziel war ja nicht, die Debatte um Klimapolitik voranzutreiben. Das war ein Sekundär-Ziel. Primär-Ziel ist das 1,5 Grad-Ziel. Und das ist noch in weiter Ferne.

Dauer

Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Zum einen haben wir uns für die Zukunft vorgenommen, die Bewegung zu straffen, weiter auszubauen und vor allem mehr Menschen mitzunehmen. Wir haben immer wieder das Problem - ich spreche hier für Mainz - dass sehr viele Leute gar nicht wissen, dass sie dazu aufgerufen sind, bei uns mitzumachen. Die denken dann immer, das ist nur für die Schüler, die wollen uns da gar nicht. Es ist ein wichtiges Ziel, den Leuten klar zu machen, dass wir eine Bewegung für alle Altersklassen sind. Zum anderen wollen wir mit anderen Umweltbewegungen gemeinsame Aktionen planen und gemeinsam in der Öffentlichkeit auftreten.

Das Interview führte Viviane Chartier

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