Onlinesucht (Foto: iStockphoto)

Drogenkonferenz zu Medienabhängigkeit in Budenheim Wenn Gaming, Social Media & Co. krank machen

Durchzockte Nächte, endloses Scrollen durch Instagram oder sehnsüchtiges Warten auf Likes - immer mehr Menschen erkranken an einer Internetsucht. Darüber haben am Mittwoch Wissenschaftler und Politiker diskutiert.

Bei der Drogenkonferenz zum Thema Medienabhängigkeit in Budenheim (Kreis Mainz-Bingen) ging es darum, wie sich die Internetsucht auf das Leben auswirkt und welche Therapiemöglichkeiten es gibt. Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) forderte mehr Prävention gegen eine gestörte Mediennutzung, "damit die jungen Menschen auch wieder einen Absprung schaffen".

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
16:00 Uhr
Sender
SWR Fernsehen RP

Grenze zur Abhängigkeit schnell überschritten

Die Grenze zur Abhängigkeit kann nach Angaben von Kai Müller schnell überschritten werden. Wer nicht mal einen Tag verzichten könne, sollte sich Gedanken machen, hatte er im Vorfeld der Konferenz dem SWR gesagt: "Es ist immer die Frage, inwieweit die Willensfreiheit noch da ist." Müller arbeitet in der Forschung und Diagnostik der Grüsser-Sinopoli-Ambulanz für Spielsucht in Mainz.

Eine Checkliste mit Symptomen gibt es ihm zufolge nicht. Es sei schwierig, als Laie eine Internetsucht zu erkennen. "Dafür bedarf es einer ausführlichen Diagnostik." Es gebe aber Anzeichen, die häufiger auftreten und das Umfeld hellhörig werden lassen sollten. Als Beispiele nennt er das Vernachlässigen von Beruf und sozialem Leben oder eine mangelnde Körperhygiene. Das Suchtverhalten ist laut dem Diplompsychologen sehr individuell. Während Menschen, die nach sozialen Medien süchtig sind, noch am Leben teilhaben würden - durch Posts und Likes -, würden Gamer ihre Sucht exzessiv und fern von der Realität betreiben.

Kai Müller (Foto: Universitätsmedizin Mainz)
Dr. Kai Müller beschäftigt sich mit der Diagnostik und Forschung von Spiel- und Internetsucht. Universitätsmedizin Mainz

"Während wir uns mit einem guten Essen, einem Film oder Sex belohnen, hat das Gehirn eines Suchtkranken das verlernt", erläutert Müller. Das Belohnungssystem funktioniere bei Suchtkranken anders als bei einem Otto-Normalverbraucher. Für einen Social-Media-Abhängigen seien zehn neue Follower eine Belohnung. Gamer würden sich nur noch über Spielerfolge definieren.

Die Zahl von Internetsüchtigen sei in den vergangenen Jahren gestiegen, so Müller. Dennoch stehe uns noch keine Epidemie bevor. Betroffen sind sowohl Männer als auch Frauen von Anfang bis Ende 20. In der Sinopoli-Ambulanz in Mainz lassen sich aber überwiegend Männer behandeln. "90 Prozent unserer Patienten sind Männer, nur 10 Prozent sind Frauen. Wo sich also die abhängigen Frauen behandeln lassen, ist für uns noch ein Rätsel", sagt er.

Dauer

Therapie: Kein kompletter Verzicht

Eine Standardtherapie für Internetabhängige gebe es nicht. Das Ziel sei es aber, dass die Patienten bewusst und funktional konsumieren. "Eine gewisse Abstinenz ist wichtig, aber der komplette Verzicht ist nicht notwendig", sagt Müller. Den Patienten müsse aber klar sein, dass bestimmte Online-Aktivitäten das Risiko bergen, wieder die Kontrolle zu verlieren.

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