Homo-Ampelmännchen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Schau im Mainzer Landtag Ausstellung beleuchtet Verfolgung von Homosexualität in Rheinland-Pfalz

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Bis 1969 war männliche Homosexualität in der Bundesrepublik verboten. Auch in Rheinland-Pfalz waren tausende Männer von entsprechenden Strafverfahren betroffen. Eine Ausstellung im Landtag zeigt die Hintergründe der Verfolgung.

Gert Eid erinnert sich an den Vorfall, als sei er erst wenige Wochen her. "Die Tür wurde von außen aufgerissen und fünf Leute stürmten rein", erinnert sich Eid an den Überfall auf den Mainzer Schwulen-Nachtklub "Petit Fleur". "Wir sind alle nach vorne gelaufen, und in dem Moment hatte ich schon einen Baseballschläger im Mund, da waren meine ersten Zähne weg." Eid, damals Mitarbeiter in der Kneipe, berichtet aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren, als es noch strafbar war, schwul zu sein - und gefährlich.

Dabei geht es nicht nur um Paragrafen und die körperliche Unversehrtheit. Eid hat auch das gesellschaftliche Klima erfahren, das Homosexuellen in dieser Zeit entgegenschlug. "Als die Schlägertypen wieder weg waren, haben wir überlegt, ob wir die Polizei holen sollen", erzählt er in einem Zeitzeugen-Video. Einige hätten sich schließlich dagegen ausgesprochen. "Auch als Zusammengeschlagener hättest du dich nicht getraut, dich an die Polizei zu wenden, weil die Polizei erstmal in deinem Leben rumgewühlt hätte, um dir was anzuhängen."

Dauer

Über 50.000 Männer bis 1969 verurteilt

Bis 1969 war der Paragraf 175 in der von den Nazis verschärften Version von 1935 gültig. Die Ausstellung "Verschweigen - Verurteilen" im Mainzer Landtag will bis zum 7. Februar die Folgen der strafrechtlichen Verfolgung von schwulen Männern und lesbischen Frauen aufzeigen, von der Nachkriegszeit bis zur Entschärfung des Paragrafen in den Jahren 1969 und 1973.

Schulte: "Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen"

Schätzungen zufolge verurteilte die Justiz in der Bundesrepublik bis 1969 mehr als 50.000 Männer auf Basis des Paragrafen 175. Joachim Schulte vom Netzwerk QueerNet Rheinland-Pfalz spricht von rund 6.000 Strafverfahren in Rheinland-Pfalz und knapp 2.900 Verurteilungen. "Die Strafverfolgung ist Realität gewesen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen", erinnert er sich. "Als Homosexueller wusste man: Wenn ich mich jemandem nähere und das sichtbar ist, kann jemand kommen und mich anzeigen."

"Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen lässt, wird mit Gefängnis bestraft." (Paragraf 175 von 1935 bis 1969)

CSD: Ungläubig geguckt oder geschimpft

Die Szene habe immer wieder Orte finden müssen, um sich zu organisieren, erläutert Schulte. "Da hat man sich dann zum Beispiel in den Hinterzimmern von Kneipen oder öffentlichen Gebäuden gefunden, einfach, um einmal frei sprechen zu können." Schulte zählt sich zu den Mitorganisatoren einer der ersten Christopher Street Days, damals in Bremen Ende der 70er-Jahre. "Das war ein Wagen, ein bisschen Musik, Transparente und Slogans durch das Megaphon." Passanten hätten ungläubig geguckt oder auch geschimpft. "Wenn man Flugblätter verteilt hat, sind Leute zurückgewichen, so nach dem Motto: Oh, fass' mich nicht an."

CSD in Trier (Foto: SWR)

Reform wurde in der Szene gefeiert

1969 beschloss die Große Koalition schließlich eine Strafrechtsreform. Homosexualität war keine Straftat mehr, wenn die Männer älter als 21 Jahre waren. Die Zahl der Verfahren ging deutlich zurück. 1973 senkte der Gesetzgeber das Schutzalter auf 18 Jahre.

Gert Eid erinnert sich: "Es war plötzlich wie eine Befreiung. In allen Schwulenkneipen, die ich kenne, wurde das gefeiert." Im "Petit Fleur" sei viel gesprochen worden. Zeitungsartikel wurden mitgebracht und diskutiert. Im Alltag freilich seien die Veränderungen erst mit den Jahren zu spüren gewesen. "Man stellte fest, dass die Polizei nicht mehr so oft kam und dass man auch als Schwuler Gehör fand."

Landtag entschuldigt sich bei Opfern

Es dauerte dann noch 21 Jahre, bis die Verfolgung von Homosexualität ihren endgültigen Abschluss fand: Erst 1994 beschloss der Bundestag die ersatzlose Aufhebung des Paragrafen 175.

Der rheinland-pfälzische Landtag entschuldigte sich im Jahr 2012 bei den Opfern und beschloss, die Verfolgung schwuler Männer und lesbischer Frauen wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Auf den Ergebnissen dieser Forschungsarbeit beruht auch die Ausstellung.

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