Eine syrische Familie, die durch die türkische Militäroperation im Nordosten Syriens vertrieben wurde, trägt Decken und Hilfsgüter durch das Lager Bardarash, nördlich von Mosul (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Arzt Trabert schildert Lage in Nordsyrien Mainzer Hilfsprojekte von türkischer Invasion betroffen

In den Kampfgebieten im Norden Syriens haben nach Aussage des Mainzer Arztes Gerhard Trabert inzwischen 90 Prozent der Krankenhäuser ihre Arbeit eingestellt. Auch Hilfsprojekte seines Vereins seien betroffen.

Eine von Traberts Verein "Armut und Gesundheit" mit medizinischem Gerät und Spenden unterstützte Klinik in der umkämpften Stadt Tal Abyad (Gire Sipi) sei geschlossen worden. Der direkt an der türkisch-syrischen Grenze gelegene Ort war eines der ersten Ziele für die Offensive türkischer Truppen. Die Situation vor Ort sei derzeit unübersichtlich, offenbar sei das Gebäude noch intakt, berichtete der Mediziner am Freitag in Mainz.

Weinende Menschen vor dem Krankenhaus

"Meine Kontakte haben berichtet, die Menschen hätten weinend vor dem Krankenhaus gestanden", sagte Trabert. Das Klinikum in Gire Sipi sei einer der wenigen Orte in der syrischen Kurdenregion Rojava gewesen, in der auch Dialyse-Behandlungen durchgeführt werden konnten. Aus Deutschland hatte das Krankenhaus unter anderem einen Inkubator, chirurgische Ausstattung und ein sogenanntes Dermatom zur Durchführung von Hauttransplantationen erhalten.

Dauer
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21:45 Uhr
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SWR Fernsehen RP

Auch andere Projekte des Mainzer Hilfsvereins sind vom Aufflammen der Kämpfe direkt betroffen. Unmittelbar nach dem Beginn des türkischen Einmarsches musste die von "Armut und Gesundheit" betriebene Diabetes-Ambulanz Kobane (Ain al-Arab) schließen. "Ich habe den Mitarbeitern gesagt, sie sollen die Arbeit einstellen und sich in Sicherheit bringen", sagte Trabert. Auch ein ebenfalls mit Spendengeldern von "Armut und Gesundheit" und weiteren deutschen Sponsoren betriebenes Waisenhaus in der Stadt sei evakuiert worden. "Für die Kinder war jede Explosion eine neue Traumatisierung", sagte Trabert, der in der Region seit 2017 humanitäre Hilfe leistet und bereits sechs Mal vor Ort war.

Hilfsorganisationen verlassen Kampfgebiete

Internationale Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" hätten die Kampfgebiete inzwischen verlassen, dadurch gebe es auch in den großen Flüchtlingslagern praktisch keine medizinische Versorgung mehr.

Der Sozialmediziner Gerhard Trabert klagt - das Jobcenter Mainz fordert Geld von dem Flüchtlingsbürgen. (Foto: Gerhard Trabert)
Gerhard Trabert bei Einsatz im Ausland bei Versorgung von Flüchtlingen (Archiv) Gerhard Trabert

Bei seinem letzten Besuch in der Kurdenregion hatte der Arzt mit den Vertretern der örtlichen Selbstverwaltung noch über neue Projekte verhandelt. So habe es in Syrien großes Interesse an dem in Mainz erprobten Modell eines Arztmobils gegeben. Mit dem für einfache Behandlungen ausgestatteten Kleinbus versorgt der Mainzer Mediziner seit vielen Jahren obdachlose Menschen in der Stadt. In Syrien habe es die Idee gegeben, mit Arztmobilen entlegene Dörfer anzusteuern.

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