Reformbewegung tagt in Ludwigshafen

Wir sind Kirche: "Priester sollten heiraten können"

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Die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche" fordert seit 25 Jahren ein freiwilliges Zölibat und, dass Frauen Priesterinnen werden dürfen. Verändert hat sich nichts. Was treibt die Mitglieder trotzdem an? Ein Ehepaar aus Neustadt berichtet.

Am Wochenende feiern 100 Katholiken aus dem Bistum Speyer im Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen das 25-jährige Bestehen der Bewegung "Wir sind Kirche" - wegen Corona mit einem Jahr Verspätung. Das Ehepaar Christine und Norbert Lindemann aus Neustadt an der Weinstraße ist von Anfang an dabei.

"Mehltau über der katholischen Kirche"

Wenn Norbert Lindemann auf die Anfänge zurückblickt, erinnert er sich an eine große Unterschriftenaktion aus dem Jahr 1995. Es ging um die Forderung nach gleichen Rechten für Frauen und Männer und nach einer selbstbestimmten sexuellen Orientierung und Partnerwahl. "Wir hatten so damals das Gefühl, es hat sich so etwas wie Mehltau über die Kirche gelegt und da muss etwas passieren!", sagt Lindemann. "Und so haben wir in der Diözese Speyer die erfolgreichste Unterschriftenaktion der Geschichte gestartet - mit nahezu 40.000 Unterschriften!"

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Seine Frau Christine, eine ehemalige Lehrerin, ist eine kirchenmusikbegeisterte, überzeugte Christin. Sie erinnert sich, wie sie und ihr Mann 1997 beim ersten internationalen Treffen der Bewegung in Rom waren: "Das war so eine Euphorie! Stellen sie sich vor, da kam ein Flugzeug mit lauter Jugendlichen, die mitgemacht haben", sagt sie. "Leider durften wir da nicht in die Kirchen rein. Und dann haben wir auf dem stinkigen Markt in Rom mit allen Ländern, die da vertreten waren, Gottesdienst gefeiert." Die "Wir sind Kirche"-Vertreter wollten den damaligen Papst Johannes Paul II. in Rom ihre Anliegen überreichen. Doch der Papst empfing sie nicht. Wachleute hätten den Weg versperrt.

"Wir sind Kirche" - Christine Lindemann verteilt Flugblätter (Foto: privat)
"Wir sind Kirche" - Christine Lindemann verteilt Flugblätter privat

Ehepaar Lindemann: Reformbewegung wurde "ausgeschlossen"

Ähnliche Erfahrungen wie in Rom mussten die beiden als jahrelange Sprecher der Pfälzer Regionalgruppe von "Wir sind Kirche" immer wieder machen: "Wir wurden ausgeschlossen in Speyer, wir wurden ausgeschlossen vom Katholikentag in der Pfalz. Alles mit der Begründung, dass wir kein kirchlicher Verband waren." Deshalb seien sie und ihre Mitstreiter eben nach draußen auf die Straßen und Plätze gegangen, um ihre Botschaft zu verbreiten, sagt der pensionierte Lehrer. So hätten sie sich etwa beim Weinlesefest in Neustadt am traditionellen Festumzug mit einem eigenen Wagen beteiligt unter dem Motto "Neuer Wein in neuen Schläuchen": "Der Festwagen bestand aus einer Kirche aus Styroporteilen, die so zusammengebaut werden konnten, dass immer wieder eine andere Kirche entstehen konnte."

"Priester sollen heiraten können, wenn sie wollen"

Außerdem kommen sie bis heute jedes Jahr am Tag der Priesterweihe auf dem Domplatz in Speyer, um mit den jungen Priestern und mit Passanten über das Zölibat, Frauen im Priesteramt und die Bedeutung der Seelsorge zu sprechen. Gerade zu Beginn seien sie deshalb auch beschimpft worden: erzählt Christine Lindemann: "Es soll einfach darauf aufmerksam gemacht werden, dass die jungen Pfarrer richtig eingesetzt werden und dass sie vielleicht auch einmal heiraten können, wenn sie wollen, sie müssen es ja nicht."

Die zentralen Forderungen, mit der die Reformbewegung junger Katholiken vor 25 Jahren angetreten war, sind zwar bis heute nicht umgesetzt. Allerdings würde immerhin auch innerhalb der Kirche offen darüber diskutiert, so Norbert Lindemann: "Ich bin wirklich voller Hoffnung, dass sich in absehbarer Zeit etwas tut,denn ohne das Kirchenvolk kann keine Kirche bestehen und wenn die Gläubigen des Kirchenvolkes in eine andere Richtung gehen als Rom will, dann gibt es entweder eine Spaltung oder Kirche implodiert, fällt zusammen!"

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25 Jahre "Wir sind Kirche" - Jubiläumsfeier in Ludwigshafen

Die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" veranstaltet von 15. bis 17. Oktober in Ludwigshafen ihre Jubiläumstagung und 46. Bundesversammlung. Bei der Veranstaltung im Heinrich-Pesch-Haus der Katholischen Akademie Rhein-Neckar gehe es um "selbstkritische Rückschau, aktuelle Situationsanalysen und realistische Zukunftseinschätzungen in der derzeitigen kirchlichen Umbruchzeit", teilte die katholische Reformbewegung mit. Unter dem Motto "25+1 Jahre - Wir sind Kirche" hätten sich rund 100 Delegierte und Teilnehmende angemeldet.

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