Ein Luftfilter steht in einer Schulklasse. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Arne Dedert)

Diskussion in der Südpfalz

Sind die Luftfilter in Grundschulen in Jockgrim gefährlich?

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Die Verbandsgemeinde Jockgrim kauft UVC-Luftfilter für die Grundschulen und Kitas zum Schutz vor Corona. Das sorgt für Diskussionen.

Mitte Juli hatte der Verbandsgemeinderat Jockgrim (Kreis Germersheim) beschlossen, seine vier Grundschulen und auch die acht Kindertagesstätten komplett mit UVC-Luftreinigungsanlagen auszustatten. 130 UVC-Geräte sollen dafür angeschafft werden. Die geschätzten Kosten liegen bei mehr als 200.000 Euro. Nach Angaben von Verbandsbürgermeister Karl Dieter Wünstel (CDU) war es dem Rat wichtig, das Risiko, dem die Kinder und die Lehrkräfte ausgesetzt sind, so weit wie möglich zu senken.

UVC-Luftreiniger in der Mensa in Hatzenbühl (Foto: SWR)
An der Grundschule in Hatzenbühl in der Verbandsgemeinde Jockgrim hängt schon ein UVC-Filter (Archivbild)

"Aus unserer Sicht sind UVC-Geräte, die keine Filter haben, die wir austauschen müssen, die beste und sicherste Möglichkeit, die wir kurzzeitig auch schnell realisieren können."

Vater fürchtet UVC-Strahlung

York Theisinger aus Jockgrim ist Vater von zwei Schulkindern. Er macht sich Sorgen, dass aus den UVC-Geräten im Klassenzimmer erbgutschädigende Strahlung austreten und seinen Kindern schaden könnte. Ein Hinweis dafür sei, dass aus dem Gerät blaues Licht nach außen dringe. Außerdem bemängelt Theisinger, dass die Gemeindeverwaltung der Öffentlichkeit zunächst keine Gutachten zur Strahlung der Geräte vorgelegt habe. UVC-Strahlung sei nachweislich krebserregend, sagt Theisinger.

Umweltbundesamt: Gutachten wichtig

Heinz-Jörn Moriske, Experte beim Umweltbundesamt, hat ebenfalls Vorbehalte gegen den Einsatz der UVC-Geräte in Schulen. Er rät den Kommunen, sich auf jeden Fall vom Hersteller unabhängige Gutachten zur Strahlung und Wirksamkeit der Geräte vorlegen zu lassen. Der Wissenschaftler betont auch, dass UVC-Geräte direkte Infektionen im nahen Umfeld nicht verhindern können, also auch das Tragen von Masken im Klassenzimmer nicht ersetzen. Das Lüften über die Fläche sei immer noch das beste und einfachste Mittel.

"Den Beschaffern (Kommunen und Schulen, Anm. d. Redaktion) empfehlen wir, sich diese Punkte belegen zu lassen und sonst lieber Abstand zu nehmen von den Geräten. Wir sind also keinesfalls glühende Befürworter der Technik."

Gutachten zu den UVC-Lüftungsgeräten

 Die Verbandsgemeinde Jockgrim hat vom Händler, bzw. Hersteller mehrere Nachweise zu den eingesetzten UVC-Anlagen bekommen, die dem SWR vorliegen. Ein Nachweis stammt vom Hersteller selbst, der die Ungefährlichkeit seines Gerätes garantiert. Ein weiterer Nachweis bezieht sich auf Messungen der austretenden Strahlung und stammt ebenfalls vom Hersteller, ist mit einem Siegel des TÜV-Nord versehen. In diesem Verweis ist ein verschwindend geringer Austritt an Strahlung angegeben.

Hersteller: Geräte erfüllen alle Standards

Laut Hersteller erfüllen die Geräte alle geforderten Standards: "Die Geräte wurden von einem unabhängigen deutschen Institut nach DIN EN ISO 15858 geprüft und frei gegeben. Die Messungen umfassten die Prüfungen in einer realen Umgebung eines installierten Gerätes." Außerdem lägen die technischen Gutachten zur Prüfung auf UVC-Geräteemission sowie Desinfektionswirkung vor, so die Stellungnahme des Händlers. Es sei ebenfalls geprüft, dass die eingesetzten UV-Lampen keine ionisierende Strahlung emittieren und nicht ozonbildend sind. Wenn alle Normen eingehalten und die UVC-Geräte normgerecht installiert seien, sei eine Schädigung von Menschen ausgeschlossen, so der betroffene Händler. Das blaue austretende Licht liege nicht im gefährlichen 254nm-Bereich, der sich nur im Inneren des Gerätes befinde, deshalb spreche man von einem gekapselten System, so der Händler weiter.

Woher stammen Angaben zur austretenden Strahlung?

Der TÜV Nord prüft bei solchen Geräten nach eigenen Angaben nur Qualitätsmerkmale wie die verbauten Materialien, nicht aber ob und wie viel Strahlung die Geräte frei geben.

Ein dritter Nachweis befasst sich ebenfalls mit der austretenden Strahlung: Die Gutachter der Gesellschaft zur Förderung von Medizin-, Bio- und Umwelttechnologien (GMBU) haben dort ebenfalls nachgewiesen, dass aus dem Gerät eine Strahlung austritt. Das Gutachten empfiehlt deshalb, die Geräte je nach Verweildauer im Klassenzimmer auf einer Höhe von 2,50 Meter bis 2,70 Meter aufzuhängen, um die gesetzlichen Grenzwerte einzuhalten und eine Gefährdung auszuschließen. Genau so plant das nach eigenen Angaben auch die Verbandsgemeinde.

Modellhafte Messungen zur Wirksamkeit der Luftreiniger

Der Händler verweist zur Desinfektionsleistung der UVC-Geräte auf Gutachten des Herstellers, wonach eine 99-prozentige Desinfektion von 88 Prozent der Raumluft durch die Geräte stattfindet. Laut Verbandsgemeinde hat ein Ingenieurbüro aus Jockgrim eine Methode zur Messung von COVID-19 Infektionsrisiken in belüfteten Räumen entwickelt.

Das Büro habe bereits in einem Klassenzimmer modellhaft gemessen, wie sich das Kohlendioxid im Raum verbreitet. Das ermögliche die Geräte in den anderen ähnlich geschnitten Klassenzimmern an Stellen aufzuhängen, an denen die Reinigungsleistung am effektivsten sei, so Verbandsbürgermeister Karl Dieter Wünstel.

Pro Klassenzimmer seien zwei UVC-Geräte geplant. Im Winterhalbjahr würden dann nochmals Messungen unter Realbedingungen durchgeführt, um festzustellen, ob sich Luftströme und CO2-Gehalt in der kalte Jahreszeit verändern. Falls ja, müssten die Geräte eventuell an anderen Stellen der Klassenzimmer-Decke aufgehängt werden.

Umliegende Verbandsgemeinden im Landkreis entscheiden anders

Im Gegensatz zu Jockgrim hat die Verbandsgemeinde Rülzheim noch nicht entschieden, ob sie überhaupt zusätzliche Geräte zur Luftreinigung in ihren Schulen einsetzt und wenn ja welche. Die Verwaltung sei zurückhaltend, so der Verbandsbürgermeister von Rülzheim, Matthias Schardt (CDU). Aus Sicht der Gemeindeverwaltung stellt jede Lüftungsanlage eine zusätzliche Belastung für Schülerinnen und Schüler dar.

"Selbst Anlagen mit einer Lautstärke von circa 30 Dezibel (entspricht dem Geräusch in einem ruhigen Schlafzimmer, Anm. d. Red.) sorgen für Stress und Beeinträchtigungen für alle in den Räumen anwesenden Personen im Unterrichtsalltag."

Außerdem merkt Bürgermeister Schardt an, dass die Ansteckungsgefahr von unmittelbaren Sitznachbarn deutlich wahrscheinlicher sei als über Aerosole. Es gebe zudem keine Landes- und Bundeszuschüsse für UVC- und andere Anlagen, wenn regelmäßiges Lüften in den Klassenzimmern möglich ist.

Hagenbach setzt auf Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung

Die Verbandsgemeinde Hagenbach plant, in ihren drei Grundschulen Raumlufttechnische Anlagen einbauen zu lassen. Laut Verbandsbürgermeisterin Iris Fleisch ist die Kommune der Auffassung des Umweltbundesamts, dass fest installierte Zu- und Abluftanlagen nachhaltiger und deren Wirksamkeit einfacher zu kontrollieren sind. Außerdem fördere der Bund diese Anlagen.

Kandel vergleicht bereits verschiedene Lüftungsanlagegen

Die Verbandsgemeinde Kandel hat nach Angaben von Bürgermeister Volker Poß in ihren drei Grundschulen drei verschiedene Anlagentypen in Betrieb: davon drei UVC-Geräte in schlecht belüftbaren Räumen, in der Grundschule Kandel seien Raumlufttechnische Anlagen eingebaut, in Freckenfeld gebe es bereits mehrere selbst gebaute Abluftanlagen aus dem Baumarkt. Das sei auch für Minfeld geplant.

Außerdem habe man einen Raumluftreiniger mit sogenanntem Hepa-Filter angeschafft. Die Gemeinde wolle nun Erfahrungen mit allen Anlagen sammeln und erst dann eine Entscheidung über weitere Anschaffungen treffen.

Hintergrund: Wie funktionieren UVC-Luftreiniger?

UVC-Geräte wirken antiviral: Die ultraviolette Strahlung in den Geräten tötet Viren ab, indem sie deren Erbgut schädigt. Bisher werden UVC-Geräte vor allem zur Desinfektion von Oberflächen etwa in der Medizin eingesetzt. Sie zur Luftreinigung einzusetzen, wenn sich Menschen im Raum aufhalten, ist relativ neu und laut dem Max-Planck-Institut in Mainz wenig erforscht.

So wisse man etwa nicht, wie die Luft sich durch die Bestrahlung verändert und ob sich das auf die Gesundheit auswirkt. Laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) ist der Einsatz der UVC-Geräte unbedenklich, solange keine Strahlung nach außen dringen kann.

Wie gefährlich ist UVC-Strahlung?

UVC-Strahlen werden zwar auch von der Sonne erzeugt, aber sie dringen nicht durch die Atmosphäre - anders als bei UVA- und UVB-Strahlen. Laut dem BfS sind als Reaktionen auf UVC-Strahlung "schmerzhafte Entzündungen der Hornhaut oder der Bindehaut des Auges sowie der Haut bekannt. Auf lange Sicht gesehen kommt zum Tragen, dass die Erbsubstanz, also die DNA, geschädigt wird und derart geschädigte Zellen zu Krebszellen entarten können.“

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