Liste vermisster Personen auf der Website des Landeskriminalamtes (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner)

16-Jähriger aus Ludwigshafen ist Ende März verschwunden

Nach Flucht vor Abschiebung: Vermisster Junge meldet sich beim SWR

STAND
AUTOR/IN

Die Abschiebung einer armenischen Familie aus Ludwigshafen hatte im April für Schlagzeilen gesorgt: Der 16-jährige Sohn hatte sich währenddessen abgesetzt. Nun hat er sich bei "SWR Aktuell" gemeldet.

Bis gestern fehlte von dem Jungen jede Spur. Dann nahm Thar, so der Name des 16-Jährigen, nach dem auch die Polizei zeitweise mit öffentlichem Aufruf gesucht hatte, plötzlich Kontakt auf: Er habe im Internet die SWR-Berichterstattung verfolgt und wolle einiges klarstellen. SWR-Reporterin Nicoletta Prevete hat ihn getroffen und mit ihm gesprochen.

Nicoletta Prevete: Wie geht’s dir, Thar?

Thar: Ich habe Magenschmerzen. Als ich an dem Abend weggerannt bin, bin ich hingefallen. Auf einmal war mein Mund voller Blut. Ich weiß auch nicht, woher das jetzt kam. Jedenfalls habe ich seitdem starke Magenschmerzen. Die ersten zwei Wochen nach meiner Flucht war ich auch stark erkältet, weil ich die erste Nacht draußen verbracht habe, in einer Kleingartenanlage.

Nicoletta Prevete: Warum bist du an diesem Abend am 30. März abgehauen?

Thar: Ich hab einfach Angst gekriegt, ich war schockiert. In dem Moment hab ich einfach gar nichts verstanden, ich bin einfach weggerannt. Weil ich weiß ja, wie es in Armenien ist. Wir haben ja dort gelebt. Das war sehr schlimm da. Man kann dort nicht zur Schule gehen. Ich wollte nicht zurück. Hier hab ich ja auch meine Freunde. Dort bin ich ein Jahr zur Schule gegangen. Das war´s. Es gab zwar eine Schule, aber wir konnten uns das nicht leisten. Bücher, Hefte, Schulkleidung. Das kostet alles Geld. Das konnten wir uns nicht leisten.

Nicoletta Prevete: War das der Grund, warum ihr nach Deutschland gekommen seid?

Thar: Auch. Aber hauptsächlich, weil mein Vater dort Probleme hatte mit den Clans, die es da gibt. Die haben ihn so verprügelt, dass sein Bein gebrochen war. Er hat viel Angst. Er wollte deshalb auf keinen Fall nach Armenien zurück. Er sagt, wenn es nur ein Prozent Chance gäbe, dass er nach Deutschland zurückkann, er würde sie nehmen. Weil dort kann er nicht leben.

Thar (Foto: Privat)
Thar mit seinem Vater, der nach Armenien abgeschoben wurde. Privat

Nicoletta Prevete: Kommen wir nochmal auf den Abend der Abschiebung zurück, wie ist es denn an dem Abend abgelaufen?

Thar: Also, ich war in meinem Zimmer und mein Opa ist reingekommen, der hat gesagt, Polizisten sind da, die wollen euch abschieben. Es waren 18 bis 20 Polizisten da und zwei Mitarbeiter der Ausländerbehörde. Die haben erst einen Corona-Test gemacht. Und dann haben sie gesagt, ihr müsst nach Berlin zum Flughafen fahren und dann nach Armenien zurück.

Nicoletta Prevete: Die Stadt Ludwigshafen sagt, dein Vater hat einen Fluchtversuch vorgetäuscht, um von dir abzulenken, damit du dann fliehen kannst. Stimmt das?

Thar: Nein, Nein. Das stimmt nicht. Mein Vater hat so etwas nicht gesagt. Ich war schockiert. Die Polizisten standen direkt neben meinem Vater. Und da bin ich abgehauen. Das war meine Reaktion. Mein Vater hatte damit nichts zu tun. Ich hatte mich dann ganz in der Nähe der Unterkunft versteckt und habe sogar gesehen, wie meine Familie weggebracht wurde. Dann bin ich zu den Gärten und hab bis 6 Uhr versucht, im Freien zu schlafen. Und dann bin ich weg.

Ludwigshafen

Nach Flucht von 16-Jährigem Protest gegen Abschiebung von armenischer Familie aus Ludwigshafen

In Ludwigshafen ist eine Familie aus Armenien in ihr Heimatland abgeschoben worden - ohne den 16-jährigen Sohn. Er war bei der Abschiebung geflohen und ist seitdem verschwunden. Jetzt regt sich Protest.  mehr...

Zur Sache Rheinland-Pfalz! SWR Fernsehen RP

Nicoletta Prevete: Warum bist du jetzt hier? Warum hast du Kontakt zu uns aufgenommen?

Thar: Ich hab die Berichte im Internet gelesen. Auch dass Leute uns helfen wollen, wie Dolly (Anmerkung der Redaktion: Dolly El-Ghandour, SPD-Politikerin aus Ludwigshafen, die sich für die Familie einsetzt). Da hab ich gedacht, vielleicht hab ich eine Chance, in Deutschland zu bleiben. Deshalb bin ich gekommen. Ich weiß jetzt nicht was passiert. Ob die mich zurückschicken oder hier lassen. Ich weiß noch gar nichts.

Nicoletta Prevete: Warum willst du denn unbedingt hier in Deutschland bleiben?

Thar: Ich bin hier drei Jahre zur Schule gegangen. Ich hab auch gut gelernt. Dieses Jahr sollte ich meinen Abschluss machen. Aber das ging ja jetzt nicht. Ich hab auch schon bei Netto ein Praktikum gemacht. Und das Praktikum war sehr gut. Und ich wollte dort meine Ausbildung machen. Meine Familie ist jetzt abgeschoben. Das ist sehr schwer. Aber ich wollte in Deutschland bleiben, bei meinem Opa und meiner Oma.

Nicoletta Prevete: Danke für dein Vertrauen, Thar.

Anmerkung der Redaktion: Thar geht es den Umständen entsprechend gut. Einen Arzt konnte er wegen seiner persönlichen Umstände bislang nicht aufsuchen. Er wird erst einmal bei Freunden bleiben, bis seine rechtliche Lage geklärt ist.

Ludwigshafen

Nach Abschiebung einer Familie ohne ihren Sohn Mehr als 100 Menschen bei Demo gegen Abschiebung einer armenischen Familie

Eine armenische Familie aus Ludwigshafen wurde ohne ihren Sohn abgeschoben. Am Freitagnachmittag demonstrierten deswegen mehr als 100 Menschen.  mehr...

Ludwigshafen

Nach Abschiebung: 16-jähriger Sohn weiter vermisst Armenische Familie aus Ludwigshafen - Ministerium schaltet sich ein

Die Abschiebung einer Familie nach Armenien ohne den Sohn sorgt in Ludwigshafen weiter für Ärger. Jetzt hat sich das Integrationsministerium eingeschaltet: Eine Zusammenführung der Familie sei möglich, hieß es.  mehr...

Ludwigshafen

Jetzt die SWR Aktuell App runterladen Nachrichten aus Ludwigshafen und der Süd- und Vorderpfalz aufs Handy

Die SWR Aktuell App bringt Ihnen kurz und knapp alles Wichtige auf Ihr Smartphone. Sie bekommen jetzt auch gezielt Nachrichten aus Ludwigshafen und der Pfalz. So funktioniert's:  mehr...

STAND
AUTOR/IN