Der Fotograf Hyp Yerlikaya will zeigen, wie Prostituierte leben und arbeiten. Das Geschäft ist während Corona härter geworden. (Foto: Hyp Yerlikaya)

Prostitution während der Pandemie

"Corona leert einer Nutte den Geldbeutel"

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Eigentlich will Simone raus aus dem Rotlichtmilieu, nicht mehr als Prostituierte arbeiten. Denn das Geschäft ist hart und in Pandemie-Zeiten noch härter.

Simone, die ihren Nachnamen nicht öffentlich nennen will, hat zur Zeit keine Wohnung. Die 35-Jährige lebt bei Freunden oder Freiern. Vor der Pandemie hatte sie den Ausstieg aus der Prostitution schon fast geschafft, aber durch Corona hat sie ihre Putz- und Aushilfsjobs wieder verloren. "Das hat mich wieder in die Prostitution rübergeschoben, weil von was soll ich mich ernähren", sagt sie im Interview mit dem SWR.

Aufgewachsen in der Pfalz

Die gebürtige Jamaikanerin hat als Teenager in einer Pflegefamilie in der Nähe von Mutterstadt im Rhein-Pfalz-Kreis gelebt. Sie erzählt, dass der Großvater sie missbraucht habe. Mit 18 Jahren habe sie angefangen, im Rotlichtmilieu zu arbeiten.

Zwar sind Laufhäuser und Bordelle seit zwei Jahren mehr oder weniger dicht, doch das Geschäft läuft weiter. In Pandemiezeiten ist es für Prostituierte nicht einfacher geworden. "Corona leert einer Nutte den Geldbeutel", kommentiert Simone.

Simone arbeitet als Prostitutierte - Corona macht die Lage für sie nicht einfacher (Foto: Hyp Yerlikaya)
Eine weiße Maske verdeckt das Gesicht der Prostituierten, die der Fotograf Hyp Yerlikaya porträtiert. Auch Simone hat bei der Serie mitgemacht. Hyp Yerlikaya

Frauen bahnen Geschäfte im Netz an

Auf einschlägigen Seiten präsentieren sich Frauen mit Hochglanzfotos, geben sich äußerst freizügig. Eine Stichprobe Anfang der Woche zeigt, dass sich 264 Prostituierte in Mainz anbieten, 106 sind es in Koblenz, im Raum Ludwigshafen sogar 302 Frauen, in Kaiserslautern sind es 87 Frauen und in Trier 84 Frauen.

Viele Frauen seien mit Beginn der Pandemie aus den Zimmern geworfen worden, wurden von heute auf morgen obdachlos, sagt Julia Wege von der RWU Hochschule Ravensburg-Weingarten. Die frühere Sozialarbeiterin versucht, Simone beim Ausstieg aus der Prostitution zu helfen.

Prostituierte fallen in Pandemie durchs Netz

Gerade in der Pandemie hat sich laut Wege gezeigt, dass das Prostitutionsgesetz von 2002 gescheitert sei. Es sollte Prostitution zu einem ganz normalen, sozialversicherungspflichtigen Beruf machen. Doch die Frauen fielen reihenweise durchs Netz. Coronahilfen gab es für die meisten von ihnen auch nicht.

Auf Nachfrage heißt es aus dem Frauenministerium Rheinland-Pfalz, dass Frauen in der Prostitution Mittel aus den Corona-Soforthilfen in Anspruch genommen haben. Die Höhe der bewilligten Auszahlungen sei dem Ministerium jedoch nicht bekannt.

Die Prostitution habe sich mit der Pandemie weiter in Risikobereiche verlagert, wo Frauen eher schutzlos sind, sagt der Rechtsanwalt Stefan Holoch, der Prostituierte unter seinen Mandantinnen hat. Sie verabredeten sich mit Freiern auf dem Parkplatz, in der Wohnung oder im Hotel.

Auflagen während Pandemie in Ferienwohnungen umgangen

Die Frau wisse nicht, ob alles ordnungsgemäß abläuft und der Kunde auch zahle oder auch nur die abgesprochenen Sexpraktiken verlange. Die Freier fühlten sich überlegen. Seiner Einschätzung nach hat die Zahl der Straftaten gegenüber Prostituierten in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Doch diese Einschätzung kann die Polizei nicht bestätigen. "Wir nehmen keine Veränderungen bei der Gewaltbereitschaft im Milieu während der Pandemie wahr", teilte etwa der Sprecher des Polizeipräsidiums Trier, Karl-Peter Jochem, mit. "Ebenso haben wir in dieser Zeit keine spektakulären Delikte festgestellt oder Razzien durchgeführt."

Aus der Kriminalstatistik gehe zudem nicht hervor, welche Straftaten im Zusammenhang mit der Prostitution stünden, heißt es vom Polizeipräsidium Westpfalz. Zum Beginn der Pandemie bis zum Sommer 2021 habe es allerdings das Phänomen gegeben, dass Prostituierte verbotenerweise in Ferienwohnungen anschafften und sich nicht an Corona-Auflagen gehalten hatten.

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