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Fast anderthalb Jahre haben Gefangene wegen Corona ihre Kinder, Familie und Freunde nicht gesehen. Jetzt sind Besuche wieder erlaubt. Was das für die Inhaftierten bedeutet, erzählt JVA-Chefin Gundi Bäßler im SWR-Interview.

Gundi Bäßler - Leiterin der Justizvollzugsanstalt Frankenthal (Foto: Gundi Bäßler)
Gundi Bäßler - Leiterin der Justizvollzugsanstalt Frankenthal Gundi Bäßler

SWR Aktuell: Frau Bäßler, warum gabs denn das Besuchsverbot für Gefangene?

Gundi Bäßler: Am 19. März 2020 haben wir zur Eindämmung des Ansteckungsrisiko mit Corona gesagt: "Ab morgen gibt es keinen Besuch mehr vor Ort".  Dann haben wir provisorisch mit ausrangierten Laptops und wackeligen Leitungen Videobesuche ermöglicht – parallel zu den sonst üblichen Besuchszeiten.

SWR Aktuell: Zweimal im Monat ein Videobesuch für eine Stunde – und das seit über einem Jahr. Das ist eine harte Vorgabe. Wie haben die Gefangenen das mitgemacht?

Bäßler: Die Gefangenen haben das gut mitgetragen. Es gab einzelne Anträge, wieder einen richtigen Besuch haben und die Kinder mal wieder in den Arm nehmen zu dürfen. Als ich dann versucht habe, zu erklären, warum wir weiterhin nur Videobesuche anbieten und auch erläutert habe, dass der Besuch hinter einer Trennscheibe stattfinden würde, dass man sich nur sehen kann und eben keinen Körperkontakt haben darf, haben die Gefangenen den Antrag wieder zurückgenommen. Wie wollen Sie auch einem kleinen Kind erklären, dass es seinen Vater nur hinter einer Trennscheibe sehen darf? Außerdem haben die Gefangenen verstanden, dass man mit solchen persönlichen Besuchen nicht nur eine ganze Anstalt gefährden kann, sondern eben auch die Gesundheit der Angehörigen.

Ein Gefangener im Gefängnis (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Ein Gefangener im Gefängnis Picture Alliance

SWR Aktuell: Das heißt, die Gefangenen hatten Verständnis?

Bäßler: Die Gefangenen haben auch Kontakte zu anderen Anstalten und so wussten sie, dass es auch in den anderen Anstalten ein striktes Besuchsverbot gab. Und dass dort, aus technischen Gründen, nicht einmal Videobesuche angeboten werden konnten, dass man dort nur noch telefonieren oder schreiben konnte. Und von daher war ein Videobesuch  - ohne Anfahrtsprobleme, ohne Hygieneprobleme, ohne Abstandsproblem -  immer noch die bessere Lösung.

Das Telefon, mit dem die Gefangenen in der JVA Frankenthal ihre Anrufe machen dürfen (Foto: SWR)
Verbindung nach draußen: das Telefon, mit dem die Gefangenen in der JVA Frankenthal ihre Anrufe machen dürfen.

SWR Aktuell: Welche Schutzvorkehrungen haben Sie noch getroffen, damit sich niemand in der JVA Frankenthal mit Corona infiziert?

Bäßler: Wir haben die Anstalt abgeriegelt, das heißt Besucher durften nicht rein, auch keine Handwerker oder Bauarbeiter. Nach und nach haben wir gelockert. Auch heute noch steht eine Trennscheibe zwischen Rechtsanwalt und Gefangenem, wenn ein Gespräch nötig ist. Wir haben innerhalb der Gefangenen zudem Kohorten gebildet. Falls es zum Ausbruchsgeschehen gekommen wäre, wären nicht gleich 420 Gefangene betroffen gewesen, sondern es hätte wirklich nur diese kleine Gruppe betroffen.

SWR Aktuell: Nun haben Sie am 25. Mai das strenge Besuchsverbot gelockert. Die Gefangenen dürfen wieder Besuch empfangen. Welche Bedingungen sind an den Besuch geknüpft?

Gundi Bäßler: Die Besucher müssen nachweisen, dass sie negativ getestet sind, wobei das Testergebnis nicht älter als 24 Stunden sein darf. Oder sie müssen den vollen Impfstatus haben, beziehungsweise ein Attest über ihre Genesung. Unter diesen Voraussetzungen gewähren wir Einlass.

Außenansicht der Justizvollzugsanstalt Frankenthal (Foto: SWR)
Außenansicht der Justizvollzugsanstalt Frankenthal.

SWR Aktuell: Wie muss man sich den Besuchsraum genau vorstellen?

Bäßler: Man kennt es aus amerikanischen Filmen: Eine Scheibe, die bis unter die Decke geht. Auf jeder Seite sitzt jemand, Telefonhörer in der Hand beziehungsweise es gibt einen Spalt, durch den die Schallwellen von einer Seite zur anderen dringen können.

SWR Aktuell: Eine Trennscheibe, nur am Telefon miteinander kommunizieren. Keine Möglichkeit, sich zu umarmen. Ist diese Form von Besuch noch Corona geschuldet?

Bäßler: Ja, das ist wegen Corona noch so. Und zwar eben für alle Gefangenen. Vor Corona haben wir diesen Bereich nur für Gefangene gehabt, die mit Drogen erwischt worden sind. Bei denen wollten wir den Besuch nicht komplett absagen, sondern nur die Übergabe weiterer, unerlaubter Gegenstände verhindern.

Blick in eine Zelle in der Justizvollzugsanstalt in Frankenthal. (Foto: SWR)
Blick in eine Zelle in der Justizvollzugsanstalt in Frankenthal.

SWR Aktuell: Wie wichtig ist denn für die Gefangenen dieser persönliche Kontakt, der persönliche Besuch der Angehörigen und Freunde?

Bäßler: Es ist ganz wichtig für die Gefangenen zu wissen: Da ist jemand, der zu mir steht, der schreibt mir nicht nur oder, sagt mir etwas am Telefon, sondern da ist auch ein Mensch, dem ich in die Augen schauen kann.

Hinter den Mauern der JVA Frankenthal (Foto: SWR)
Hinter den Mauern der JVA Frankenthal.

SWR Aktuell: Aber vor Corona konnten sich die Angehörigen und Gefangenen schon näherkommen, als dies jetzt der Fall ist?

Bäßler: Vor Corona gab es auch den sogenannten Familienbesuch. Der bedeutete, dass das kleine Kind zumindest während der kompletten Besuchszeit bei Papa auf dem Arm ist bzw. auf dem Schoß sitzen darf; dass der Papa auch mit dem Kind - zwar nur am Tisch aber immerhin - spielen kann. Wir stellen dafür Spielzeugautos oder kleine Puppen zur Verfügung. Das geht jetzt alles nicht. Wir lassen im Moment die Kinder noch nicht zum Besuch zu. Das geht mit der Trennscheibe nicht. Das wäre zu emotional.

SWR Aktuell: Trotz Trennscheibe ist doch ein persönlicher Besuch sicher mehr Wert als ein Videoanruf. Wie waren denn die ersten persönlichen Begegnungen der Gefangenen mit ihren Angehörigen?

Bäßler: Ich habe gerade eben mit einer Besucherin gesprochen, die schon in unserem Trennscheiben-Raum saß und auf ihren Mann gewartet hat. Sie hat erzählt, dass sie sehr aufgeregt sei. Sie habe ihren Mann jetzt ein Jahr und vier Monate nicht gesehen. Ihr letzter Besuch liege schon so lange zurück. Sie hat auch erzählt, dass sie ihren Kindern nichts von diesem Besuch gesagt hat. Es wäre zu schwer zu erklären, warum sie nur alleine kommen könne.  

SWR Aktuell: Wann werden die Besuche wieder normal?

Bäßler: Ich wünsche mir sehr, dass diese Zeit endlich vorüber ist. Und, dass wir auch die Gefangenen bald impfen und dann den Besuch etwas lockerer handhaben können.

Spritzen (Foto: SWR)

SWR Aktuell: Wann werden denn die Gefangenen geimpft?

Bäßler: Wir haben hier in der JVA, wie in fast allen übrigen rheinland-pfälzischen Einrichtungen, Impfstraßen aufgebaut. Der Impfstoff für Gefangene, die in der Prio 3 sind, ist bestellt, aber noch nicht geliefert worden. Ich würde mich sehr freuen, wenn er bald geliefert würde. Aber diese Woche ist die Priorisierung aufgehoben worden. Die Betriebsärzte können jetzt auch impfen, was für die Wirtschaft gewiss eine gute Sache ist. Aber die Gefangenen sollten nicht das Gefühl haben, dass sie hintenanstehen müssen, nur weil sie der Situation sind, in der sie jetzt eben sind.

Zur Person: Gundi Bäßler ist Leiterin der JVA Frankenthal. Dort sitzen derzeit 420 Häftlinge ein.

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