Unzufrieden mit Aufarbeitungs-Kommission

Missbrauchsskandal im Bistum Speyer: Opfer fühlen sich abgespeist

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Das Leiden von Opfern von Missbrauch in der Katholischen Kirche geht offenbar weiter: Ihnen wurde Entschädigung zugesagt aber mehrere Opfer im Bistum Speyer fühlen sich von der dazu eingesetzten Kommission abgespeist.

Der Speyerer Dom bei Nacht (Foto: SWR)
Missbrauch im Bistum Speyer: Opfer fühlen sich abgespeist

Dieter H. stammt aus ärmlichen Verhältnissen aus einem Ort in der Südwestpfalz. Seine Eltern gaben ihn im Alter von sieben Jahren regelmäßig in die Obhut des angesehenen Pfarrers des Ortes. Für ihn sollte er Arbeiten erledigen. Auch nahm er ihn mit auf Kinderfreizeiten. Dort wurde Dieter H.* das erste Mal als kleines Kind missbraucht.

"Der Pfarrer sagte zu meiner Mutter: "Der Dieter könnte mein kleiner Leibdiener werden."

Missbrauch ging über Jahre

Bis Dieter H. ein junger Mann war, sei er von dem Pfarrer regelmäßig missbraucht worden: Er habe ihn unsittlich berührt und ihn zu sexuellen Handlungen gezwungen. Er habe gedroht: "Wenn Du etwas sagst, kommst du ins Heim!" Dieter H. schwieg aber ist sich sicher, dass etliche Personen aus dem Umfeld des Pfarrers wussten, was dieser trieb, wenn er ihn zu sich auf sein Zimmer holte. Keiner habe etwas gesagt, geschweige denn unternommen. Einmal habe er nach einem Aschenbecher gegriffen und war auf den Pfarrer losgegangen - an dem Abend ließ er von ihm ab.

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Erste Entschädigungszahlung 2011

Als 2010 der Missbrauchs-Skandal in der Katholischen Kirche öffentlich wurde, wandte sich auch Dieter H. an das Bistum Speyer. Er bekam zunächst 10.000 Euro Entschädigung zugesprochen. Er empfand es als eine klägliche Summe für das, was er über Jahre erdulden musste. Auch hatte er schon viel Geld für Psychotherapien oder Klinikaufenthalte ausgegeben, beispielsweise für die Zusatzkosten für Einzelzimmer. Dieter h. sagt, er habe es nicht ertragen, sich mit einem anderen Mann ein Zimmer zu teilen.

Weitere Entschädigung für Missbrauch

Über den damaligen Ansprechpartner im Bistum Speyer bekam er zunächst unbürokratisch - aber auch kommentarlos - 8.000 Euro auf sein Konto überwiesen. Einige Jahre später wandte er sich nochmal ans Bistum und sprach auch mit Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Danach bekam er noch eimal 15.000 Euro zugesprochen.

Bischofskonferenz sagte bis zu 50.000 Euro Entschädigung zu

Die Deutsche Bischofskonferenz beschloss 2020, dass den Opfern von schwerem sexuellen Missbrauch bis zu 50.000 Euro zustehen. Der Generalvikar des Bistums Speyer äußerte sich damals in Vertretung des erkrankten Bischofs Karl-Heinz Wiesemann in einem Interview dazu. Er rechnete damals damit, dass das Bistum für insgesamt 55 Opfer, die Ansprüche gestellt hatten, zwischen drei und vier Millionen Euro zahlen muss. Bis dahin war lediglich die Gesamtsumme von 500.000 Euro ausgezahlt worden.

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Dieter H. glaubte damals, dass auch er nun eine fairere finanzielle Entschädigung bekommen würde, als bisher.

"Die Bischöfe haben beschlossen, dass 50.000 Euro für schweren sexuellen Missbrauch gezahlt werden sollen. Wenn der Missbrauch an mir nicht schwer war, bei wem dann?"

Unabhängige Kommission (UKA) entscheidet anders

Sein Fall ging Anfang des Jahres an die neue Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistung (UKA). Diese entschied nach Aktenlage. Nach Monaten bekam er ein Schreiben. In umständlichem Bürokratendeutsch stand da, dass Dieter H. 35.000 Euro zustehen würden. Abzüglich der 23.000 Euro, die er bereits erhalten habe, würden ihm also 12.000 Euro überwiesen.

Dieter H. empfindet dies als Bruch eines Versprechens. Und er ist nicht der Einzige. Auch Fritz B. (Name von der Redaktion geändert), der als Kind in einem Kinderheim in Landau-Godramstein von einem Lehrer regelmäßig missbraucht wurde, findet die ihm bislang gezahlte Entschädigung von 25.000 Euro als zu gering. Er hatte sich ebenfalls Anfang des Jahres an die UKA gewandt. Im Oktober wurde ihm mitgeteilt, dass er kein weiteres Geld erhält.

Widerspruch bei Kommission zwecklos

Dagegen legte Fritz B. Widerspruch ein. Er bekam vor wenigen Tagen ein weiteres Schreiben, in dem die Entscheidung bekräftigt wurde.

Darin heißt es: "Die UKA betont, dass damit keine Wertung des erfahrenen Leids und auch der vielleicht noch andauernden Folgen verbunden ist." und weiter: "Das Vorgehen und den Rahmen für die Entscheidungen legt die vom ständigen Rat der Deutschen Bischofskonferenz beschlossene Ordnung für das Verfahren zur Anerkennung des Leids (VerfOA) abschließend fest. Sie sieht weder die Möglichkeit eines Ein- oder Widerspruchs vor noch eine Begründung der Leistungsentscheidung."

Opfer sagen: Kirche hat Versprechen gebrochen

Sowohl Dieter H. als auch Fritz B. wollen sich nicht abspeisen lassen. Fritz B. hat einen weiteren Brief an die UKA geschrieben und er werde weiter für einen faireren Ausgleich kämpfen. Das Leid dauere an. Beide Missbrauchsopfer sagen, dass sie seit Jahren regelmäßig Psychopharmaka nehmen müssen.

Beide sagen, dass die katholische Kirche ein öffentliches Versprechen auf eine angemessene Entschädigung gemacht hat. Und dieses Versprechen sei gebrochen worden.

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