30.000 Betroffene in Region

Selbsthilfegruppe in Ludwigshafen: Mehr Analphabeten wegen Corona?

STAND
AUTOR/IN
Luana Partimo

Nach Angaben der Selbsthilfegruppe für Analphabeten Mannheim - Ludwigshafen (SALuMa) leben in der Metropolregion rund 30.000 Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Durch Corona könnte diese Zahl weiter steigen. Zwei Betroffene berichten.

"Wer nicht gut lesen kann, bleibt mit der Gesundheit auf der Strecke". Dieser Satz prangt auf einem Plakat der Selbsthilfegruppe SALuMA. Regelmäßig stellen die Mitarbeiter einen Büchertisch vor dem Impfzentrum Ludwigshafen auf und verschenken Bücher und Flyer.

Analphabeten Saluma (Foto: SWR)

Scham ist ein großes Problem für Betroffene

Seit 2003 gibt es die Selbsthilfegruppe für Analphabeten (SALuMA), also Menschen, die nicht lesen und schreiben können, in Mannheim und Ludwigshafen. Sie will auch darauf aufmerksam machen, wie gefährlich die Folgen von Analphabetismus für Betroffene werden können. Aus Scham vermeiden sie jede Situation in denen sie schreiben müssen: Betroffene gehen nicht zum Arzt, stellen beispielsweise keine Anträge auf Reha, sind teilweise nicht einmal krankenversichert.

"Betroffene Analphabetin: Ich weiß nicht, was Kindheit ist"

Gudrun Völker hat die Schule abgebrochen. Die 55-Jährige ist seit zehn Jahren bei der Selbsthilfegruppe. Sie kann sich gar nicht mehr erinnern, ab wann sie nicht mehr zur Schule ging. "Ich war erst fünf als meine jüngste Schwester auf die Welt kam, aber meine Mutter hatte keine Zeit für sie. Ich musste mich um sie kümmern, sie wickeln und alles was dazu gehört." Das war anstrengend für das kleine Mädchen Gudrun. "Ich weiß nicht was Kindheit ist", sagt sie heute. Zwar wollte sie zur Schule gehen, aber man habe sie Zuhause nur entmutigt. "Mir wurde immer gesagt: Du musst nicht zur Schule gehen, das braucht man eh nicht. Also bin ich einfach nicht mehr gegangen!"

Als Gudrun Völker dann selbst Kinder bekommt, kann sie ihnen nicht vorlesen und denkt sich selbst die Geschichten aus. "Ich lerne immer weiter und ich hoffe, dass ich dann wenigstens meinen Enkelkindern aus Büchern vorlesen kann", sagt sie mit Tränen in den Augen.

Ein Betroffener im Monat im Impfzentrum Ludwigshafen

Die Scham bei den Betroffenen ist groß. Die meisten von ihnen haben über die Jahre Strategien entwickelt, damit nicht auffällt, dass sie nicht Lesen oder Schreiben können. Ausreden wie Kopfschmerzen, Brille vergessen oder Schmerzen in der Hand haben sie sofort bereit.

Dorothee Behrens-Hock arbeitet beim Check-In im Impfzentrum Ludwigshafen - auch sie hat immer wieder mit Analphabeten zu tun. "Diese Menschen geben das nicht zu, aber manchmal kann man es trotzdem erkennen." Zum Beispiel am Personalausweis: "Anstelle einer Unterschrift sieht man dann ein paar gemalte Buchstaben oder einfach einen Strich“, erklärt sie. Aus diesem Grund ist sie begeistert von der Selbsthilfegruppe und nimmt sich gleich einen Informationsflyer mit.

Analphabeten Saluma (Foto: SWR)
Die Selbsthilfegruppe hat 20 Mitglieder

Projektziel kann vielleicht nicht eingehalten werden

Die Selbsthilfegruppe SALuMa ist Teil der "Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung". Das Projekt will bis 2026 die Lese- und Schreibkompetenzen der Erwachsenen in Deutschland deutlich anheben. Die 20 Betroffenen treffen sich daher regelmäßig: Zwei Mal im Monat kommen sie entweder in der Volkshochschule Ludwigshafen oder der Abendakademie in Mannheim zusammen. Dabei tauschen sie sich aus und besprechen weitere Aktionen.

Corona verschäft Situation für Analphabeten

Wegen der Corona-Pandemie ist Elfriede Haller jedoch besorgt, dieses Ziel nicht erreichen zu können. Sie bringt Erwachsenen das Lesen und Schreiben an der Volkshochschule Ludwigshafen bei und begleitet die Selbsthilfegruppe schon seit Jahren. "Viele können zuhause auch gar nicht üben, weil sie nicht wissen, ob sie es richtig machen. Lernen findet am besten im Kurs statt", sagt sie. Das Schließen von Bildungseinrichtungen in der Pandemie sei demnach fatal. Denn viele Kinder könnten Zuhause nicht gut lernen und nicht alle Eltern könnten diese Defizite ausgleichen. Nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerks hat sich die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss bundesweit seit Beginn der Corona-Pandemie verdoppelt - von rund 50.000 jungen Menschen auf mehr als 100.000.

Analphabet (Foto: dpa Bildfunk, Oliver Berg)
Wenn es mit dem Schreiben und Lesen kaum oder gar nicht klappt Oliver Berg

Auch ehemaliger Bus- und Straßenbahnfahrer outet sich

Robert Bamberger war mehr als 20 Jahre lang Bus- und Straßenbahnfahrer in der Region. Lange habe er verheimlicht, nur schlecht lesen und überhaupt nicht schreiben zu können. Dann habe er sich ein Herz gefasst und sei zur Selbsthilfegruppe gestoßen. Inzwischen stehe er öffentlich zu seinem Problem, vor allem um anderen Betroffenen Mut zu machen.

Buchstabensuppe im Kopf Funktionale Analphabeten

Viele Lehrkräfte erkennen Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche nicht. Auch deshalb gibt es 7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland. In der Lehramts-Ausbildung spielt das Thema praktisch keine Rolle.

SWR2 Wissen SWR2

Ludwigshafen

Jetzt die SWR Aktuell App runterladen Aufs Handy: Nachrichten aus Ludwigshafen, der Süd- und Vorderpfalz

Die SWR Aktuell App bringt Ihnen kurz und knapp alles Wichtige auf Ihr Smartphone. Sie bekommen auch gezielt Nachrichten aus Ludwigshafen und der Pfalz. So funktioniert's:

STAND
AUTOR/IN
Luana Partimo