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Ein Jahr lang hat der SWR die Bewohner der Bayreuther Straße in Ludwigshafen begleitet. Vor gut sechs Monaten wurden die Kameras abgebaut. Jetzt - Ein Wiedersehen mit den Protagonisten.

Schon seit Beginn des Jahres gibt es die Doku online in der ARD Mediathek anzusehen.

Einer der Protagonisten der Doku über die Bayreuther Straße ist Markus Krahn. Die Reaktionen seien sehr positiv gewesen, berichtet der Ludwigshafener: Jemand habe ihm danach sogar Kaffee vorbeigebracht. Seine Tochter Nadine hat die Kommentare der User auf Youtube verfolgt, und teilweise auch beantwortet: Die meisten seien sehr positiv gewesen. Geärgert habe sie sich nur über einige, die ihr die Fähigkeit absprechen, sich vernünftig um ihre Tiere – Katzen und Kaninchen – zu kümmern. "Nur weil wir arm sind, heißt das doch nicht, dass wir keine Tiere halten können!".

Markus und Nadine Krahn. Beide wohnen seit etwas mehr als zwei Jahren in der Bayreuther Straße in Ludwigshafen. (Foto: SWR)
Markus und Nadine Krahn. Beide wohnen seit etwas mehr als zwei Jahren in der Bayreuther Straße in Ludwigshafen.

Der Umgang mit Vorurteilen

"Asozial, arm und minderbemittelt!" – Markus Krahn und seine Tochter Nadine haben sehr genaue Vorstellungen davon, wie der Rest von Ludwigshafen über sie und die anderen Bewohner der Bayreuther denkt. Seit mehr als zwei Jahren lebt Markus Krahn mit seinen beiden Kindern hier.

Haustür in der Bayreuther Straße in Ludwigshafen (Foto: SWR)
Eine Haustür der "weißen Blöcke", wie die jüngeren Gebäude in der Bayreuther Straße genannt werden. Sie stammen aus dem Jahr 1971. Die "roten Blöcke" im vorderen Bereich wurden 1957 gebaut

Das Haus, in dem sie früher gewohnt haben, sei irgendwann einsturzgefährdet gewesen, erzählt er. Allerdings habe es der Vermieter nicht für nötig gehalten, etwas dagegen zu unternehmen. Krahn hat es daraufhin nicht mehr für nötig gehalten, weiter Miete zu zahlen. Nächste Station: Bayreuther Straße.

Der Kampf gegen Vorurteile, ein "Bayreuther" zu sein

Mit der neuen Adresse ändert sich einiges. Zum Beispiel, wenn sie im Absenderfeld einer Bewerbung um einen Job steht. Markus Krahn und seine Tochter haben beide die Erfahrung gemacht, dass man sich dann nicht nur gegen Mitbewerber durchsetzen muss, sondern auch gegen Vorurteile. Sein Sohn Dominik arbeite inzwischen in Speyer, erzählt Markus Krahn. In Ludwigshafen habe er gar nicht erst versucht, eine Arbeit zu finden.

Elend und Zusammenhalt in der Bayreuther Straße

Die Bayreuther Straße gilt als einer der ältesten sozialen Brennpunkte Deutschlands und gehört zum städtischen Einweisungsgebiet: Hier zieht ein, wer sonst auf der Straße landen würde. Nicht alles stimmt, was man sich über die Bayreuther erzählt, einiges aber eben schon.

Autos ohne Nummernschilder, ein kleines Waldstück, in dem Müll, Unrat und Teile eines Kinderbetts liegen - das alles entdeckt man, wenn man sich ein wenig in der Bayreuther Straße umsieht.

Flur in der Bayreuther Straße (Foto: SWR)
Abgewetzter Linoleumboden, geweißte Ziegelwände, Stahltüren: Im Flur in der Bayreuther Straße gibt es kaum etwas, das kaputtgehen könnte,

Schon seit 30 Jahren in der Bayreuther Straße

Im Innenhof eines Wohnblocks in der Bayreuther Straße ist eine kleine Rasenfläche. Am Rand stehen die Einkaufswagen verschiedener Supermärkte wild ineinander verhakt. Auf einem alten Polsterstuhl sitzt hier ein Mann, der viel lächelt und auch Fremden gegenüber grundsätzlich freundlich reagiert: Horst Hess, seit rund 30 Jahren Bewohner der Bayreuther Straße. Auch er war Teil der Doku. Neben ihm steht ein Tischchen, darauf Kerzen und Fotos von früheren Bewohnern der Bayreuther; Menschen die hier gelebt haben und auch hier gestorben sind. Horst berichtet, jemand habe die Doku im Netz gesehen und ihm danach säckeweise ausrangierte Klamotten vorbeigebracht. Die werde er jetzt in der Straße verteilen.

"In jeder Stadt gibt´s ein asoziales Viertel!"

Horst Hess, Bayreuther seit über 30 Jahren"
Horst Hess, Bewohner der Bayreuther Straße, im Innenhof. (Foto: SWR)
Horst Hess, lebt seit über dreißig Jahren in der Bayreuter. "Manche sagen, ich bin die gute Seele der Straße."

Zusammenhalt in der Bayreuther Straße

"Sie haben nicht viel, aber sie haben einander": Das scheint auf die Menschen in der Bayreuther Straße zuzutreffen. Wer Hilfe brauche, bekomme sie auch. Das betont jeder, ob das jetzt Horst Hess und seine Freunde sind, die trotz meist grauem Märzhimmel draußen im vorderen Innenhof sitzen und Bier trinken, oder Nadine Krahn, die in einer Wohnung im hinteren Teil der Bayreuther Bewerbungen schreibt.

Treffpunkt im Innehof der Bayreuther Straße in Ludwigshafen. (Foto: SWR)
Treffpunkt im Innenhof der Bayreuther Straße in Ludwigshafen.

Hoffnung auf Verständnis und Unterstützung

Ab Mittwochabend, 17.3. um 20:15 Uhr im SWR Fernsehen, werden weit mehr Menschen wissen, wie das Leben in der Bayreuther Straße aussieht, im Guten wie im Schlechten. Was erhoffen sich die Bewohner von der Ausstrahlung? "Unterstützung!", sagt Horst Hess. "Dass die Leute aufhören, alle hier über einen Kamm zu scheren und verstehen, wie viele Einzelschicksale es hier gibt", antwortet Markus Krahn. "Dass die sehen, dass wir auch nur Menschen sind." fügt seine Tochter Nadine hinzu: "Sonst sind wir für alle ja nur 'die Asozialen'!"

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