Corona-Patienten am Klinikum

Klinikdirektor Ludwigshafen: "Junge Leute merken Corona oft zu spät"

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Das Klinikum Ludwigshafen hat trotz sinkender Corona-Zahlen noch immer zwei Intensivstationen in Betrieb. Auch jüngere Corona-Patienten liegen hier. Warum die oft sehr spät in die Klinik kommen, erklärt Klinikdirektor Prof. Günter Layer im Interview.

Der Ärztliche Direktor des Klinikums Ludwigshafen Prof. Günter Layer (Foto: Klinikum Ludwigshafen)
Der Ärztliche Direktor des Klinikums Ludwigshafen Prof. Günter Layer Klinikum Ludwigshafen

SWR Aktuell: Bei unserem lnterview im April hatten Sie im Klinikum zwei Intensivstationen für Corona-Patienten in Betrieb. Die Lage war angespannt. Wie sieht es jetzt aus – vier Wochen später?

Prof. Günter Layer: Die Lage hat sich teilweise entspannt, ist zwar besser geworden, aber noch nicht gut. Wir haben unverändert zwei Intensivstationen in Betrieb - mit ungefähr zehn Patienten, die wir auf der Intensivstation betreuen und ungefähr 20 weiteren Covid-Patienten auf den Normalstationen. Ich sage "ungefähr" deshalb, weil die Bewegung relativ hoch ist: Wir haben viele Neuaufnahmen, viele Entlassungen, viele Todesfälle.

SWR Aktuell: Also eher noch kein Grund zu Jubeln?

Layer: Nein, wir haben von den zehn Patienten, die wir zuletzt aufgenommen haben, sechs direkt auf die Intensivstation übernommen. Das ist ein beachtliches Krankheitsgeschehen! Und unter den letzten Todesfällen waren zwei Patienten um die 40 Jahre. Das ist keine gute Situation.

Gebäude des Städtischen Klinikums Ludwigshafen mit Kunstwerk "Ring des Seyns" . (Foto: SWR, Foto: Panja Schollbach)
Das Klinikum Ludwigshafen Foto: Panja Schollbach

SWR Aktuell: Hatten die jungen Patienten denn Vorerkrankungen, was den schweren Verlauf erklären würde?

Layer: Bei den meisten jungen Menschen, die an Covid sterben, gibt es keine nennenswerten Vorerkrankungen. Aber viele kommen zu spät zu uns und müssen dann oft quasi sofort beatmet werden. Und wenn das längere Zeit dauert, dann ist das so schwierig, dass es Todesfälle gibt.

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SWR Aktuell: Können Sie sich erklären, warum Corona-Patienten zu spät in die Klinik kommen bzw. damit zu lange warten?

Layer: Ja. Junge und gesunde Menschen merken Corona oft zu spät. Das ist den Menschen nicht vorzuwerfen. Die Erkrankung führt ja zu einer Sauerstoff-Austausch-Störung, die der Patient am Anfang nicht bemerkt.  Die haben vorher schon gehustet und Erkältungssymptome gehabt, das nehmen aber junge 40-Jährige auch nicht so ernst. Sind Sie ein schwerkranker, alter Mensch, dann merken Sie das. Dann gehen Sie auch in die Notaufnahme oder zum Arzt. Wenn Sie aber ein junger Mensch sind, der das nicht kennt, dann kann man das sehr lange kompensieren. Und irgendwann ist es dann schlagartig zu spät und führt dazu, dass man sehr rasch invasiv behandelt werden muss.

SWR Aktuell: Die Patientenzahlen sinken leicht, auch die bundesweite Inzidenz ist durchschnittlich auf unter 100 gefallen. Heißt das, man merkt schon, dass immer mehr Menschen geimpft sind?

Layer: Wir spüren ein Abflauen der dritten Welle. Ich gehe davon aus, dass das eine Mischung aus den Kontaktbeschränkungen und dem Impfen ist. Man weiß allerdings aus Israel, wo wir weltweit ja die schnellste Impfentwicklung hatten, dass die Impfungen erst ab 50 Prozent Erstimpfungen statistisch eine spürbare Entlastung bringen. Wir liegen jetzt ungefähr bei einem Drittel der Erstgeimpften in Deutschland. Und die israelischen Kollegen sagen: Ab etwa der Hälfte kann man es auch im Krankenhaus spüren.

Ein Beatmungsgerät im städtischen Klinikum Ludwigshafen (Foto: SWR)

SWR Aktuell: Freuen Sie sich schon darauf?

Layer: Natürlich! Wir sind in angespannter Erwartung, dass es sich im Sommer tatsächlich entspannt, weil viele Faktoren zusammenkommen: Das bessere Wetter mit mehr Kontakten im Freien als in geschlossenen Räumen, viel mehr Geimpfte, und die Auswirkungen der Maßnahmen, die man jetzt getroffen hat – das zusammen sollte dazu führen, dass wir jetzt erstmal sinkende Zahlen erreichen. Aber: Wir waren überrascht, wie schnell die dritte Welle gekommen ist – und wenn wir nicht schnell genug mit der Impfung sind, und wenn wir nicht konsequent weiterhin diszipliniert sind, dann ist eine vierte Welle nicht auszuschließen.

"Wir spüren ein Abflauen der dritten Welle. Ich gehe davon aus, dass das eine Mischung aus den Kontaktbeschränkungen und dem Impfen ist."

SWR Aktuell: Es wird jetzt vielerorts gelockert – Hotels machen auf, Außengastronomie - es gibt mehr Freiheiten für Genesene und Geimpfte – wie beurteilen Sie das als Mediziner? Sind das die richtigen Schritte?

Layer: Wir brauchen für die Geimpften eine gewisse Rückkehr zur Normalität. Das halte ich für richtig. Ich bin dagegen, da von "Privilegien" zu sprechen, sondern es ist die Möglichkeit, zu den selbstverständlichen Dingen zurückzukehren. Generelle Lockerungen halte ich eher für falsch, aber man muss sich überlegen, was man sinnvoll lockern kann und was nicht: Es ist ein Unterschied, ob ich in der Pfalz in einem Restaurant im Freien mit großzügigem Abstand sitze oder in einem geschlossenen Raum eng beieinander oder ob ich in einem Chor singe.

Das Klinkum Ludwigshafen (Foto: SWR)
Das Klinikum Ludwigshafen

SWR Aktuell: Auch das Klinikum Ludwigshafen dürfen jetzt Geimpfte und Genesene mit einem dringenden Anliegen – wie ambulante Patienten oder auch Lieferanten - wieder ohne Schnelltest betreten. Wann endet das Besuchsverbot?

Layer: Es ist natürlich ein Unterschied, ob es um die Außengastronomie geht, oder um ein Krankenhaus. Die Gefährdungslage in den Krankenhäusern ist natürlich sehr viel höher. Das ist auch der Grund, weshalb wir nicht bereit sind, Krankenhäuser generell wieder zu öffnen – bis die Inzidenzzahlen deutlich gesenkt sind, sicherlich unter 50. Und solange bis wir eine Impfquote haben, die ausreichend hoch ist, as ist auch der Grund, weshalb wir nicht bereit sind, Krankenhäuser generell wieder zu öffnen – bis die Inzidenzzahlen deutlich gesenkt sind, sicherlich unter 50. Das setzt eine Impfquote von sicherlich 60 Prozent voraus.

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SWR Aktuell:  Wer sich sicherlich nach Normalität sehnt, sind Ärzte und Pflegepersonal am Klinikum - wie geht’s der Belegschaft nach fast anderthalb Jahren Corona?

Layer: Die psychische Belastung ist sicherlich momentan das dringlichste Problem. Was schwer zu ertragen ist, ist die Situation mit den vielen Todesfällen – gerade auf den Intensivstationen -, die wir bei Covid-Erkrankungen zu beklagen haben. Die Mitarbeiter werden deshalb durch psychologische Betreuung und Seelsorger unterstützt.

"Es ist natürlich ein Unterschied, ob es um die Außengastronomie geht, oder um ein Krankenhaus. Die Gefährdungslage in den Krankenhäusern ist natürlich sehr viel höher."

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SWR Aktuell: Ab Juni soll die Impfung für die Priorisierungsgruppen enden. Wie beurteilen Sie das?

Layer: Die Priorisierung muss fallen, in dem Moment, wenn genügend Impfstoff für alle zur Verfügung gestellt werden kann. Ich persönlich würde sogar noch weitergehen: Wenn sich die Impfung als erfolgreich herausstellt, dann werden wir kritisch beobachten müssen, wie viele sich tatsächlich impfen lassen. Wenn es dann ausreichend Impfstoff gibt, muss man auch über eine Impfpflicht nachdenken.

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SWR Aktuell: Angenommen, die Impfungen boomen. Können Sie dann wieder in den normalen Klinikalltag zurückstarten?

Layer: Wir müssen in den normalen Klinikalltag starten. Wir haben schon vor der Pandemie viele Schwerkranke in den Kliniken gehabt und in der Pandemie eine Verschärfung der medizinischen Situation gesehen: Krebserkrankungen haben sich verschlimmert, Herzerkrankungen sind später erkannt worden, Schlaganfälle sind verspätet in die Klinik gekommen – das ist nicht nur ein ökonomisches, sondern ein echtes medizinisches Problem, das wir hier zu bewältigen haben. 

 

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