Wegen Omikron kein normaler Klinikbetrieb

Klinikum Ludwigshafen: "Unfug, die Maskenpflicht aufzuheben"

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INTERVIEW
Panja Schollbach

Das Klinikum Ludwigshafen ist meilenweit von einem normalen Klinikalltag entfernt. Im SWR-Interview kritisiert Klinikdirektor Günter Layer den "Zick-Zack-Kurs" der Bundesregierung in der Corona-Pandemie und die geplanten Lockerungen.

SWR Aktuell: Herr Professor Layer, ganz plakativ gefragt: Wir hatten gerade einen Rekord mit mehr als 300.000 Corona-Neuinfektionen bundesweit, Omikron ist achtmal ansteckender als alle Varianten zuvor – und trotzdem soll ab April gelockert werden. Was halten Sie denn davon?

Prof. Günter Layer: Es ist sicherlich nicht überraschend, dass ich das für verkehrt halte! Das ist eine politische Entscheidung, die man zwar begründen kann. Ich persönlich finde sie aber falsch.

SWR Aktuell: Warum halten Sie die Lockerungen für falsch?

Layer: Mediziner würden sagen, wir haben jetzt eine Corona-Variante, die eine geringe Morbidität und Mortalität besitzt. Auf gut Deutsch: Eine Variante, die nicht mehr so krank macht. Und man nimmt in Kauf, dass es hohe Infektionszahlen gibt, weil sie ohnehin keine schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen nach sich zieht. Wenn die Politik das so sieht und so will, dann muss sie es meines Erachtens aber auch genauso sagen! Und dann müsste die Politik aber auch zum Beispiel die Meldepflichten oder die Quarantänepflicht streichen und sagen: "Das Virus ist jetzt ein Erreger, wie wir schon häufig Erreger hatten." Das ist eine Haltung, die man vertreten kann.

"Wir sind ewig weit weg vom Normalbetrieb!"

Städtisches Klinikum Ludwigshafen (Foto: SWR)
Das städtische Klinikum Ludwigshafen

SWR Aktuell: Welche Haltung vertreten Sie?

Layer: Ich persönlich halte diese Haltung für falsch, weil wir ja nicht nur 300.000 Neuinfizierte jeden Tag haben, sondern mittlerweile auch über sieben Millionen Infizierte, die sich alle in Quarantäne befinden. Das macht das Arbeitsleben ja fast unmöglich! Und in den Krankenhäusern führt das meines Erachtens zu schlimmen Verhältnissen - nicht als medizinisches Problem, sondern als ein organisatorisches und gesellschaftliches Problem. Ich würde liebend gerne auch mal wieder über Spitzenmedizin am KliLu reden und alle Patienten behandeln, die der Behandlung bedürfen. Wenn man A sagt, wie die Politik es im Moment tut, dann muss man meines Erachtens auch B sagen: Das heißt: "Wir geben alles wieder frei und nehmen Covid ab sofort als eine banale Infektion." Das traut sich aber keiner! Und das ist einfach ein Widerspruch, den ich nicht gut finde.

SWR Aktuell: Omikron hat für die meisten geimpften Patienten keine schweren Folgen mehr. Aber die Covid-Normalstation laufen ja bei Ihnen trotzdem voll, und ihre Mitarbeiter infizieren sich auch. Wie sieht es momentan im Klinikum aus?

Layer: Diese fehlende Konsequenz in der Politik hat zur Folge, dass wir eine sehr hohe Belastung unserer Mitarbeiter haben - durch das Testen, das Isolieren, in Quarantäne schicken, strenge Dokumentationspflichten, viel Bürokratie, das Trennen der Patienten auf den Stationen. Das bedeutet, wir müssen sehr viel mehr organisieren - bei gleichzeitig weniger Mitarbeitern, die uns zur Verfügung stehen. Und das heißt, dass wir so weit vom Normalbetrieb entfernt sind, wie noch nie! Und das, obwohl an Corona im Moment nur sehr, sehr wenige sterben und auch weniger deswegen auf der Intensivstation liegen. Aber trotzdem ist der Aufwand gewaltig, und er verhindert - in der Kombination mit dem ausgedünnten Personal -, dass wir uns um unsere Kernaufgaben als Klinikum kümmern. Wir sind ewig weit weg vom Normalbetrieb!

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SWR Aktuell. Was heißt das denn konkret für den Alltag im Klinikum Ludwigshafen?

Layer: Ich will Ihnen das mal beziffern. Wir haben im Klinikum Ludwigshafen knapp 1.000 Betten, die wir theoretisch mit Patienten belegen können, aber momentan belegen wir nur 600, wenn es gut läuft.

SWR Aktuell: Ist das zum ersten Mal während der Corona-Pandemie so krass?

Layer: Das ist von der Belastung her und von dem, was wir eben nicht leisten können, die krasseste Situation seit Beginn der Pandemie. Ich will betonen: Nicht wegen der Folgen für die Covid-Patienten, das war schon mal schlimmer! Wir hatten schon mal viel mehr Todesfälle und blockierte Intensivplätze. Aber von der Möglichkeit, einen normalen Betrieb im Krankenhaus zu haben, sind wir so weit entfernt, wie noch nie.

Günter Layer am Klinikum in Ludwigshafen (Foto: SWR)
Günter Layer am Klinikum in Ludwigshafen

SWR Aktuell: Wie ist die Situation der Mitarbeiter?

Layer: Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir derzeit ungefähr 20 Prozent unserer Mitarbeiter im Krankenstand oder eben nicht vor Ort haben durch Quarantäne. Und das ist doppelt so hoch, wie es normalerweise um diese Zeit ist.

SWR Aktuell:  Was erwarten Sie denn jetzt von der Politik? Was, was müsste denn passieren, dass die Kliniken wieder handlungsfähig werden? Es gibt ja auch Leute, die auf OPs warten, die behandelt werden müssen.

Layer: Es ist jetzt zu spät, um in der Omikron-Welle zu reagieren! Wir brauchen jetzt einfach eine klare Linie, die sich im Moment keiner politisch traut, zu gehen. Wir behalten entweder die Sicherheitsmaßnahmen bei, ziehen die Impfpflicht durch und hoffen, die nächste Welle zu stoppen. Oder wir erklären: "Wir ignorieren dieses Virus, und ihr könnt wieder normal die Krankenhausbetten belegen" und zwar ohne Sicherheitsmaßnahmen. Dann fahren wir wieder den Normalbetrieb. Dann würde man mit einem Schlag, zu einer Pseudonormalität zurückkehren - unter Vernachlässigung der Sicherheitsaspekte.

"Im schlimmsten Fall müssen wir Urlaubsverbote aussprechen."

SWR Aktuell: Meinen Sie denn mit Normalbetrieb, dass die Covid-Patienten dann nicht mehr separiert würden, sondern Zimmer mit anderen Patienten teilten?

Layer: Ja, natürlich. Wenn sie einen anderen Infekt haben und mit dem Infekt ins Krankenhaus kommen, dann beachtet es auch kein Mensch. Dann werden sie auch nicht isoliert. Nur der symptomatische Covid Patient würde dann isoliert, aber keine Tests, keine Isolation Asymptomatischer. Das ist die eine Variante, für die ich aber nicht bin! Die andere Variante ist, zu versuchen, die Inzidenzen über weitere strenge Corona-Maßnahmen wahnsinnig nach unten drücken. Das würde dauern, wäre aber die "saubere Lösung." Aber dann darf man auch nicht so einen Unfug machen, wie alle Innenräume freigeben, Maskenpflicht aufheben und solche Dinge. Das ist aus medizinischer Sicht fahrlässig.

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SWR Aktuell: Graut Ihnen vor den kommenden Wochen im Krankenhaus?

Layer: Grauen ist der falsche Ausdruck. Aber es ist so: Ich bin mittlerweile desillusioniert. Es wird keiner das Rad zurückdrehen, das sehe ich in der Politik nicht, sondern man fährt einen Zick-Zack-Kurs und nimmt in Kauf, dass viele Berufsgruppen -  das ist ja nicht nur das Krankenhaus - unter dieser Situation massiv leiden werden - auch finanziell im Übrigen. Es kann kein Krankenhaus, das im Moment die strengen Corona-Maßnahmen einhält und Betten reduziert, wirtschaftlich arbeiten. Auch das wird ja von der Politik weitgehend ignoriert und negiert. Aber wir werden das nicht verhindern können. Die Gesellschaft wird mit den Folgen leben und die Politik die Verantwortung übernehmen müssen.

"Wir haben die Chance, dem Virus den Garaus zu machen, verpasst!"

SWR Aktuell: Was kommt mit den Lockerungen auf die Kliniken zu?

Layer: Wir werden mehr Notfälle haben und weniger Zeit, uns um sogenannte elektive Patienten zu kümmern. Es wird sich die Situation weiter verschärfen. Jetzt steht Ostern vor der Tür, viele Mitarbeiter haben ihren Urlaub geplant. Im schlimmsten Fall müssen wir Urlaubsverbote aussprechen. Das wird auf wenig Verständnis stoßen bei unseren Mitarbeitern, die jetzt nach zwei Jahren Pandemie ziemlich auf dem Zahnfleisch gehen. Ich befürchte aber, wir werden an Ostern nicht alle Urlaube gewähren können, die geplant waren.

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SWR Aktuell: Die klassische letzte Frage: Wie lautet Ihre Prognose?

Layer: So wie wir momentan agieren, gibt es keine schöne Prognose. Wir werden den Höhepunkt dieser Welle laut Experten erst Ende April erreichen. Und wir werden lange brauchen, um wieder Infektionszahlen zu bekommen, die unter eine Inzidenz von 100 sinken. Die Prognose hängt extrem davon ab, wann die nächste Variante kommt und wie sie aussieht. Leider ist es so, dass wir durch die mangelnde Immunität in der Bevölkerung davon ausgehen müssen, dass eine nächste Variante kommt. Ich fürchte, dass wir im Sommer nicht auf 0 runterkommen und im Herbst die nächste Corona-Welle bekommen.

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Layer: Ja, dann geht’s wieder von vorne los. Wir haben die Chance, dem Virus den Garaus zu machen, verpasst!

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