Interview mit Klinikdirektor Prof. Günter Layer

Klinikum Ludwigshafen: "Wir stehen am Rande des Machbaren"

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INTERVIEW

Die Omikron-Welle bringt das Klinikum Ludwigshafen an seine Grenzen: Fast 70 Patienten liegen auf den Corona-Stationen, 200 Mitarbeiter sind in Quarantäne. Die Klinik sei am Anschlag, sagt Direktor Prof. Günter Layer im SWR-Interview.

Prof.Günter Layer, Ärztlicher Direkor Klinikum Ludwigshafen (Foto: SWR)
Prof.Günter Layer, Ärztlicher Direktor im Klinikum Ludwigshafen

SWR Aktuell: Die Krankenhausgesellschaft hat Entwarnung gegeben: Sie rechnet nicht mehr mit einer Überlastung des Gesundheitssystems. Was bedeutet es denn jetzt für die Kliniken?

Prof. Günter Layer: Wir erwarten nicht mehr, dass es zu medizinischen Problemen mit Covid-Erkrankten in der aktuellen Erkrankungswelle kommt. Wir haben in der Omikron-Welle kaum noch Patienten auf der Intensivstation. Aber die andere Seite der Medaille ist: Wir haben eine Vielzahl von Patienten, die auf der Corona-Normalstation sind und zusätzlich eine Vielzahl von Mitarbeitern, die wegen Corona in Quarantäne ist. Auch das kann zu einer Überlastung im Gesundheitssystem führen! Wir stehen seit zwei Wochen am Rande des Machbaren. Und das wird sich bis Ende Februar oder Mitte März noch verschärfen.

"Wir haben mittlerweile rund 200 Mitarbeiter in Quarantäne - Tendenz immer noch ansteigend."

SWR Aktuell: Wie ist denn die Corona-Lage aktuell im Klinikum?

Layer: Wir haben momentan 66 Patienten, die eine Corona-Infektion haben - davon sind 53 aktiv erkrankt und 13 sind schon so lange in der Klinik, dass sie als nicht mehr ansteckend gelten. Sie werden trotzdem noch sehr vorsichtig behandelt. Das alles ist ein großer organisatorischer Aufwand! Wir müssen diese Patienten von denen trennen, die keine Infektionen haben um dafür zu sorgen, dass die auch keine Infektionen bekommen. Das führt dazu, dass wir weniger Krankenhausbetten zur Verfügung haben. Außerdem haben wir drei Corona-Normalstationen zusätzlich zu den Intensivstationen wieder in Betrieb.

Klinikum Ludwigshafen (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Klinikum Ludwigshafen Picture Alliance

SWR Aktuell: Und wie viele Mitarbeitende fallen im Klinikum wegen Quarantäne aus?

Layer: Wir haben mittlerweile rund 200 Mitarbeiter in Quarantäne - Tendenz immer noch ansteigend. Und das spürt man natürlich: Diese Mitarbeiter fehlen an allen Ecken! Das geht quer durch alle Berufsgruppen, sodass die vorhandenen Mitarbeiter natürlich sehr belastet sind. Für die Operationen bedeutet das, dass wir nach wie vor viele Eingriffe, die wir gerne machen würden, nicht machen können, weil wir weder die räumlichen noch die personellen Möglichkeiten dafür haben.

SWR Aktuell: Wer liegt denn aktuell bei Ihnen?

Layer: Es ist ganz gemischt. Wir haben nach wie vor eine gewisse Anzahl von Covid-Patienten, die mit Lungenproblemen kommen. Auch in der Omikron-Welle haben wir Patienten, die mit Atemproblemen aufgenommen werden müssen und Vorerkrankte. Das betrifft alle Altersgruppen – aber vor allem die Ungeimpften. Mittlerweile sind rund 80 Prozent der Corona-Patienten bei uns nicht geimpft.

SWR Aktuell: Sind denn trotz des leichteren Verlaufs bei Omikron noch Patienten auf der Intensivstation?

Layer: Ja, es gibt noch zehn Intensivpatienten, derzeit auch noch zwei an der künstlichen Lunge, der ECMO. Wir sind ja eines der großen Zentren für ECMO-Behandlungen in der ganzen Region. Nur noch fünf der Intensivpatienten gelten als infektiös, woran Sie sehen können, dass die andere Hälfte eben schon sehr lange bei uns liegt. Der Großteil dieser Patienten kommt noch aus der sogenannten Delta-Welle, nur zwei sind Omikron-Patienten.

"Wenn ich mir vorstelle, wir wären ungeimpft in diese Situation reingelaufen und hätten bei der Omikron-Variante ähnliche schwere Krankheitsverläufe wie bei der Delta-Variante, das wäre eine absolute Katastrophe geworden!"

SWR Aktuell: Wie kommt es, dass Corona-Patienten noch immer wochenlang im Krankenhaus liegen?

Layer: Diese Covid-Erkrankungen zerstören wirklich in starkem Maße die Lunge und schädigen auch andere Organe. Und dann sind eben regelhaft wochenlange, um nicht zu sagen monatelange Behandlungen notwendig. Sie müssen sich vorstellen, dass so eine ECMO-Behandlung bedeutet, dass es kein Lungengewebe für den Luftaustausch mehr gibt. Das dauert wochenlang, bis das wieder funktioniert! Und unter Umständen sterben auch Menschen noch nach vielen Wochen der Intensivbehandlung. Wir haben viele Patienten, die mittlerweile acht bis zehn Wochen auf Intensivstation verbringen. Durch die schwere Organschädigung sind das sehr, sehr lange Verläufe.

Gebäude des Städtischen Klinikums Ludwigshafen mit Kunstwerk "Ring des Seyns" . (Foto: SWR, Foto: Panja Schollbach)
Das Klinikum Ludwigshafen Foto: Panja Schollbach

SWR Aktuell: Acht bis zehn Wochen - und man darf die Angehörigen nicht sehen. Bestimmt eine schwierige Zeit für die Patienten.

Layer:  Das ist völlig richtig. Das ist eine große Belastung für alle. Wir haben jetzt noch immer Delta-Patienten auf der Intensivstation. Und deswegen ist es auch gut , dass Omikron nicht wieder neue Intensivfälle generiert hat. Wenn ich mir vorstelle, wir wären ungeimpft in diese Situation reingelaufen und hätten bei der Omikron-Variante ähnliche schwere Krankheitsverläufe wie bei der Delta-Variante, das wäre eine absolute Katastrophe geworden! Wir hätten die Menschen wegen der vollen Intensivstationen gar nicht behandeln können! Wir haben wirklich sehr großes Glück, dass wir in dieser Omikron-Welle fast keine Intensivpatienten haben.

SWR Aktuell: Wie geht es den Klinikums-Mitarbeitern? Haben schon welche das Handtuch geworfen?

Layer: Es ist nicht vergleichbar mit der Zeit um Weihnachten herum. Damals war das  für die Mitarbeiten psychisch noch viel schlimmer, auch weil wir viel mehr Todesfälle hatten. Mitarbeiter im medizinischen Bereich haben eine hohe Leidensfähigkeit. Und während einer Akutphase werden da die wenigsten flüchten. Aber man muss sich Sorgen machen, wie die Perspektive ist. Wenn das Ganze mal vorbei ist, ob da nicht doch viele sagen: "Ich habe das jetzt durchgehalten, aber das ist nicht meine Zukunft!". Wir befürchten, dass es eine große Zahl von Mitarbeitenden gibt, die nach der akuten Corona-Phase in Frage stellen, ob das ihr Lebenswerk sein kann.

"Wir haben wirklich sehr großes Glück, dass wir in dieser Omikron-Welle fast keine Intensivpatienten haben."

SWR Aktuell: Jetzt gilt erstmal ab Mitte März die Impfpflicht für Pflegeberufe. Gibt es überhaupt noch ungeimpfte Mitarbeiter im Klinikum?

Layer: Es gibt ungeimpfte Mitarbeiter im Klinikum, wie in jedem anderen Bereich auch. Ich weiß jetzt allerdings nicht, wie viele davon medizinische Gründe haben. Wir haben eine Impfquote von rund 95 Prozent. Wir werden jetzt noch mal ein paar Kolleginnen und Kollegen impfen, die auf den Novavax-Impfstoff gewartet haben. Dann bleiben drei, vier Prozent Ungeimpfte übrig. Das ist eine Mischung aus denen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, da üben wir auch keinen Druck aus, und dem Rest, der sich aus politischer Überzeugung nicht impfen lassen will. Wir werden diese Mitarbeiter, wie es das Gesetz vorschreibt, am 15. März melden.

SWR Aktuell: Bundesgesundheitsminister Lauterbach sagt, um Ostern herum könne die Politik Lockerungen ins Auge fassen. Gehen Sie da mit?

Layer: Ich finde das sehr gut (lacht)!.  Ich freue mich natürlich, wenn er recht behält. Das Problem sind ja die Unwägbarkeiten. Wir beobachten derzeit, glaube ich, ungefähr 30 Corona-Varianten, die werden von den Wissenschaftlern als "potenziell bedeutsam" klassifiziert. So nennen die das. Und wenn wir Glück haben, dann kommen wir quasi auf eine Nulllinie runter, ohne dass eine dieser Varianten tatsächlich Bedeutung erlangt. Dann können wir glücklich sein, weil das wäre vermutlich das Ende der Pandemie!

"Mir macht es durchaus Sorgen, dass wir noch zehn Millionen Ungeimpfte haben!"

SWR Aktuell: Ist dann alles in Butter oder was müssen wir dann machen, dass nach einem guten Sommer nicht wieder ein schlimmer Herbst droht?

Layer: Wir müssen wirklich alles dafür tun, dass wir nicht nur einen guten Sommer haben, sondern dass wir danach auch einen guten Herbst und Winter kriegen. Also, wenn wir jetzt uns zurücklehnen und sagen: "Alles ist gut, Impfungen interessieren uns nicht", dann wäre das fatal! Wir müssten jetzt den Druck auf die Impfbereitschaft aufrechterhalten und dann gleichzeitig zu lockern ist okay - solange es uns gut geht. Das muss man ja, auch zur psychischen Entlastung. Aber die Message zu senden, dass man sich nicht mehr impfen lassen muss, zum Beispiel, die wäre völlig fatal! Mir macht es durchaus Sorgen, dass wir noch zehn Millionen Ungeimpfte haben!

Prof. Günter Layer, Ärztlicher Direktor des Klinikums Ludwigshafen (Foto: SWR)
Prof. Günter Layer, Ärztlicher Direktor des Klinikums Ludwigshafen
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