Frau liest ein Buch und sitzt zwischen einem Bücherstapel. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas)

Strafe mal anders

Pilotprojekt in Germersheim: Kriminelle Jugendliche müssen zur Strafe lesen

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AUTOR/IN
Birgit Baltes

Im Kreis Germersheim gibt es ein neues Projekt für straffällig gewordene Jugendliche: Staatsanwaltschaften und Gerichte können jetzt als Strafe Lesen anordnen.

Arbeitsstunden, Geldstrafen oder auch eine Haftstrafe im Jugendknast – sind das geeignete Maßnahmen, um jugendliche Straftäter davor zu bewahren, wieder straffällig zu werden? Die beiden Sozialarbeiterinnen des Jugendamts in Germersheim, Johanna Krämer und Melanie Winter, wollen deshalb nun mit der sogenannten "Leseanweisung" neue Akzente im Jugendstrafrecht setzen.

Bücher, die ausgebreitet auf einem Tisch liegen.  (Foto: SWR)
Das sind Beispiele an Büchern, die zu den Straftaten einiger Jugendliche passen.

Jugendstrafe: Bücher lesen und Fragen dazu beantworten

Ob Diebstahl, Drogenkonsum oder Körperverletzung – Seit dem vergangenen März können Staatsanwaltschaften und Gerichte im Kreis Germersheim bei Jugendstrafverfahren nicht mehr nur Bußgelder, Arbeitsstunden, Beratungsgespräche oder eine Therapie anordnen.

Es besteht nun auch die Möglichkeit, eine Leseanweisung auszusprechen. Das bedeutet, dass straffällig gewordene Jugendliche ein Buch lesen müssen, dessen Handlung mit ihrer Straftat zusammenhängt. Das sind altersgerechte Bücher, die sich um Themen wie Gewalt, Raub, Drogenkonsum oder auch Mobbing im Internet drehen. Den Inhalt müssen die Jugendlichen dann zusammenfassen und Fragen dazu beantworten, die sie zwingen, sich mit ihrer Tat auseinanderzusetzen, erklärt Johanna Krämer, Jugendhelferin im Strafverfahren (Kreisverwaltung Germersheim):

Beispiel: Fahrlässige Körperverletzung im Straßenverkehr

Sozialpädagogin Melanie Winter berichtet von einem Fall: Da habe ein Heranwachsender mit seinem Pkw einen anderen Autofahrer mit überhöhter Geschwindigkeit überholt und dann abrupt abgebremst. Der Autofahrer habe "voll in die Eisen" treten müssen. Seine Beifahrerin sei dadurch schwer verletzt worden.

Das Gericht habe neben anderen Strafen eine Leseweisung angeordnet. So musste er ein Buch mit dem Titel "Im Strudel der Gewalt" lesen und mehrere Fragen zum Thema verantwortliches Handeln beantworten, etwa "Wo übernahmen die Hauptfiguren die Verantwortung für ihre Taten?" oder "Was bedeutet es für dich, Verantwortung zu übernehmen?"

Kontrolle und Abgabefristen

Die Jugendhelferinnen im Strafverfahren der Kreisverwaltung Germersheim sorgen dafür, dass die Jugendlichen die Leseweisung auch wirklich umsetzen. Sie geben ihnen ein Merkblatt an die Hand, formulieren die Fragen zu dem Buch und stellen sicher, dass nicht aus dem Internet abgeschrieben wurde. Außerdem bekommen die Jugendlichen eine Abgabefrist.  

Was tun, wenn doch gemogelt wird?

Sind alle Aufgaben korrekt und fristgerecht erfüllt, bekommt das Gericht oder die Staatsanwaltschaft eine Abschrift des Ergebnisses zugestellt. Hatte der Jugendliche aber Probleme, die Aufgaben umzusetzen oder auch nachweisbar bei der Buch-Zusammenfassung aus dem Internet abgeschrieben – wird eine neue Abgabefrist gesetzt.

Hilft Leseweisung wirksam gegen Wiederholungstaten?

Die beiden Sozialpädagoginnen Melanie Winter und Johanna Krämer sind überzeugt, dass die Leseweisung Mädchen und Jungen helfen, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten. Oft seien Jugendliche Ersttäter, die Grenzen austesten oder ihren Mut unter Beweis stellen wollen. Oft sei beispielsweise eine erste Diebestour auch ein Hilfeschrei eines Kindes, dass zuhause etwas im Argen liegt. Da könne es sinnvoller sein, sie über ihre Tat reflektieren zu lassen als ihnen Arbeitsstunden aufzubrummen. Bei schwereren Verkehrsdelikten sei es meist auch für unter 21-jährige üblich, sie strafrechtlich wie einen Erwachsenen zu behandeln zu einer Bewährungs- oder Gefängnisstrafe zu verurteilen. Das sei aber keinesfalls der richtige Weg, um einen jungen Menschen vor einer Wiederholungstat zu bewahren.

"Durch die Leseanweisung reflektieren die Jugendlichen noch einmal mit uns über die Tat: Wie ist es dazu gekommen, wie geht es nun weiter? Während die Arbeitsstunden oft unbegleitet stattfinden, das Verfahren dann beendet wird, ohne dass das Tat noch einmal reflektiert wird."

Nicht für alle Jugendlichen geeignet

Die Jugendhelferinnen überprüfen auch, ob die straffällig gewordenen Jugendlichen überhaupt in der Lage sind, ein Buch zu lesen und dazu Fragen zu beantworten. Das sei keineswegs bei allen der Fall. Für viele sei es auch eine große Herausforderung, da am Ball zu bleiben.

Erste Erfahrungen positiv

Die ersten Jugendlichen, die ein Buch lesen mussten und auch deren Eltern hätten auf das neue Projekt zunächst erstaunt reagiert. Nach dem Motto "Das ist doch keine richtige Strafe". Aber es gehe eben einerseits darum, die Straftat zu entdramatisieren und gerade jugendlichen Ersttätern die Angst zu nehmen, ins Gefängnis zu müssen. Zum anderen, sie dazu zu bringen, für ihre Taten gerade zu stehen und Verantwortung zu übernehmen. Auch deshalb hätten einige Eltern auch begeistert auf das neue Projekt reagiert.

In Dresden schon seit Jahren praktiziert

Die beiden Jugendhelferinnen haben die neue "Strafe" nach eigenen Angaben durch eine Fortbildung kennengelernt. Außerdem werde die Leseanweisung in Dresden schon lange praktiziert, sagt die 26-jährige Johanna Winter, die dort ein Sozial-Praktikum absolviert hat.

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