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In der Bayreuther Straße in Ludwigshafen leben Menschen an der Armutsgrenze. Die Wohnungen sind marode, geheizt wird noch mit Öl oder Holz. Im Interview erklärt Sozialbürgermeisterin Beate Steeg (SPD), was dort getan werden muss.

Bayreuther Straße (Foto: SWR, Filmreif TV)
Bayreuther Straße Filmreif TV

SWR Aktuell: Die Wohnverhältnisse in der Bayreuther Straße, die die SWR-Doku zeigt, machen ja ein Stück weit betroffen. Wie vertraut sind Sie als zuständige Ludwigshafener Sozialdezernentin mit der Situation, in der sich einige Menschen in der Bayreuther Straße befinden?

Beate Steeg: Ich bin 2018 Sozialdezernentin geworden, und habe schon vorher lange Jahre im Sozialdezernat gearbeitet. Da wird man immer mal wieder mit den Schicksalen derer konfrontiert, die dort eingewiesen werden. Und ich bin in Ludwigshafen aufgewachsen, da kennt man die Zusammenhänge. Ich war mittlerweile mehrfach vor Ort, um mir ein Bild davon zu machen, wie notwendige Sanierungsarbeiten umgesetzt werden, und an was es da mangelt. Das versuchen wir zusammen mit dem Baudezernat auch zu beschleunigen, aber das ist nicht immer ganz so einfach: Wir haben ein boomendes Baugewerbe, da bekommt man die Gewerke nicht immer so schnell vor Ort, wie man sich das wünschen würde, gerade in Corona-Zeiten.

SWR Aktuell: In der SWR-Dokumentation sehen wir, wie ein Mann beklagt, er würde krank werden vom Schimmel in seiner Wohnung. Ist das so, dass da Menschen in Zuständen leben müssen, die nicht nur unangenehm, sondern auch gesundheitsgefährdend sind?

Steeg: Das ist so leicht nicht zu beantworten: In diesem Gebiet landen Menschen aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Das sind keine normalen Mietverhältnisse. In der ursprünglichen Wohnung hat es mit dem Vermieter dann nicht geklappt. Wenn es um Mietschulden geht, können wir helfen. Wenn es um mietwidriges Verhalten geht, dann wird es schon schwieriger, zum Beispiel auf den Vermieter einzuwirken, den Leuten noch eine Chance zu geben. Da kommt es oft zur Räumungsklage. Wir haben dann den gesetzlichen Auftrag, die Menschen mit Wohnraum zu versorge, und greifen dann auf diese Gebäude zurück.

Manche ändern ihr Verhalten aber auch dann nicht. Da wird es zum Beispiel schwierig mit der Sauberkeit. Andere haben eine Suchterkrankung. Das bringt auf die Frage bezogen "Wie gehe ich mit meiner Wohnung um?" eine gewisse Problemlage mit sich. Die Stadt bietet da ihre Hilfe an, Sozialarbeiter sind vor Ort, und natürlich wollen wir auch an den Gebäuden etwas verbessern. In der Bayreuther Straße stehen Gebäude, die 1957 in Schlichtbauweise für diesen Zweck gebaut wurden. Mittlerweile hat sich das politische Denken, wie man mit in Not geratenen Menschen umgeht, aber Gott sei Dank verändert. Wir möchten helfen, planen eine bauliche Verbesserung, teilweise auch Abriss und Neubau.

„Bayreuther Straße“:  Luftaufnahme der „Bayreuther Straße“ © SWRFILMREIF TV (Foto: SWR, FILMREIF TV)
Luftaufnahme der „Bayreuther Straße“ © SWR/FILMREIF TV FILMREIF TV Bild in Detailansicht öffnen
Außenanlage der „Bayreuther Straße“. © SWR/FILMREIF TV FILMREIF TV Bild in Detailansicht öffnen
„Bayreuther Straße“: Protagonistin Patricia Robinson. © SWR/FILMREIF TV Bild in Detailansicht öffnen
„Bayreuther Straße“: Protagonist Frank Heinecke © SWR/FILMREIF TV FILMREIF TV Bild in Detailansicht öffnen
„Bayreuther Straße“: Protagonistin Kendra Schultheiß © SWR/FILMREIF TV FILMREIF TV Bild in Detailansicht öffnen

SWR Aktuell: Also zusammengefasst: Es gibt vereinzelt diese Zustände, was teilweise aber auch den Mietern anzulasten ist, die Stadt weiß von diesen Zuständen, will auch was dagegen tun, das geht aber nicht von heute auf morgen?

Steeg: Richtig. Es ist ein komplexes Thema. Wir haben auch Menschen in den Einweisungsgebieten, da können Sie - ich sag das ganz bewusst plakativ – vom Boden essen. Da gibt es kein Problem. Aber es gibt eben auch andere. Da möchten wir ansetzen, sowohl, was die Sozialarbeit angeht, als auch die Gebäudestruktur.

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SWR Aktuell: Wie schnell kann sowas gehen, und wie schnell sollte so etwas gehen, wenn jemand klagt, er würde unter diesen Umständen krank werden?

Steeg: Wir setzen uns durchaus mit den Menschen auseinander, bieten manchmal auch andere Wohnungen in diesen Gebieten, aber das gestaltet sich auch nicht immer einfach. Was das andere angeht: Da reden wir über größere Baumaßnahmen, die im Vergabe-Verfahren laufen müssen, da wird teilweise europaweit ausgeschrieben. Das wird nicht so schnell umsetzbar sein, wie es wünschenswert wäre, sondern eben den Regeln entsprechend. Verwaltungen und Behörden müssen sich da an gewisse Rahmenbedingungen halten.

Ludwigshafens Sozialdezernentin Beate Steeg (SPD), seit 2018 im Amt (Foto: Stadt Ludwigshafen)
Ludwigshafens Sozialdezernentin Beate Steeg (SPD), seit 2018 im Amt Stadt Ludwigshafen

Zur Person: Beate Steeg (62) ist seit 2018 Sozialdezernentin in Ludwigshafen. Die zweifache Mutter und Diplom-Fachwirtin arbeitet seit 40 Jahren für die Stadtverwaltung in Ludwigshafen.

SWR Aktuell: Im August hat die Stadt sich mit der Wohnungsbaugesellschaft GAG und dem Evangelischen Diakoniewerk zusammengetan, um Menschen aus der Bayreuther Straße wieder dauerhaft in ein Mietverhältnis zu bringen. Wie ist da der Stand der Dinge?

Steeg: Die Kooperationsvereinbarung hat den Startschuss gegeben, dass wir Stellen ausschreiben konnten, um das nötige Personal zu bekommen. Das ist mittlerweile erfolgt. Außerdem haben wir in der Zwischenzeit die Verhandlungen mit drei weiteren Trägern aufgenommen, die sich einbringen wollen. Wir sind ziemlich zuversichtlich, dass wir mit diesem Konstrukt im Januar beginnen können. Aber wir starten ja auch nicht bei Stunde Null: Wir bringen seit Jahren mit Hilfe der GAG Menschen aus den Einweisungsgebieten in Wohnraum: etwa 60 im Jahr. Das sind ungefähr ebenso viele, wie jedes Jahr dort landen. Und das trotz angespanntem Wohnungsmarkt in Ludwigshafen. Unser Ziel ist eine gute Vorbereitung der potentiellen Kandidaten und danach eine langfristige Betreuung, damit die Mietverhältnisse auch bestehen bleiben. Auch das wird Zeit brauchen.

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