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Die zweite Coronawelle hat das Klinikum in Ludwigshafen erreicht: Im Testzentrum sind zehn Prozent der Abstriche positiv, mehrere Klinik-Mitarbeiter sind in Quarantäne. Die Corona-Station im Haus wird voller. Wie das Klinikum mit der Lage umgeht, erklärt Prof. Günter Layer im Interview.

Prof. Günter Layer, Ärztlicher Direktor des Klinikums Ludwigshafen (Foto: Klinikum Ludwigshafen)
Prof. Günter Layer, Ärztlicher Direktor des Klinikums Ludwigshafen Klinikum Ludwigshafen

SWR Aktuell: Herr Prof. Layer, in ganz Deutschland steigen die Corona-Infektionszahlen rasant an. Bundeswirtschaftsminister Altmaier (CDU) erwartet bis Ende der Woche sogar 20.000 Neu-Infizierte. Zeigen sich die hohen Infektionszahlen auch am Klinikum Ludwigshafen?

Prof. Günter Layer: Leider ja. Wir sind bei den Covid-Tests am Klinikum Ludwigshafen in der vergangenen Woche plötzlich in die Höhe geschnellt: Wir hatten im Sommer immer ein Prozent positive Tests, dann hatten wir bis letzte Woche ungefähr drei Prozent positive Tests und seit einer Woche sind es zehn Prozent!

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SWR Aktuell: Das ist aber eine hohe Zahl.

Layer: Das ist eine echt hohe Zahl. Am Sonntag haben wir beispielsweise 600 Leute getestet, was für einen Sonntag eine extrem hohe Zahl ist – 58 davon waren positiv. Das ist schon ein Wort! Wir haben hier im Klinikum aktuell 22 Patienten, die mit Covid in Verbindung stehen - 12 gesichert positive Patienten auf Normalstation, fünf Verdachtsfälle und fünf Patienten auf der Intensivstation, von denen zwei invasiv beatmet werden.

SWR Aktuell: Wie alt sind denn die Covid-Patienten derzeit auf der Intensivstation im Klinikum?

Layer: Ganz gestreut! Ein junger Mann ist 23, er ist seit Wochen da. Der Älteste war weit über 80. Das Alter streut sehr. Wir hatten zwei Todesfälle in den letzten Wochen, der eine war Mitte bzw. Ende 50, der andere Anfang 70. Insgesamt sind die Patienten jünger. Man spricht davon, dass die Betroffenen um mindestens zehn Jahre jünger sind als die im Frühjahr. Das liegt an erster Stelle an den vielen Jungen mit Infektionen nach Freizeitaktivitäten, die das Durchschnittsalter gewaltig absenken.

Städtisches Klinikum Ludwigshafen (Foto: SWR)

SWR Aktuell: Das Klinikum Ludwigshafen hat ja eigens eine spezielle neue Corona-Station eingerichtet. Mussten Sie sie schon in Betrieb nehmen?

Layer: Ja, denn wir haben wieder das Niveau, das wir im April hatten. Wir haben deshalb unsere neue Corona-Station am 21. Oktober in Betrieb genommen. Die spezielle Intensivstation, die dazu gehört, ist noch geschlossen.

Pfleger auf der Intensivstation während der Corona-Pandemie (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Marcel Kusch/dpa)
picture alliance/Marcel Kusch/dpa

SWR Aktuell: Rechnen Sie dann mit einer vollen Intensivstation?

Layer: Wir haben in dieser neuen Station ja nur acht Intensivbetten vorgesehen. Aber ich fürchte, die werden wir im November voll machen.

SWR Aktuell: Es ist ja bekannt, dass es nicht ausreichend Personal für die Intensivstationen gibt. Wie sieht die Personalsituation am Klinikum aus?

Layer: Wir haben ausreichend geschultes Personal. Auch viele Mitarbeiter, die heute in anderen Bereichen arbeiten, haben eine Intensivausbildung und wurden zusätzlich geschult. Allerdings gilt die Aussage nur solange wie die Mitarbeiter gesund bleiben und nicht selbst zu Patienten oder direkten Kontaktpersonen werden.

SWR Aktuell: Beobachten Sie denn Unterschiede zur ersten Corona-Welle im Frühjahr?  

Layer: Die Patienten und Infizierten sind generell etwas jünger als im Frühjahr. Mein Eindruck ist auch, dass prozentual weniger Covid-Infizierte in die Klinik  müssen. Und das Zweite, was charakteristisch ist: Wir hatten einen sehr viel rascheren Anstieg als im Frühjahr. Das ist jetzt wirklich innerhalb einer Woche explodiert!

SWR Aktuell: Hat das damit zu tun, dass in Ludwigshafen Warnstufe Rot herrscht?

Layer: Wir hatten zu diesem Zeitpunkt in Ludwigshafen die Warnstufe Rot noch nicht erreicht, aber die Nachbarstadt Mannheim schon. Man muss ja immer die gesamte Metropolregion betrachten, insofern passt das durchaus.

SWR Aktuell: Wie sieht es denn in den Kliniken in der Region aus? Sie haben ja ein Netzwerk in der Pfalz gegründet.

Layer: Wir sind am stärksten betroffen, weil wir natürlich das zentrale Krankenhaus der Region sind. Das ist normal, dass wir einen stärkeren Patientenandrang haben als maximalversorgendes Haus. Das Marienkrankenhaus hier in Ludwigshafen und auch Speyer haben aber auch viele Covid-Patienten.

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SWR Aktuell: Wenn die Corona-Zahlen weiterhin so sprunghaft ansteigen, werden Sie im Klinikum damit umgehen können?

Layer: Ja, davon gehe ich aus. Allerdings hat niemand von uns Erfahrung damit, wie hoch diese Infektionszahlen steigen können. Also, wenn Herr Altmaier sagt, dass wir diese Woche schon die 20.000er-Grenze erreichen, dann ist das ja mehr als doppelt so viel wie im Frühjahr. Damals hatten wir, glaube ich, 7.500. Das überschreiten wir ja dann fast um das Dreifache und wenn das sehr schnell geht, kann es sein, dass wir uns regional gegenseitig helfen müssen. Darauf sind wir aber vorbereitet. Medizinisch werden wir das schaffen.

SWR Aktuell: Aber was heißt das für den Krankenhaus-Alltag?

Layer: Es ist nicht möglich, die Covid-Patienten voll zu versorgen und gleichzeitig das normale Krankenhausgeschäft zu betreiben. Wir hatten am Ende des Sommer nahezu 90 Prozent der Klinikbetten belegt und das ist natürlich nicht vereinbar mit der gleichzeitigen Versorgung von sehr, sehr vielen Covid-Infektionen. Das geht nicht.

SWR Aktuell: Was heißt das konkret?

Layer: Wir werden Schritt für Schritt unsere Ressourcen so verteilen, wie es für die Covid-Infektionen notwendig ist. Und das bedeutet zwangsweise, dass wir diese Ressourcen nicht mehr in anderen Bereichen zu Verfügung haben werden. Als Beispiel: Wenn wir eine zusätzliche Intensivstation versorgen müssen, wenn wir Anästhesisten abstellen müssen, dann können sie nicht gleichzeitig im OP stehen. Dann wird weniger operiert und dann werden wir beraten, welches die dringlichsten Operationen sind und welche Operationen man - ohne gesundheitlichen Nachteil für die Patienten - verschieben kann. Das haben wir im Frühjahr auch schon so gemacht, das werden wir auch jetzt wieder tun. Im Moment macht mir das keine Sorge. Tatsächlich macht mir aber Sorge, dass sich Mitarbeiter des Hauses selbst infizieren und durch direkte Kontakte mit Infizierten in Quarantäne müssen. Das betrachte ich mit Sorge, denn das Wichtigste, was wir aufrechterhalten müssen, sind die Mitarbeiter, die sich um die Patienten kümmern.

SWR Aktuell: Haben sich denn bereits Klinik-Mitarbeiter mit dem Corona-Virus infiziert?

Layer: Wir haben jetzt einige Infizierte und Kontaktfälle unter den Mitarbeitern. Wenn diese Fälle zunehmen, dann kriegen wir Personalengpässe am Klinikum. Das ist, ehrlich gesagt, meine größte Sorge.

SWR Aktuell: Sind denn Schnelltests für Mitarbeiter geplant?

Layer: Wir achten seit langem darauf, dass Mitarbeiter akribisch befragt werden und sich beobachten, ob sie Symptome haben. Dann werden sie getestet.  Aber je höher der Durchseuchungsgrad in der Bevölkerung, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit, dass auch Mitarbeiter von Kliniken und Pflegeeinrichtungen erkranken. Wir werden in Kürze Schnelltests für die Mitarbeiter einführen, aber sie sind noch nicht massenhaft verfügbar. Wir haben jetzt 10.000 Tests geordert und am Montag 5.000 bekommen. Wir tun alles für mehr Sicherheit, aber eine hundertprozentige gibt’s natürlich nicht.

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