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Im Klinikum Ludwigshafen wurden wochenlang schwerkranke Corona-Patienten behandelt. Was die Klinik aus der Corona-Krise gelernt hat und warum der Fleischbetrieb Tönnies nicht der einzige Hotspot bleiben wird, erklärt der Ärztliche Direktor Günter Layer in unserem Interview.

Der Ärztliche Direktor des Klinikums Ludwigshafen Prof. Günter Layer (Foto: Klinikum Ludwigshafen)
Der Ärztliche Direktor des Klinikums Ludwigshafen Prof. Günter Layer Klinikum Ludwigshafen

Herr Prof. Layer, in Rheinland-Pfalz ist die Situation bei den Corona-Neuinfektionen recht entspannt, aktuelle Zahlen sprechen von 160 Erkrankten. Wie ist denn die Situation am Klinikum Ludwigshafen? Gibt es denn auch weiterhin keine Corona-Patienten?

Prof. Günter Layer: Ob die Zahlen alle so korrekt sind, die wir kriegen, das weiß ich nicht. Sie werden ja aus unterschiedlichen Registern gefüttert. Aber die Infektionszahlen sind gering und die Zahlen der Corona-Patienten in Krankenhäusern - die Hospitalisationszahlen - sind noch geringer. Wir haben derzeit keinen gesicherten Covid-19-Patienten am Klinikum, aber wir haben gerade zwei Verdachtsfälle aufgenommen. Aber das ist keine relevante Zahl, will ich mal sagen. Die Situation, die ich aus anderen Krankenhäusern in Rheinland-Pfalz kenne, ist ganz ähnlich. Der Trend ist, dass die Häuser gar keine Corona-Patienten mehr haben oder nur sehr wenige. Wir haben immer wieder positiv Getestete und die 160 Erkrankten entstammen einer dieser Statistiken. Je nachdem, wo man liest, sind die Infektionszahlen unterschiedlich. Aber hoch sind sie nicht!

Sehen Sie einen Trend zu einer zweiten Corona-Welle?

Nein, den gibt es nicht. Es ist so, wie ich schon in einem früheren Interview hier gesagt habe: Wir müssen uns eher auf sogenannte Hotspots einstellen, wie jetzt nach den Corona-Ausbrüchen in den Kreisen Gütersloh und Warendorf. Dass die Reproduktionszahl jetzt wieder nach oben geht, ist eindeutig durch diese Schlachthof-Geschichte in Gütersloh getriggert. Das verzerrt sozusagen die Zahlen. Aber wir müssen in Zukunft mit weiteren Hotspots rechnen! Aber flächendeckend haben wir keine zweite Corona-Welle in Deutschland.

Sie haben es gerade angesprochen: Beim Fleischbetrieb Tönnies in Nordrhein-Westfalen sind über 1.500 Mitarbeiter positiv auf Corona getestet worden. Lässt sich das lokal eingrenzen?

Ja, das glaube ich schon. Bei diesem Corona-Ausbruch ist es ähnlich wie bei den Fällen in den Asylbewerberheimen, die wir gehabt haben. Auch wenn das ganz andere Infektionszahlen sind. Die erkrankte Klientel hat nicht viel Kontakt zur Restbevölkerung. Es sind offenbar Saisonarbeiter, die ganz gezielt angeheuert worden sind, und in eigenen Wohngebieten wohnen. Aus dem, was ich der Presse entnehme, ist es keine Klientel, die jetzt tief in der allgemeinen Bevölkerung verwurzelt ist. Solange keine Durchmischung durch Reisen etc. stattfindet, lässt es sich beherrschen. Es wird sich aber nicht verhindern lassen, dass es eine lokale Durchseuchung gibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man die 1.500 Leute anders isolieren kann. Man muss sie als große Gruppe isolieren und wenn sie jetzt noch mit Hunderten anderen zusammenleben, die als Familienmitglieder oder Mitarbeiter in Gemeinschaftsunterkünften leben, wird es nicht möglich sein, die lokale Durchseuchung zu verhindern. Aber ich glaube, es ist verhinderbar, dass es nach außen zur allgemeinen Bevölkerung getragen wird.

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Müssen sich denn die Kliniken in dem Kreisgebiet dort jetzt besonders auf diese Corona-Fälle einstellen?

Ich habe bislang erstaunlich wenig darüber gehört, wie krank die Patienten sind. Wir können aber davon ausgehen, dass es Patienten sind, die relativ stabil sind: Es sind ja keine alte, gebrechliche Vorerkrankte, sondern vielfach gesunde, jüngere Männer. Wahrscheinlich wird daher der Schweregrad der Erkrankung nicht so hoch sein. Ich gehe davon aus, dass sehr viele Erkrankte keiner Krankenhausbehandlung bedürfen und ich glaube, dass das gut verkraftbar sein wird. In Nordrhein-Westfalen steht ja viel Kapazität zur Verfügung.

Die Reproduktionszahl ist zuletzt wieder auf über zwei angestiegen, das heißt, ein Erkrankter steckt zwei Menschen an. Das hat also vor allem mit dem Ausbruch beim Fleischbetrieb Tönnies zu tun?

Ja, die Reproduktionszahl ist im Moment etwas verzerrt. Außerdem wird ja derzeit darüber spekuliert, ob das Virus hin zu mehr Harmlosigkeit mutiert. Daran kann ich mich nicht beteiligen, davon verstehe ich nichts. Aber es wäre möglich, dass wir jetzt eine Zeit erleben, in der viele Infektionen asymptomatisch verlaufen - im Vergleich zu vor drei Monaten. Kann man dann demnächst Entwarnung geben? Nein, auf keinen Fall! Das würde ich daraus nicht schlussfolgern. Das ist meines Erachtens auch noch spekulativ. Aber in den kommenden Wochen wird man Infektionshäufigkeit und Schweregrad der Erkrankungen, Krankenhaus- und Intensivbettenbelegung und Infektionsgrad genau anschauen. Man hat im Moment – und ich will das mal ganz vorsichtig formulieren - den Eindruck, dass die Krankenhausbetten noch weniger belegt sind, als die Infektionszahlen das hergeben. Also laut Presseberichten ist die Schwere der Erkrankung im Moment eher geringer. Das würde ich auch so vermuten. Aber ich habe kein wissenschaftliches Papier gesehen, das sich damit beschäftigen würde. Entwarnung kann es aber keine geben! Aber wir haben die Lage gut im Griff und Deutschland geht sehr diszipliniert mit der Geschichte um.

Sie haben noch vor wenigen Wochen auch sehr schwer erkrankte Covid-Patienten am Klinikum Ludwigshafen behandelt. Was haben Sie und Ihre Mitarbeiter aus der Corona-Krise gelernt und welche Schlüsse haben Sie gezogen?

Wir würden bei einer zweiten Welle nicht mehr so überrascht werden, wie beim ersten Mal. Das haben wir gelernt. Wir kennen die Maßnahmen, die wir treffen können und die wir treffen müssen. Wir bauen ja jetzt auch eine eigene Corona-Station auf. Aber nach heutigem Stand werden wir die nicht in Betrieb nehmen müssen. Sie wird als normale Station genutzt werden. Aber für den Fall der Fälle würde sie zur Verfügung stehen, sodass wir in der Lage wären, von einem Tag auf den anderen, innerhalb weniger Stunden, auf einen anderen Modus umzustellen. Das konnten wir vor drei Monaten noch nicht. Wir haben ganz viele sogenannte SOPs – "Standard Operating Procederes", wie es neudeutsch heißt - geschrieben. Also Anweisungen, wie man mit solchen Phänomenen umzugehen hat. Da ist viel formuliert und es sind Vereinbarungen getroffen worden, nach dem Motto "Was mache ich, wenn …?". Jetzt haben wir das zur Verfügung und wenn wir es brauchen, könnten wir das sehr schnell binnen Minuten oder Stunden aktivieren. Das würde ein ganz anderes Arbeiten bedeuten, als damals, vor drei oder vier Monaten, als wir ins kalte Wasser springen mussten. Wir würden nicht mehr so unter Zeitdruck stehen. Wir könnten mit größerer Souveränität einer zweiten Welle gegenüberstehen, als wir das beim ersten Mal konnten. Ohne Zweifel.

Städtisches Klinikum Ludwigshafen (Foto: SWR)
Das Klinikum Ludwigshafen

Rheinland-Pfalz hat die Maskenpflicht in der Gastronomie leicht gelockert, im Außenbereich müssen die Gäste, bis sie am Tisch sitzen, keine Masken mehr tragen. Und die Kultusminister der Länder haben beschlossen, dass nach den Sommerferien auch die Abstandsregeln in den Schulen wegfallen. Wie kommt das bei Ihnen an?

Wir befürchten ja immer, dass mehr Corona-Patienten kommen, aber vielleicht ist genau das von den Befürwortern auch beabsichtigt. Es gibt ja auch die Tendenz zu sagen: Wenn wir langsam in der Lage sind, eine Herdenimmunität zu erreichen, dann ist das was Positives. Auf diese Weise könnte man argumentieren. Solange das alles in kontrolliertem Maße stattfindet, lasst uns ruhig Infektionen zulassen. Solange wir damit umgehen können, ist das nicht unvernünftig. Ob die Politik so argumentiert, weiß ich nicht. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die mit den Einschränkungen nur sehr schwer zurechtkommen und die Politik versucht, einen Kompromiss zu finden, zwischen dem, was das Sicherheitsbedürfnis verlangt und dem Drang der Menschen nach mehr Freiheit. Das muss man als Politiker natürlich anders abwägen, wie als Arzt.

Klinikum Ludwigshafen (Foto: Klinikum Ludwigshafen)
Appell der Klinikmitarbeiter in Ludwigshafen im März: Die Leute sollen zu Hause bleiben! Klinikum Ludwigshafen

Was würden Sie denn als Arzt sagen?

Aus ärztlicher Sicht würde ich sagen, wir haben am Anfang den Wert des Maskentragens unterschätzt. Das war auch der Tatsache geschuldet, dass wir am Anfang zu wenig Masken hatten. Heute ist es unstrittig, dass man sagt: Solange jeder eine Maske trägt, hilft das, die Corona-Verbreitung einzudämmen. Heute bin ich ein Befürworter der Maskenpflicht, wenn wir direkten Umgang miteinander haben, und würde sie auch nicht abschaffen. Ich bin jetzt hier im Büro auch ohne Maske, wenn ich alleine bin. Wenn ich aber Kontakt zu Patienten habe oder mit Mitarbeitern spreche, trage ich Maske. Das sollten wir tun, bis wir andere Wege zur Bekämpfung des Virus gefunden haben. Das Abstandsgebot sehe ich ein bisschen anders. Wenn wir wieder ein soziales Leben führen wollen, kann man das nicht auf anderthalb Meter definieren. Das im täglichen Leben umzusetzen ist einfach nicht realistisch. Beim Betreten des Klinikums Ludwigshafen werden Besucher und Patienten auf das Corona-Virus hin geprüft. Es gibt einen Fragebogen und es wird Fieber gemessen. Wie lange wollen Sie das noch machen? Ich möchte das erstmal aufrechterhalten. Wir orientieren uns da an den Landesverordnungen in Rheinland-Pfalz. Im Moment werden die stationär aufzunehmenden Patienten getestet, da sind wir am konsequentesten. Unsere Mitarbeiter werden anlassbezogen getestet, das heißt, sie werden überwacht, befragt und angehalten, aufmerksam zu sein und auf sich zu achten. Sie sollen auch jeden Anschein einer Covid-Erkrankung melden, damit man das untersuchen kann. Für Besucher haben wir keine wirklich gute Strategie.

Wo hakt es denn bei den Besuchern im Klinikum?

Sie müssen sich vorstellen: Wenn wir jetzt einen Besucher testen würden, der ist ja wieder weg, bevor wir das Testergebnis haben. Ob er am nächsten Tag wiederkommt, wissen wir nicht. Was wir wissen: Dass ein Patient noch da ist und die Mitarbeiter. Deswegen ist es sinnvoll, dass wir im Krankenhaus - solange wir das vom Gesetzgeber aus dürfen - die Besucherzahlen begrenzen. Wenn ein Patient beispielsweise nur zwei Tage stationär bei uns ist und sozial gut integriert ist, braucht er keinen Besuch. Wenn er alt, dement, ein Kind ist, oder länger bei uns behandelt wird, dann braucht er Besuch. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren.

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