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In Rheinland-Pfalz war am Mittwoch Startschuss für die Gastronomie, auch mehrere Personen durften sich wieder treffen. Für den Ärztlichen Direktor des Klinikums Ludwigshafen Günter Layer steht fest: Dadurch werden wieder mehr Menschen an Corona erkranken.

Prof. Günter Layer, Ärztlicher Direktor des Klinikums Ludwigshafen (Foto: Klinikum Ludwigshafen)
Prof. Günter Layer, Ärztlicher Direktor des Klinikums Ludwigshafen Klinikum Ludwigshafen

Im Moment heizen Verschwörungstheorien die Stimmung an, es gibt Menschen, die gegen die Corona-Regeln demonstrieren und anzweifeln, dass die Corona-Pandemie so gefährlich ist, wie Politik und Wissenschaft sagen. Jetzt könnte man sagen: Auch ihre Intensivstation ist ja nicht voll ausgelastet. Waren die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung denn aus Ihrer Sicht übertrieben?

Prof. Günter Layer: Nein, das waren sie nicht.  Durch die Maßnahmen ist es gelungen, dass die Pandemie in Deutschland kein flächendeckendes Ereignis wurde, sondern dass wir diese Situation voll in den Griff bekommen haben.  Und wenn wir die Vorsichtsmaßnahmen nicht ergriffen hätten, dann hätten wir jetzt die Infektionszahlen bundesweit, wie wir sie derzeit vereinzelt zum Beispiel in Schlachthöfen haben.  Wenn wir Verhältnisse wie dort - Arbeiten auf engem Raum, unvorsichtiges Verhalten, schlechte Hygienemaßnahmen – in der Gesamtbevölkerung hätten - was Verschwörungstheoretiker ja propagieren-, dann hätten wir eine ganz katastrophale Situation!

Also, Sie sagen, die Maßnahmen der Bundesregierung wie Abstandhalten, Kontaktsperre und das Tragen eines Mundschutzes haben gegriffen und als Konsequenz gehen jetzt die Ansteckungszahlen zurück?

Ganz genau. Man muss das immer wieder betonen: Die Tatsache, dass wir jetzt keine gravierende Corona-Welle haben, zeigt nicht, dass wir mit unseren Maßnahmen übertrieben haben, sondern es ist umgekehrt: Wir haben deshalb keine Probleme, weil wir diese Maßnahmen durchgezogen haben.

Heute werden die Gaststätten in Rheinland-Pfalz auch wieder geöffnet, bald auch die Hotels. Fürchten Sie denn, dass durch die Lockerungen die Zahl der Corona-Patienten auch im Klinikum Ludwigshafen wieder ansteigen werden?

Ja, ich gehe fest davon aus, dass die Patientenzahlen steigen werden. Aber das ist der Preis, den wir dafür bezahlen, wieder ein halbwegs normales Leben zu führen. Durch die Lockerungen und Öffnungen von Restaurants, Schulen und Kitas wird es wieder neue Corona-Fälle geben. Das müssen wir wohl auch bis zu einem gewissen Grad in Kauf nehmen. Das Entscheidende wird jedoch sein, ob das eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus wird oder ob es uns gelingt, das im Griff zu behalten. Ich bin davon überzeugt, dass wir das hinkriegen werden.  

Das Klinikum in Ludwigshafen (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Ronald Wittek/dpa)
Das Klinikum Ludwigshafen picture alliance/Ronald Wittek/dpa

Wahrscheinlich könnte nicht mal ein kompletter Lockdown verhindern, dass Menschen an Corona sterben?

Nein, das kann man nicht komplett verhindern.  Aber man muss mal die Politiker dafür loben, dass sie in der Vergangenheit alles richtig gemacht haben. Man muss da jetzt auch die Nerven behalten. Wir können es nicht verhindern, dass es zu einzelnen Todesfällen kommt, oder zu einzelnen, schweren Krankheitsverläufen. Das wird nicht möglich sein.  Allerdings leben wir ja auch bei anderen Krankheiten damit. Corona ist eine neue Erkrankung. Auch bei anderen ernstzunehmenden Krankheiten nehmen wir ja schwere Verläufe und Todesfälle in Kauf.  Es sterben ja auch Menschen an Herzinfarkten oder an schweren Influenza-Infektionen.

Wie ist denn die Situation auf Ihrer Corona-Intensivstation? Merken Sie dort eine Entspannung?

Ja. Wir haben erstmals seit Wochen keinen Corona-Patienten mehr auf der Intensivstation! Wir haben aber immer wieder viele Verdachtsfälle. Aber wir haben jetzt tatsächlich den Tiefststand der vergangenen acht Wochen erreicht.  Wir haben im Moment keine schweren Corona-Fälle, bei denen wir uns Sorgen um die Gesundheit machen müssen.

Was bedeutet das für Sie persönlich nach den vergangenen Wochen?

Im Moment empfinde ich so eine angespannte Erleichterung. Ich kann es noch nicht so richtig glauben.  Es zeigt aber, dass die Maßnahmen gewirkt haben, wir haben gute Arbeit geleistet und das erleichtert einen natürlich. Das ist eine Situation, die wir uns vor sechs Wochen noch nicht hätten träumen lassen.

Dann können Sie sich jetzt wieder auf den Normalbetrieb im Klinikum Ludwigshafen konzentrieren?

Ja, aber auch der läuft noch eingeschränkt, denn wir müssen weiterhin vorsichtig sein. Zurzeit sind die Drei-Bett-Zimmer im Haus nur mit zwei Betten belegt, weil ich der Meinung bin, dass wir da nicht zu forsch sein und wieder zu eng aufeinander glucken sollten. Wirtschaftlich ist das zwar nicht unbedingt ein erstrebenswerter Zustand, aber es erhöht unsere Chance, dass das Klinikum Ludwigshafen „sauber“ bleibt. Auf der anderen Seite müssen wir das Vertrauen unserer Patienten wiedergewinnen.  Das heißt, sie müssen auch wiederkommen wollen, die elektiven Patienten. Also diejenigen, die die Behandlung oder Operation auch noch zwei, drei Wochen rausschieben könnten. Sie müssen der Überzeugung sein: „Das ist ein sicheres Krankenhaus, da gehen wir hin!“ Dafür müssen wir als Klinik was tun! Wir müssen langsam die Patienten wieder überzeugen, dass es nicht gefährlich ist, in ein Krankenhaus zu gehen. Es ist viel gefährlicher, seine Erkrankungen auszuhalten. 

Arbeiten Ihre Mitarbeiter denn noch im Corona-Schichtmodell, 7 Tage die Woche je 12 Stunden?

Das haben wir seit vergangener Woche aufgegeben. Wir testen jetzt jeden Tag großzügig die Mitarbeiter, ob sie Corona-Symptome haben. Wir haben auch eine Selbsterklärung der Mitarbeiter: Jeden Tag müssen sie unterschreiben, dass sie keine Krankheitssymptome an sich wahrnehmen. Wenn es sein muss, messen wir auch Fieber. Auch die Mitarbeiter müssen das Gefühl haben, dass sie in einer sicheren Umgebung arbeiten, dass sie im Zweifel auch nach Hause gehen können, bis die Situation geklärt ist. Wir haben bisher keine Infektionen ins Haus hineingetragen. Aber wir brauchen einen langen Atem. Das Schlimmste wäre, wenn man jetzt nachlässig würde.

Was ist aus Ihrer Sicht jetzt wichtig im gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie?

Es darf keine zweite unkontrollierbare Welle geben! Das ist die Message für die Verschwörungstheoretiker und der Bevölkerung sollte man sagen: Hört nicht auf diese Schwachköpfe! Auf der anderen Seite dürfen wir aber auch selbst intern nicht unaufmerksam werden. Wir müssen dem Thema Corona auch weiterhin den nötigen Respekt widmen und dürfen da nicht zu unvorsichtig werden!

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