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Wegen Corona füllen sich die Intensivstationen füllen - auch am Klinikum Ludwigshafen, Kaiserslautern, Koblenz oder Mainz. Immer mehr Corona-Patienten werden beatmet, berichtet Günter Layer, Ärztlicher Direktor des Klinikums Ludwigshafen im SWR-Interview.

Der Ärztliche Direktor des Klinikums Ludwigshafen Prof. Günter Layer (Foto: Klinikum Ludwigshafen)
Der Ärztliche Direktor des Klinikums Ludwigshafen Prof. Günter Layer Klinikum Ludwigshafen

SWR Aktuell: Wie haben sich diese bundesweit hohen Infektionszahlen auf Ihren Klinikbetrieb ausgewirkt? Wie viele Covid-Patienten müssen Sie mittlerweile auf einer Normal-Station, wie viele auf der Intensivstation versorgen?

Prof. Günter Layer: Die Zahlen haben sich so ausgewirkt, wie es zu erwarten war. Meine Vermutung war ja, dass wir mit steigenden Infektionszahlen nach zwei bis vier Wochen auch steigende Patientenzahlen in den Kliniken haben werden. Und das ist jetzt der Fall. Nach dem Stand gestern (11.11.2020) haben wir 25 gesicherte Covid- und 18 Verdachtsfälle auf den Normalstationen. Und wir hatten zwölf Patienten auf der Intensivstation; das heißt eine Intensivstation ist jetzt quasi voll, denn die Medizinische Intensivstation hat 14 Betten, da sind wir also fast am Anschlag. Das ist die Situation.

Städtisches Klinikum Ludwigshafen (Foto: SWR)

SWR Aktuell: Werden die Patienten auf der Intensivstation beatmet?

Layer: Ja, zum großen Teil werden die Patienten bei uns invasiv beatmet. Neun von 12 Patienten werden meines Wissens invasiv beatmet; zwei weitere nicht-invasiv und einer wurde gestern gar nicht beatmet.

 SWR Aktuell: Sie haben ja eine spezielle Corona Station am Klinikum Ludwigshafen, die sie bereits Ende Oktober in Betrieb genommen haben, die dazu gehörende Intensivstation war bislang geschlossen – ist es dabei geblieben? Oder müssen Sie diese jetzt öffnen?

Layer: Ja, wir sind gerade dabei, diese Intensivstation herzurichten. Diese wird in den nächsten Tagen geöffnet - wenn nicht möglicherweise sogar schon morgen(13.11.2020).

"Ich gehe fest davon aus, dass wir spätestens bis zum Monatsende in allen Krankenhäusern des Landes maximal mit Covid-Patienten belegt sind."

SWR Aktuell: Noch vor wenigen Tagen erklärten die Kliniken in der Pfalz, die Situation in den Intensivstationen sei noch entspannt. Es gäbe genug freie Intensivbetten und auch von der Personalsituation sei alles noch gut machbar. Offenbar ist da jetzt eine Wende eingetreten?

Layer: Ja, das ist richtig. Wir haben mittlerweile, einschließlich dieser neuen Intensivstation, drei Stationen, die wir mit COVID-Patienten belegen müssen. Unsere Situation ist hierbei mit der Situation anderer großer Krankenhäuser im Land vergleichbar. Ich hatte gestern eine Konferenz mit dem Gesundheitsministerium und mit den anderen Corona-Koordinationshäusern. Es gibt insgesamt fünf Koordinationsstandorte für Corona Patienten. Neben dem Stadtklinikum Ludwigshafen sind das Kliniken in Trier, Koblenz, Mainz und Kaiserslautern. Die Situation an diesen Häusern ist mit der unsrigen vergleichbar. Wobei wir neben Kaiserlautern tatsächlich im Moment die höchsten Patientenzahlen haben. Die Tendenz ist jedoch überall gleich. Daher wird die zweite Welle auch bald die Peripheriekrankenhäuser erreichen, jedenfalls dort, wo das jetzt noch nicht der Fall ist. Aber es ist auch klar, dass wir als Koordinationskrankenhäuser und als Maximalversorger am stärkstem betroffen sind. Aber ich gehe fest davon aus, dass wir spätestens bis zum Monatsende in allen Krankenhäusern des Landes maximal mit Covid-Patienten belegt sind.

Pfleger auf der Intensivstation während der Corona-Pandemie (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Marcel Kusch/dpa)
picture alliance/Marcel Kusch/dpa

SWR Aktuell: Müssen die Krankenhäuser bald auf Notbetrieb umstellen, sprich planbare Eingriffe verschieben?

Layer: Ich gehe davon aus, dass das so kommen wird, ja. Wobei wir zwischen der klinischen Notwendigkeit und politischen Entscheidungen unterscheiden müssen. Aus klinischer Sicht ist ein Notbetrieb unbedingt nötig. Entsprechende politische Entscheidungen sind aber bis jetzt diesbezüglich nicht gefallen. Es gibt keine Anordnung seitens der Politik, den Normalbetrieb herunterzufahren und es gibt auch keine Ausgleichszahlungen für entfallene Krankenhausleistungen. Insofern sehe ich momentan eine Diskrepanz zwischen der klinischen Wirklichkeit und den politischen Entscheidungen.

Wir haben im Frühjahr vermutlich ein wenig überreagiert. [...] Jetzt habe ich allerdings die Befürchtung, dass wir "unterreagieren".

SWR Aktuell: Was fordern Sie angesichts dieser Lage von der Politik?

Layer: Wir haben im Frühjahr vermutlich ein wenig überreagiert. Wir haben Kapazitäten geschaffen, die dann nicht gebraucht wurden. Jetzt habe ich allerdings die Befürchtung, dass wir "unterreagieren". Die Politik müsste in der Tat meines Erachtens jetzt verordnen, dass wir Kapazitäten reduzieren und sie müsste dafür auch Ausgleichszahlungen anbieten.

SWR Aktuell: So wie ich Sie verstehe, haben Sie aber faktisch in Ihrem Haus die planbaren Operationen bereits heruntergefahren bzw. verschoben?

Layer: Wir haben keine Anordnung, dass wir Operationen verschieben sollen, aber die Wirklichkeit ist eine andere. Wir können ja Personal nicht doppelt einsetzen. Wenn wir Anästhesiepersonal auf den Intensivstationen brauchen, und zwar unbedingt brauchen, dann kann dieses Personal nicht gleichzeitig Operationen durchführen. Das ist eine Tatsache. Insofern ist bei uns die Operationskapazität faktisch nicht mehr so hoch, wie sie noch vor vier Wochen war. Und diese wird sich vermutlich auch weiter reduzieren, ohne dass wir hier eine Anordnung von der Politik dafür hätten.

SWR Aktuell: Wie sieht Ihre Personalsituation aus? Ist diese generell angespannt, weil Personal selbst infiziert ist und in Quarantäne?

Layer: Die Personalsituation ist derzeit noch in Ordnung. Aber ich habe auch in anderen Stellungnahmen schon gesagt, auch Personal gehört zur Bevölkerung. Auch wenn wir hier in unserem Krankenhaus die Rate der Ansteckungen bislang sehr gering halten konnten, so haben die Mitarbeiter durch ihr häusliches Umfeld doch auch ein Risiko zu erkranken. Und wir haben einige Erkrankte beim Personal. Und deren Kontaktpersonen in der Klinik müssen dann auch in Quarantäne. Insofern haben wir bereits spürbare Personalausfälle. Noch geht es, aber dieses Themenfeld bereitet mir eine gewisse Sorge.

SWR Aktuell: Ist denn die Notfallversorgung von Patienten, die mit anderen schweren Erkrankungen, wie etwa Herzinfarkt oder Schlaganfall ins Krankenhaus müssen, gewährleistet? Im Frühjahr haben sich ja solche Patienten wegen Corona nicht ins Krankenhaus getraut.

Layer: Das war damals eine falsche Reaktion der Patienten und das ist auch heute falsch. Die Notfallversorgung ist vollständig sichergestellt, auch bei uns hier im Haus. Es wird kein Notfall wegen Corona abgewiesen oder schlechter behandelt. Wir sind derzeit noch weit davon entfernt zu triagieren (triagieren=auswählen - Anmerkung der Redaktion), welcher Patient im Notfall der wichtigere ist - der Covid-Patient oder der Nicht-Covid-Patient. Da sind wir gottseidank noch weit von entfernt, und ich hoffe, dass das auch so bleibt. Also jeder, der ernsthaft erkrankt ist, also der einen Notfall wie einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt hat, muss ins Krankenhaus und soll auch in ein Krankenhaus und zwar rechtzeitig.

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SWR Aktuell: Wir befinden uns am Ende der zweiten Woche des sogenannten Lock Down Light – doch noch sind die Auswirkungen der Einschränkungen kaum spürbar. Die Fallzahlen sind weiterhin hoch. Benötigen wir aus medizinischer Sicht noch mehr Einschränkungen?

Layer: Ja, die Zahlen sind nach wie vor sehr hoch. Die Sieben-Tage Inzidenz für unsere Region betrug gestern (11.11.2020) 138. Die Gesamtzahl der Neuinfektionen lag gestern bundesweit bei mehr als 21.000. Das lässt schon vermuten, dass die getroffenen Maßnahmen nicht ausreichen. Zumindest müssen sie sicherlich noch lange beibehalten werden. Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir Ende November wieder zum Normalzustand übergehen können, also zum Zustand vor dem Lock Down Light. Ich gehe fest davon aus, dass das nicht der Fall sein wird.

SWR Aktuell: Die Nachricht, die diese Woche dennoch alle mit großer Hoffnung erfüllt hat, war die Nachricht der nahenden Impfung. Wie haben Sie diese aufgenommen?

Layer: Natürlich bin ich schon erleichtert, ganz klar. Das ist ein großer Erfolg. Wenn wir es tatsächlich schaffen, eine Impfung noch in diesem Jahr zuzulassen, dann wäre das ein riesiger Erfolg und sicherlich ein Meilenstein auf dem Weg zur Beherrschung dieser Erkrankung. Aber es ist natürlich nicht so, dass die Impfung oder die Option auf eine Impfung, den Schalter von heute auf morgen umlegt und wir alle aufatmen können. Wir haben jetzt vielleicht einen Impfstoff entwickelt. Ganz sicher kann man da ja noch nicht sein, da es sich ja nur um vorläufige Ergebnisse handelt. Im Übrigen, Ergebnisse, die ja auch noch nicht wissenschaftlich publiziert sind.

Dann sind es geringe Fallzahlen, die den Untersuchungsergebnissen zu Grunde liegen. Also, ich rate dazu, noch ein bisschen Zurückhaltung bei der Bewertung walten zu lassen. Wenn dieser Impfstoff tatsächlich positiv bewertet wird, dann muss er erst einmal zugelassen werden. Und nicht nur das. Es muss ja auch alles Organisatorische vorbereitet werden. Nach allem, was ich höre, wird das nicht so einfach sein. Da sind die Kriterien festzulegen, in welcher Reihenfolge geimpft wird. Es wird auch nicht einfach sein, dafür die Infrastruktur herzustellen, für solch eine Massenimpfung mit einem Impfstoff, der offensichtlich bei Minus 70 Grad gekühlt werden muss. Es stellt sich z.B. die Frage, wo denn die Kühlschränke sind, die eine Minus 70 Grad-Lagerung zulassen? Dann muss geklärt werden, wer überhaupt Impfungen in so einem riesigen Umfang durchführen kann? Also da sind ganz viele Fragen offen und diese werden auch nicht von heute auf morgen beantwortet werden. Alles in allem kann man also sagen: Das ist zwar eine sehr gute Nachricht, aber keine, die die Probleme innerhalb von wenigen Tagen oder Wochen lösen wird.

SWR Aktuell: Wir haben also noch eine schwere Zeit vor uns, zumindest einen schweren Winter, der uns alle viel abverlangen wird. Was raten Sie als Mediziner den Menschen in unserer Region jetzt an dieser Stelle im Umgang mit der Pandemie?

Das gleiche, was ich immer geraten habe: Geduld, Disziplin, weiterhin die Hygieneregeln einzuhalten und zu akzeptieren, dass wir uns weiterhin, weitgehend isolieren müssen.  Und ich fürchte, wir werden dieses Jahr auch ein ganz anderes Weihnachtsfest feiern müssen, als wir das in den Jahrzehnten zuvor gewohnt waren. Das wird die einzige Möglichkeit sein, um sicherzustellen, dass wir wenigstens halbwegs gesund durch diesen Winter kommen. Sowohl persönlich, aber auch was die wirtschaftliche Situation dieses Landes angeht. Anders kommen wir nicht über die Runden.

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