Intensiv-Patienten im Schnitt 58 Jahre alt

Klinikum Ludwigshafen: "Massiver Anstieg jüngerer, schwerkranker Patienten"

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Die Corona-Patienten im Klinikum sind nicht nur jünger und im Schnitt 58 Jahre alt, sondern auch viel schwerer an dem Virus erkrankt. Warum, das erklärt Prof. Günter Layer im Interview.

SWR Aktuell: Die Corona-Patienten auf den Intensivstationen sind inzwischen wesentlich jünger. Wie ist das im Klinikum Ludwigshafen?

Prof. Günter Layer: Unsere Patienten auf der Intensivstation sind diese Woche im Durchschnitt 58 Jahre alt. In den vergangenen Wochen lag der Altersdurchschnitt bei 50 Jahren und davor bei 70! Die Patienten sind im Schnitt also zehn Jahre jünger.

SWR Aktuell: Wir sind mitten in der dritten Corona-Welle. Wie ist die Lage am Klinikum Ludwighafen, wie sieht es bei Ihnen auf der Intensivstation bei den Corona-Patienten aus?

Prof. Günter Layer: Wir sind vollständig ausgelastet, alle unsere Intensivbetten am Klinikum Ludwigshafen sind voll. Unsere internistische Intensivstation hat nicht mehr ausgereicht, wir haben eine zweite eröffnet. Wir haben 20 Patienten auf Intensivstation liegen, davon sind fünf an der sogenannten ECMO – einer künstlichen Lunge. Die Maschine übernimmt quasi die Lungenfunktion, wenn sie nicht mehr in der Lage ist, selber den Sauerstoff auszutauschen. Die Lage ist relativ angespannt.

Städtisches Klinikum Ludwigshafen (Foto: SWR)
Die Intensivstation am Klinikum Ludwigshafen ist derzeit vollständig ausgelastet

SWR Aktuell: Haben Sie bereits die Kapazitätsgrenze erreicht?

Layer: Ja. Wir haben auch die Operationen eingestellt, die möglicherweise in einer Intensivversorgung enden würden. Wir machen nur noch die dringlichsten Eingriffe, um die Intensivstationen zu schonen. Die Situation ist anders als in der sogenannten zweiten Welle im Herbst beziehungsweise im Winter. Wir haben damals tatsächlich wesentlich mehr Covid-Patienten auf den Corona-Normalstationen gehabt. Jetzt ist das Verhältnis von Intensiv-und Normalstation fast 1:1. Wir haben heute insgesamt 45 Patienten im Haus – 20 auf Intensivstation, 25 auf Normalstation. Die Patienten sind sehr viel schwerer erkrankt in dieser sogenannten Dritten Welle und wir haben deutlich jüngere Patienten. Und viele davon waren nicht vorerkrankt. Auch das ist ein beunruhigendes Signal.

SWR Aktuell: Sind diese jüngeren Patienten genauso schwer erkrankt wie in den Corona-Wellen zuvor die älteren Patienten?

Layer: Die jüngeren Patienten sind oft sogar schwerer an Corona erkrankt. Wir hatten noch nie fünf Patienten parallel an der ECMO, aber wir haben das jetzt seit zwei Wochen quasi permanent, dass die Maschinen in Betrieb sind. Die Patienten sind schwerer erkrankt als in der zweiten Welle.

Ein Beatmungsgerät im städtischen Klinikum Ludwigshafen (Foto: SWR)

SWR Aktuell: Woran liegt das denn?

Layer: Die eine Erklärung ist, dass wir jüngere Patienten haben, weil die betagten Patienten bereits in der ersten Welle erkrankt und viele leider auch verstorben sind oder sie sind geimpft. Warum die Patienten schwerer erkrankt sind, lässt sich nur durch die Corona-Mutationen erklären, die wir jetzt fast ausschließlich haben. Fast alle sind an der englischen Virusvariante erkrankt. Die Mutationen scheinen tatsächlich aggressiver zu sein und schwerere Erkrankungen bei jüngeren Menschen zu verursachen.

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SWR Aktuell: Was befürchten Sie für die kommenden Wochen und braucht es einen kompletten Lockdown?

Layer:  Ja, das braucht es. Was wir heute beschließen, wirkt erst in vier Wochen, das heißt, wir werden die kommenden vier Wochen auf den Intensivstationen eine ganz harte Zeit haben. Wichtig wäre, dass die Politik die Kliniken jetzt auch wieder steuert und Krankenhäuser eine klare Ansage bekommen, was sie noch machen können und was nicht. Und wir müssten deutlich die Kontakte reduzieren, dass wir das Ganze nicht in den Frühsommer verlagern – also ein Lockdown.

SWR Aktuell: Gibt’s denn ausreichend Intensivbetten?

Layer: Hier in der Region sind nur noch wenige Intensivbetten frei. Die Region Rhein-Pfalz ist die am stärksten betroffene Region und stark belastet. Wir müssen auch andere Patienten versorgen, die ebenfalls schwer krank sind. Nach einem Jahr Pandemie haben wir nicht nur die schwerkranken Covid-Patienten,sondern auch sehr viele Tumor-Patienten, die in den vergangenen Wochen gewartet haben, die man verschoben hat und die jetzt mit dringenden Tumor-Behandlungen kommen und behandelt werden müssen. Es gibt auch viele Herzpatienten, die in einem schweren Stadium verzögert ins Krankenhaus kommen.

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SWR Aktuell: Also die Lage ist deutlich schlimmer als bislang. Hört sich an, als plädieren Sie für einen harten Lockdown? Was fordern Sie?

Layer: Die Situation ist deutlich schlimmer als in der ersten und zweiten Pandemie-Phase, aber nicht, was die Gesamtmenge der Patienten angeht. Aber die Zahl der Patienten, die intensiv versorgt werden müssen, ist deutlich höher, und deshalb kommen wir an unsere Grenzen. Alle Krankenhäuser müssen jetzt unnötige Eingriffe vermeiden, so dass die Intensivkapazitäten ausreichen. Das gilt nicht für die kleineren Eingriffe, bei denen Patienten nicht auf die Intensivstation müssen. Wir können im Moment nicht alle Eingriffe machen, die nötig sind und die keinen absoluten Notfallcharakter haben.

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SWR Aktuell: Gehen sie Kliniken auf dem Zahnfleisch?

Layer: Nein, so pauschal würde ich das nicht sagen. Es geht vor allem um die Intensivstationen.  Um die allgemeine Klinikversorgung müssen wir uns keine Sorgen machen. Die Patienten werden weiter gut versorgt. Das Tagesgeschäft lässt sich gut abwickeln, aber die schweren Fälle, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen – da sind wir am Anschlag.

SWR Aktuell: Was ist Ihre größte Sorge ?

Layer: Was mich tatsächlich besorgt,  ist, dass in den Köpfen der Leute noch nicht angekommen ist, dass wir in einer schwierigeren Situation sind als im Winter. Das liegt vielleicht daran, dass wir weniger Erkrankte haben. Aber der Anteil derer, die auf der Intensivstation sind und die uns an die Grenze des Machbaren bringen, ist einfach höher. Das macht mir Sorge. Wir haben einen massiven Anstieg der schwerkranken Patienten – das ist ein echtes Problem.

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