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Im Klinikum Ludwigshafen ist die Zahl der Corona-Patienten auf dem Tiefstand. Warum der Ärztliche Direktor Günter Layer dem Frieden trotzdem nicht traut und sich lange Schlangen vor dem Klinikum bilden, erklärt er im Interview.

Der Ärztliche Direktor des Klinikums Ludwigshafen Prof. Günter Layer (Foto: Klinikum Ludwigshafen)
Der Ärztliche Direktor des Klinikums Ludwigshafen Prof. Günter Layer Klinikum Ludwigshafen

Herr Professor Layer, wie geht’s Ihnen denn und wie ist die Lage am Klinikum in Ludwigshafen?

Prof. Günter Layer: Mir geht es sehr gut. Es ist nichts mehr los, das ist toll! Wir haben kaum noch Covid-Patienten. Ich kann es noch gar nicht so richtig glauben! Eigentlich müssten die Lockerungen in der Gastronomie beispielsweise bereits erste Auswirkungen haben. Aber zum Glück spüren wir nichts davon.

Aber die zwei Wochen sind ja auch noch nichts ganz rum. Was heißt das denn jetzt?

Wenn in den kommenden zwei Tagen nichts Neues kommt, dann gehen wir recht entspannt in das lange Pfingstwochenende. Das hätte ich zwar nicht erwartet, aber es ist gut so. Ich hatte erwartet, dass wir durch die Lockerungen in Rheinland-Pfalz wieder einen Anstieg der Infektionen spüren. Denn wir sind ja das Corona-Virus nicht komplett los. Punktuell gibt es in Deutschland ja durchaus Probleme, wenn Sie jetzt an die Skandale in den Schlachthöfen denken oder punktuell in den Altenheimen. Wir sind das Thema nicht los, aber es ist hier bei uns erfreulich ruhig!

Innerhalb einer Woche haben sich aktuell in Rheinland-Pfalz etwa 100 Menschen neu mit Corona angesteckt. Werten Sie das als gute Nachricht?

Das ist eine absolut gute Nachricht, zumal das ja in der Regel keine Patienten sind, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Und an dem Virus sterben derzeit nur noch Menschen, die schon sehr lange um ihr Leben gerungen haben und schwer krank sind. Hier bei uns in der Region sind da nicht viele Patienten hinzugekommen.

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 Erwarten Sie denn überhaupt  noch eine zweite Welle? 

Ja, wir werden auch einmal wieder mehr Covid-Patienten sehen. Ob wir von einer Welle sprechen werden, in dem Sinne, dass wir überrollt werde, hoffe ich und glaube ich nicht, da wir jetzt noch besser vorbereitet sind und Alles tun, die Zahl der Betroffenen klein zu halten.

Klinikum Ludwigshafen (Foto: Klinikum Ludwigshafen)
Appell der Klinikmitarbeiter in Ludwigshafen im März: Die Leute sollen zu Hause bleiben! Klinikum Ludwigshafen

Wie ist denn die Situation aktuell auf den Corona-Stationen am Klinikum Ludwigshafen?

Wir haben auf der Intensivstation keinen bestätigten Covid-Patienten mehr, aber einen Verdachtsfall. Der ist aber noch nicht gesichert. Es könnte auch eine Lungenentzündung mit anderer Ursache sein. Und wir haben nur noch zwei Covid-Fälle auf der Normalstation, aber bis zu zehn Verdachtsfälle täglich, die zu uns kommen. Die meisten bestätigen sich dann aber nicht. Man kann sagen: Das ist ein stabiler Tiefstand! Das ist bereits die ganze Woche so und das ist gut. Allerdings trauen wir dem Frieden noch nicht so hundertprozentig! Denn Covid müssen wir als eine neue Erkrankung betrachten, mit der wir jetzt mal mittelfristig leben müssen, aber auf welchem Niveau, das wissen wir noch nicht.

Im Moment ist es ein erfreulich geringes Niveau. Ich hätte gedacht, dass die Covid-Fälle mit den Lockerungen wieder ansteigen. Aber es ist mir ja sehr recht, wenn es wenig Fälle sind. Trotzdem haben wir keinen Grund anzunehmen, dass die Infektionen auf null zurückgehen werden. Was sicherlich doch auch eine große Rolle spielt, das betonen ja die Virologen, sind offensichtlich die Aerosole, also die winzige Tröpfchenbildung.

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 Was heißt das aus Ihrer Sicht?

Dass man daraus zwei Dinge ableiten kann: Erstens, dass der Mundschutz ein sinnvolles Konzept ist, weil er Aerosole zurückhält. Das Zweite, das man ableiten kann, ist: Solange wir uns im Freien bewegen, gibt es ein deutlich geringeres Ansteckungsrisiko, als in geschlossenen Räumen, wo sich Aerosole leichter verbreiten können und in der Luft bleiben. Wir haben ja jetzt eine sogenannte Schönwetterperiode und das könnte bedeuten, dass sich die Situation möglicherweise wieder verschlechtert, wenn wir wieder viel in geschlossenen Räumen sind.

Ist es dann nicht verwunderlich, dass im Restaurant bei der Bestellung nur die Bedienung einen Mundschutz tragen muss, der Gast aber nicht?

Vor drei Monaten habe ich ja auch noch gesagt: Mundschutz ist Fremdschutz. Damals haben wir Ärzte den Mundschutz für gering wirksam gehalten, weil wir wissen, dass kleinste Partikel davon ja nicht abgehalten werden. Mittlerweile muss man klar sagen: Wenn sich jeder daran hält, einen Mundschutz tu tragen, und der im Restaurant auch wirklich nur zum Essen abgelegt wird, dann ist das hilfreich. Da haben Sie völlig Recht. Ich war mit meiner Frau auch letztes Wochenende abends eine Kleinigkeit essen. Es war schwül und wir sind draußen gesessen und wir haben beide gesagt: Wir fühlen uns draußen deutlich wohler als drinnen. Man hat da psychologisch schon auch einen kleinen Hau weg.

 Schön, dass Sie als Arzt das auch so empfinden!

 Ja, man kann sich davon nicht völlig frei machen! Ich sage aber auch nicht, dass man als Gast nicht drinnen sitzen soll. Um Himmels Willen!  Wir werden ja selbst im Sommer Tage haben, an denen man nicht draußen sitzen kann. Heute sagen wir klarer, als wir das noch vor drei Monaten gesagt haben: Mundschutz macht Sinn. und das Zweite ist: Draußen ist es sicherer als drinnen. Diese beiden Erkenntnisse nimmt man mit und die prägen dann das eigene Verhalten. Ich fühle mich mit dem Mundschutz nicht super wohl, es macht mir keinen Spaß, aber ich mache es jetzt trotzdem sehr konsequent – im Krankenhaus sowieso, aber auch privat - , dass ich Mundschutz trage. Und ich fühle mich draußen ohne Zweifel wohler als in geschlossenen Räumen.

Sie planen ja dauerhaft eine eigene Corona-Station am Klinikum und wollen dafür eine Normalstation schließen. Wann ist es denn soweit?

Wir fangen in der kommenden Woche mit den Bauarbeiten an. Es müssen ja ein paar Umbauten gemacht werden. Die betreffen vor allem Belüftung und Klimatisierung der Krankenzimmer. Uns fehlen auch noch die Geräte für die Intensivbetten – Beatmungsgeräte und Monitore -, die das Land zur Verfügung stellen will. Wir sind dankbar, dass wir da unterstützt werden. Wir werden die Station in den nächsten Wochen einrichten. Ich will mich nicht festlegen, wie lange die Baumaßnahmen dauern werden. Im Moment haben wir ja auch keinen Grund zur Hektik, will ich mal sagen, weil wir ja keine Not haben. Solange die Covid-Zahlen so niedrig sind,  gibt es keinen Grund zu forcieren oder zu jammern.

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Die Thorax-Klinik in Heidelberg empfiehlt Corona-Patienten, nach der Genesung ihre Lungen untersuchen zu lassen. Machen Sie das am Klinikum Ludwigshafen auch?

Wir haben auch einen Fachbereich Pneumologie. Aus diesem Grund schicken wir die Patienten nicht nach Heidelberg, sondern machen das hier selbst und sehen die Covid-Patienten oft wieder. Aber da steckt keine Systematik dahinter. Also nicht alle, die wir hier in Ludwigshafen entlassen, sehen wir auch wieder. Es gibt Patienten, die haben nach der Covid-Erkrankung keine Schädigungen und es gibt diejenigen, die schon eine vorgeschädigte Lunge hatten. Die gehen in die Kliniken und Praxen, in denen sie schon vorher behandelt wurden. Aber es gibt Gott sei Dank auch die Fälle, die sich komplett erholen, bei denen wir dann auch nochmal die Lungenfunktion prüfen und feststellen: Es ist nichts zurückgeblieben.

Es gibt eine aktuelle Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des NDR: Jeder fünfte Wahlberechtigte in Deutschland meint danach, dass "Politik und Medien die Gefährlichkeit des Corona-Virus ganz bewusst übertreiben, um die Öffentlichkeit zu täuschen". Was fällt Ihnen dazu ein?

Ich habe das ja schon bei unserem letzten Interview gesagt: Diese Verschwörungstheoretiker wird’s immer geben, das sind zum Teil auch Leute, die ein Aufmerksamkeitsdefizit haben und nach Publikum heischen. Die werden immer Zulauf haben. Ich persönlich halte davon ehrlich gesagt nichts. Corona ist gefährlich wie eh und je. Und ich kann nur sagen, die Leute, die da laut schreiend bei irgendwelchen Demonstrationen ohne Mundschutz rumlaufen, die sollte man mal auf eine Intensivstation einladen. Da könnten sie Erfahrungen sammeln. Es weckt manchmal Aggression, aber bei mir schon eher Depression, wenn ich sehe , wie dummdreist manche Menschen in unserem Land mit so ernsten Phänomenen umgehen.

"Ich kann nur sagen, die Leute, die da laut schreiend bei irgendwelchen Demonstrationen ohne Mundschutz rumlaufen, die sollte man mal auf eine Intensivstation einladen."

Prof. Günter Layer

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Ist die Klinik denn schon in der Normalität angekommen?

Noch nicht vollständig. Aber sagen wir mal so: Wenn die Planungen umgesetzt werden können, dann eröffnen wir im Juni oder Juli die Covid-Station. Dann haben wir wieder Normalität im Krankenhaus durch die vollständige Trennung in einen Covid von einem Non-Covid Bereich.

Momentan müssen wir uns andere Gedanken machen, z.B. darüber, ob wir jetzt wirklich alle Patienten testen müssen, die wir im Krankenhaus aufnehmen. Was kostet uns das? Und sollen die Patienten Mundschutz tragen? Wie gehen wir mit Besuchern um? Fangen wir an, auch sie zu testen? Müssen wir sie anschauen, bevor wir sie ins Haus lassen?  Das machen wir derzeit, aber das bedeutet, da bilden sich große Schlangen vor der Tür und wir lassen jeden Tag pro Patient nur einen Besucher für eine Stunde rein. Da muss man sich auch fragen: Wollen wir das jetzt für immer so handhaben? Wir hatten am Wochenende drei Untersuchungstische aufgebaut und haben innerhalb von drei Stunden 280 Besucher gehabt . Da gab es lange Schlangen und am nächsten Tag haben wir fünf Tische aufgemacht.  Und dann werden wir natürlich gefragt, wie wollt ihr das denn personell machen? Wollt ihr jetzt jeden Sonntag Personal, das ihr gar nicht habt, in die Halle stellen, um Besucher abzufangen und zu schauen, ob die infektiös sein könnten? Und wer bezahlt das eigentlich und wer stellt das Personal dafür und wer soll das machen? Also diese Alltagsprobleme, die wir jetzt erleben, die sind meines Erachtens viel schwieriger, als die Krisenbewältigung.

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