STAND

Homeschooling, kaum soziale Kontakte und fehlende berufliche Perspektiven: Die Situation vieler junger Menschen zwischen 15 und 20 wird häufig unterschätzt, sagt die Landauer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Andrea Kircher.

SWR Aktuell: Ein Jahr Corona - für viele junge Menschen ist das die Hälfte ihrer Ausbildungszeit oder ihres Oberstufendaseins. Wie erlebt diese Altersgruppe die Corona-Krise?

Andrea Kircher: Jugendliche, die in der Ausbildung sind und weiterhin in ihrem Betrieb vor Ort arbeiten können, leiden darunter eher weniger. Wir beobachten, dass vor allem Schüler, die im Verhalten ohnehin eher zurückhaltend und ängstlich sind, sich derzeit in ihrem Zimmer zu Hause eine Art Höhle bauen. Die blühen zunächst erst einmal auf, weil sie in der Schule weniger Referate halten müssen und weniger Konfrontation haben, die Rückkehr in die normale Welt wird für diese Jugendlichen aber sehr schwierig werden.

Eine zweite Gruppe, die wir in unserer Psychotherapie-Ambulanz verstärkt behandeln, sind Jugendliche mit einem so genannten expansiven Verhalten, also junge Menschen, die sich nur sehr schwer strukturieren können, sehr lustgesteuert arbeiten und nur wenig Disziplin aufbringen können. Die werden abgehängt und das ist eine unserer größten Sorgen. Der fehlende Präsenzunterricht als Kontrollfunktion kann gerade bei den über 15-Jährigen vom Elternhaus nicht aufgefangen werden.

SWR Aktuell: Wie äußert sich das?

Kircher: Vor allem der Medienkonsum steigt rasant. Und es ist unmöglich nebenher der Religionslehrerin zu lauschen, wenn man gerade Online-Spiele spielt. Wir Erwachsene merken ja auch, wie schwierig es ist, den ganzen Tag vor dem PC zu sitzen. Jugendliche haben damit noch weniger Erfahrung und schaffen es nicht, diese Konzentration aufrecht zu erhalten. Digitalunterricht ist in seiner Ansprache nicht so wirksam wie Präsenzunterricht, wo man auch mal die anderen Stimmen im Raum hört. Ich glaube, dass das auch seitens der Politik unterschätzt wird, wie mühsam es wird, diese Jugendlichen wieder in einen geregelten Tagesablauf zu bringen.

Video herunterladen (5,4 MB | MP4)

SWR Aktuell: Die jungen Leute können sich so auch nur schwer beweisen, oder?

Kircher: Die Jugendlichen verlieren sehr viel an Selbstwert, den sie sich während der Schulzeit ja aufgebaut haben. Die machen ihren Schulabschluss und wollen raus in die Welt und sich zeigen und dann merken sie plötzlich, dass dort niemand auf sie und ihre Fähigkeiten wartet. Oftmals wird der Auszubildende dann auch nicht so wichtig genommen, weil das Restaurant ja gerade ums Überleben kämpft. Die Jugendlichen werden nicht wahrgenommen in ihrer Wichtigkeit. Es gibt viele Konzepte in Branchen, wo es um viel Geld geht, aber Kinder und Jugendliche werden aufs Wartegleis gestellt.

SWR Aktuell: Und dann fehlt ihnen ja auch das eigene Netzwerk ...

Kircher: Ja, genau. Es gibt immer mehr digitale Kontakte und weniger Präsenzkontakte. Und wenn man sich immer weniger draußen trifft, werden die Bindungen zu den Menschen aus der eigenen Umgebung dünner. Die halten dann irgendwann nicht mehr. Es verstärken sich die Kontakte in den sozialen Netzwerken und zunehmend auch in den Gaming-Foren. Das Persönliche geht verloren.

Es gibt viele Konzepte in Branchen, wo es um viel Geld geht, aber Kinder und Jugendliche werden aufs Wartegleis gestellt.

Diplom-Psychologin Andrea Kircher

SWR Aktuell: Wird dieser gestörte soziale Umgang diese Generation nachhaltig prägen?

Kircher: Da muss man wieder unterscheiden zwischen Jugendlichen, die robust sind und gut mit solchen Krisen umgehen können. Für die wird es später nur eine böse Erinnerung sein. Wir sorgen uns aber sehr um die Jugendlichen, die verletzbar sind in ihrer Beziehungsgestaltung und ihrer Art Krisen zu bewältigen. Die werden sehr, sehr große Schwierigkeiten haben und es aus eigener Kraft kaum schaffen wieder in eine Normalität hineinzugehen.

SWR Aktuell: Wie sehr belasten die jungen Menschen die vielen Einschränkungen im täglichen Leben?

Es sind weniger die geschlossenen Cafés oder Schwimmbäder, die ihnen zu schaffen machen, sondern eher, dass man Gleichaltrige nicht einfach mal ohne konkrete Verabredung treffen kann. Also dieser fehlende Raum für Begegnungen auf dem Flur, in der Pause, woraus sich ja viele Beziehungen erst ergeben. Es fehlen diese neuen Impulse und die sind nur schwer ersetzbar.

SWR Aktuell: Was raten Sie den Jugendlichen, die zu Ihnen in die Ambulanz kommen?

Kircher: Wenn wir merken, dass das Homeschooling oder die Online-Ausbildung nicht wahrgenommen wird, fangen wir erst einmal mit einer geregelten Tagesstruktur an: Morgens aufstehen, Frühstück, dann - solange es die Konzentration zulässt - Teilnahme am Digitalunterricht. Der kleinste gemeinsame Nenner sollte dieser Tagesablauf mit drei Mahlzeiten, einem Zeitfenster für Bildung und einem Zeitfenster für Bewegung sein. Wir gestalten den Tag also vorhersehbar. Und dann vergeben wir Hausaufgaben wie zum Beispiel 45 Minuten Bewegung am Tag oder einem sozialen Kontakt am Tag.

SWR Aktuell: Und etwas, worauf man sich freuen kann, oder?

Kircher: Genau, wir nennen das Sternstunden, die dann in die Wochenpläne eingebaut werden. Das kann dann ein Spaziergang mit einer Klassenkameradin sein, mit der man schon länger nichts mehr zu tun hatte oder zusammen einen Kuchen zu backen. Kleinigkeiten, die immer funktionieren, und die den Alltag aufbrechen.

Das Interview führte SWR Aktuell Redakteurin Manuela Weyh.

Lockerungen der Corona-Regeln Friseure, Gartencenter, Baumärkte wieder offen

Die Rheinland-Pfälzer können sich seit Montag über erste Lockerungen im Corona-Lockdown freuen: Neben Friseuren dürfen auch Blumenläden, Baumärkte und Fußpflege-Studios wieder öffnen - unter strengen Auflagen.  mehr...

Rheinland-Pfalz

Was geht, was nicht Diese Corona-Regeln gelten bis 18. April in Rheinland-Pfalz

Weil die Corona-Infektionszahlen wieder steigen, haben Bund und Länder vereinbart, den bestehenden Lockdown bis 18. April fortzusetzen. Diese Corona-Regeln gelten aktuell in Rheinland-Pfalz - ein Überblick.  mehr...

Rheinland-Pfalz

Entwicklung der Corona-Pandemie in Rheinland-Pfalz 658 Neuinfektionen am Dienstag, Inzidenz liegt bei 124,4

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Rheinland-Pfalz steigt. Die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz ist auf dem höchsten Stand seit drei Monaten.  mehr...

Mainzer Universitätspsychologe im Interview "Das Virus macht uns ängstlicher, trauriger und einsamer"

Das öffentliche Leben steht wieder weitgehend still. Wir sollen am besten niemanden treffen und zu Hause bleiben. Das engt uns nicht nur physisch ein. Es verändert unser Denken, belastet unsere Seele. Darüber haben wir mit dem Mainzer Psychologen, Univ.-Prof. Dr. Michael Witthöft gesprochen.  mehr...

Mit positiver Psychologie gegen Corona Psychologe aus Landau: "Auf die Dinge konzentrieren, die man noch unter Kontrolle hat"

Die Corona-Regeln werden bundesweit erneut verschärft. Aus diesem Anlass noch einmal unser Interview vom Oktober mit dem Landauer Psychologenprofessor Ottmar Braun. Was tun gegen den Corona-Blues?  mehr...

STAND
AUTOR/IN