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Wo stecken sich eigentlich die Leute mit dem Corona-Virus an, obwohl man kaum noch Freunde trifft und alle im Home Office arbeiten? Silke Basenach, Leiterin des Gesundheitsamtes im Kreis Bad Dürkheim, liefert die Antwort.

Silke Basenach, Leiterin des Gesundheitsamtes Kreis DÜW (Foto: Foto: Silke Basenach)
Dr. Silke Basenach, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes Bad Dürkheim Foto: Silke Basenach

Bei Ihnen im Kreis Bad Dürkheim sind laut Ministerium aktuell über 200 Menschen am Corona-Virus erkrankt und vier Senioren aus einem Heim gestorben. Kommt das Kreisgesundheitsamt mit der Arbeit denn noch hinterher?

Dr. Silke Basenach: Wir haben schon viel zu tun, aber wir haben die Strukturen mittlerweile gut organisiert. Bei uns haben die Hygieniker den Hut auf und organisieren gemeinsam mit der Verwaltung, dass die Fälle und auch die Kontaktpersonen ermittelt werden. Wir haben inzwischen einige Wochen Übung, das geht also ganz gut. Wir haben im Kreis insgesamt rückläufige Zahlen, im Vergleich noch vor anderthalb Wochen. Aber das ist nur eine kleine Tendenz, die sich abzeichnet.

Wo stecken sich denn nach Ihrer Erfahrung die meisten Menschen trotz Kontaktsperre und Hygieneregeln an? Beim Einkaufen, bei der Arbeit oder bei Freunden?

Wegen des Social Distancing, das nach unserer Erfahrung ganz gut eingehalten wird, kann man sich ja kaum noch bei Freunden anstecken! Beim Einkaufen ist eine Tröpfcheninfektion auch nicht wahrscheinlich. Das merkt man ja auch, wenn man selbst einkaufen geht, dass die Leute ja versuchen, den Abstand einzuhalten. Und bei der Arbeit? Viele machen ja Home Office, deshalb sind auch da die Kontaktmöglichkeiten nicht mehr so groß. Wir merken beim Ermitteln der Kontaktpersonen, dass es eher die Personen im häuslichen Umfeld sind, bei denen man sich ansteckt und nicht, wie vor einigen Wochen noch, Leute von außen, mit denen man zufällig Kontakt hatte. Da merken wir eine deutliche Änderung.

Es geht also bei der Ansteckung eher um Kontaktpersonen aus der Familie, der Wohngemeinschaft oder Lebenspartner, mit denen man zusammenwohnt?

Ja. Oft ist es allerdings so, dass nicht alle Personen einer Familie positiv sind. Manchmal sind es der Mann und das Kind, aber die Frau nicht. Warum das so ist, kann ich Ihnen gar nicht sagen. Aber wir haben das relativ häufig, dass nicht alle Personen direkt von Anfang an positiv waren, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt positiv getestet wurden. Oder eben auch gar nicht erkranken – auch das haben wir öfter mal!

Was halten Sie denn von der diskutierten und umstrittenen Handy-App, um die Kontaktpersonen von Corona-Erkrankten zu finden? Würde die sogenannte Tracking-App Ihre Arbeit erleichtern?

Die Entscheidung, ob das eingeführt wird oder nicht, liegt natürlich nicht bei den Gesundheitsämtern, sondern wird anderswo entschieden. Aber grundsätzlich hört sich das nach einer guten Möglichkeit an, Kontaktpersonen zu identifizieren.

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Experten sind der Meinung, der Höhepunkt der Corona-Erkrankungen sei noch nicht erreicht. Ist der Kreis denn für den Ernstfall ausreichend mit Schutzkleidung, Mitarbeitern und Klinikbetten ausgerüstet?

Schutzkleidung ist nach wie vor ein knappes Gut. Es gibt immer mal wieder Anbieter, es wird auch nachproduziert und wir versuchen, Schutzkleidung zu bekommen. Das Land unterstützt das. Wir müssen abwarten und schauen, wie sich die weitere Entwicklung gestaltet. Momentan reicht es aus, was wir an Mitarbeitern und Klinibetten haben und auch mit der Schutzkleidung kommen wir im Großen und Ganzen zurecht - auch wenn in manchen Einrichtungen jetzt schon ein Mangel herrscht. Man hilft sich aber auch gegenseitig aus.

Um die Hausärzte und Kliniken bei den Corona-Tests zu entlasten, wurden Fieberambulanzen eingerichtet. Können Sie schon eine erste Bilanz ziehen, was die bringen?

Bei uns läuft es sehr gut mit den beiden Fieberambulanzen, die wir im Kreis Bad Dürkheim haben. Eine ist in Grünstadt, die andere in Neustadt. In Grünstadt läuft es so, dass zwischen 16 und 19 Uhr pro Tag 70 Tests durchgeführt werden können, die auch ganz oft in Anspruch genommen werden. Die Fieberambulanz in Neustadt ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet, da werden ebenfalls feste Termine vergeben. Wir können so in unserem Kreis und der Stadt Neustadt viele Tests durchführen, die Erkrankten identifizieren und dann eben auch in Quarantäne schicken.

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Kann man denn abschätzen, wie viele Menschen insgesamt im Kreis Bad Dürkheim in häuslicher Quarantäne sind - also Erkrankte und Kontaktpersonen?

Im Moment sind es 780 Menschen, die bei uns einen Quarantäne-Bescheid bekommen haben. Dazu kommen die empfohlenen häuslichen Absonderungen nach Urlaubsreisen in Risikogebiete. Also es sind schon einige Menschen, die abgesondert wurden oder denen man die Empfehlung dazu gegeben hat.

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Erschreckt Sie selbst als Expertin das Ausmaß der Pandemie und denken Sie, wenn sie Leute draußen sehen: Bleibt doch bitte zu Hause?

Nein. Oft sind es ja wirklich nur kleine Gruppen, ein oder zwei Menschen, die im Wald oder Wingert zusammen spazieren gehen, was ja völlig in Ordnung ist. Man darf ja auch noch rausgehen. Gerade im ländlichen Bereich, wo ich auch wohne, habe ich größere Menschenansammlungen auch nicht mehr gesehen. Ich habe deshalb das Gefühl, dass die Menschen sich an die Kontaktsperre halten, was aber auch absolut wichtig ist.

Wann kann man denn aus Ihrer Sicht das Leben wieder hochfahren?

Man muss einen Mittelweg finden zwischen den Interessen der Wirtschaft, die absolut berechtigt sind, und den Interessen der Medizin, die auch absolut ihren Stellenwert haben. Aber wann man das Leben wieder hochfahren kann, das will ich den Experten überlassen.

Zur Person: Dr. Silke Basenach ist Leiterin des Kreisgesundheitsamtes Bad Dürkheim.

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