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Die Deutsche Bischofkonferenz trifft sich ab heute zur Frühjahrs-Vollversammlung. Aber: Viele Frauen in der katholischen Kirche wollen mehr Mitsprache, es rumort. Was wollen die Frauen von "Maria 2.0" genau? Wir haben bei einer Unterstützerin aus Landau nachgefragt.

SWR Aktuell: Frau Grimm, die Bewegung Maria 2.0 hat am Sonntag bundesweit "7 Thesen" an katholische Kirchentüren gehängt, um mehr Mitspracherechte für Frauen einzufordern. Was halten Sie davon?

Bärbel Grimm:  Wir müssen provozieren. Die sieben Thesen sind ja - wie bei Martin Luther - an die Kirchentüren genagelt worden. Der Vergleich zu Luther stößt zwar auch manchen Frauen negativ auf, aber genau das ist es: Wir müssen provozieren! Es soll der Bischofskonferenz am Dienstag klar werden: Leute, Ihr müsst was machen, sonst driftet es auseinander. Es kommt vielleicht nicht zu einer Spaltung wie bei Luther, aber immer mehr Kirchenmitglieder verabschieden sich. Und dann haben wir leere Bänke und Reihen und haben nichts gewonnen! Die Forderungen sind keine Notlösung, sondern zwingend erforderlich!

Alzey

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SWR Aktuell: Was fordern Sie für Frauen in der katholischen Kirche?

Grimm: Ich bin Gemeindereferentin in der Kirchengemeinde Mariä Himmelfahrt in Landau und mir geht es hier gut. In unserer Kirchengemeinde kann ich viele Dinge tun. Ich darf auch sonntags mal eine Predigt halten. Allerdings sprechen mich auch immer wieder Gemeindemitglieder an und fragen: "Wir heiraten, würdest du uns trauen?" oder "Wir kriegen ein Kind und würden es so gerne von dir taufen lassen". Sie fragen, weil sie einen persönlichen Kontakt zu mir haben, weil sie mich kennen, weil sie wissen, wie ich bin, wie ich mich gebe, wie ich rede.  Aber solche Fragen muss ich immer verneinen! Ich darf es in der katholischen Kirche nicht, denn es ist ein Sakrament. Ich darf als Gemeindereferentin beerdigen, Wortgottesdienste halten, aber nichts machen, was mit Sakramenten zu tun hat. Ich darf auf Sakramente vorbereiten, aber ich darf sie nicht spenden. Die Leute, die mich gefragt haben, sind dann oft sehr enttäuscht und ziehen sich zum Teil auch zurück.

SWR Aktuell: Ist das nicht bekannt, dass Frauen keine Sakramente spenden dürfen?

Grimm: Nein, das wissen viele Leute nicht, dass wir Frauen, die eine Ausbildung haben, die ein Studium haben, das nicht dürfen. Die setzen voraus, dass ich das darf, weil ich ein Studium habe. Aber das ist dem Pfarrer vorbehalten.

SWR Aktuell: Aber Sie dürfen einen Gottesdienst als Frau in der katholischen Kirche halten?

Grimm: Die Auslegung des Evangeliums ist dem Priester vorbehalten. Wenn man aber einen Pfarrer hat, der sagt: "Jeder, der bei uns im Team ist, hat auch was zu sagen und wenn du das machen willst, dann mach das!" Bei uns geht das. Aber ich kann mir vorstellen, dass das die Ausnahme ist.

Trauungen sind Priestern vorbehalten in der katholischen Kirche (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd)
Trauungen sind Priestern vorbehalten in der katholischen Kirche picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd

SWR Aktuell: Ist Ihr Chef einfach moderner als der Rest der katholischen Kirche?

Grimm: Unser Pfarrer unterstützt das. Trotzdem haben wir die "7 Thesen" am Sonntag nicht an die Kirchentür angeschlagen. Es war einfach zu knapp, das zu organisieren. Wir als Seelsorgerteam haben aber mit dem Chef gesprochen, dass wir das gerne in den nächsten Sonntagsgottesdienst verlagern würden, dass die "7 Thesen" dort verlesen werden. Und da wir im Moment ja noch immer Streaming-Gottesdienste haben, die live gesendet werden, erreichen wir damit derzeit mehr Leute, als wenn wir es bei uns ans Kirchenportal hängen. Unser Pfarrer hat sofort gesagt: "Macht das!"

SWR Aktuell: Ihre Kirchengemeinde ist offenbar sehr offen.  Aber das große Ziel ist, dass die Forderungen auch in Rom ankommen, oder?

Grimm: Das ist natürlich das große Ziel! Aber ich werde dieses Jahr 56 und ich glaube nicht, dass ich das noch erlebe! Vielleicht erleben es spätere Generationen von Frauen, das wäre natürlich ganz toll!  Man sagt zwar "steter Tropfen höhlt den Stein", aber es tropft schon sehr lange. Es muss jetzt mal etwas passieren, damit die Menschen sehen, die Kirche geht auch auf ihre Gläubigen zu, öffnet sich und ist glaubwürdig. Die Kirche hat ihre Glaubwürdigkeit verloren - nicht nur wegen der Frauenfrage. Aber warum sollen wir Frauen da nicht mithelfen? Wir haben ganz viele Kompetenzen und Talente, die wir einbringen können – auch im Amt.

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SWR Aktuell: Würden Sie denn selbst gerne Priesterin werden?

Grimm: Das bin ich schon oft gefragt worden. Aber ich persönlich? Ich glaube nicht! Ich könnte mir aber eine Diakoninnen-Weihe vorstellen. Da könnte ich dann Paare trauen oder Kinder taufen. Das wäre mein großer Wunsch!  Aber es muss sich für die gesamte Kirche etwas ändern! Jesus hat auch die Kraft in uns gelegt, zu sagen: "Macht was, macht da weiter!"  Und er hat nicht gesagt: "Aber nur die Männer!" So ist es doch! Man soll sich auf die Botschaft der Kirche besinnen und nicht auf Männlein oder Weiblein. Jeder schaut, dass er gute Leute in seine Firma bekommt, bei uns ists andersrum!

Eine leere Kirche, nur eine Frau sitzt in einer Kirchenbank (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Oliver Berg)
Nur eine Frau sitzt auf einer Kirchenbank picture alliance/dpa | Oliver Berg

SWR Aktuell: Glauben Sie, es macht einen Unterschied, ob Frauen oder Männer ein kirchliches Amt bekleiden?

Grimm: Wenn ich mir vorstelle, dass wir von heute auf morgen hier am Altar Frauen hätten – da müsste sich etwas ändern. Auch dieser ganze Ritus ist nicht auf uns Frauen zugeschnitten. Es müsste eine umfassende Reform der Kirche geben, auch was beispielsweise die Feier der Gottesdienste angeht. So wie es jetzt ist, würde ich mich nicht wohlfühlen. Durch Frauen würde die Kirche dazu gewinnen. Frauen ticken einfach anders. Ich könnte mir vorstellen, dass man das Miteinander noch besser gestalten könnte. Wo Frauen sind, weht ein anderer Geist! Frauen sehen Dinge oft anders als Männer. Das merkt man schon in der Ehe. Frauen wären einfach ein Gewinn!

SWR Aktuell: Hoffen wir mal nicht, dass das Zölibat dann auch für Frauen gelten würde!

Grimm: Das wäre natürlich auch mit einer Reform verbunden, zu fragen: Wer möchte das Zölibat leben und wer nicht? Eine Idee wäre, dass man das einfach offen lässt. Das ist auch eine der "7 Thesen", dass das Pflicht-Zölibat abgeschafft wird. Wofür braucht man das?

Der Dom in Speyer (Foto: SWR)
Der Dom in Speyer

SWR Aktuell: Wie sehr ärgert es Sie, dass diese Diskussion um Frauen in der Kirche schon Jahrzehnte andauert und nichts passiert?

Grimm:  Die Bischofskonferenz in Deutschland muss die Krallen ausfahren und sagen: "Uns sind die Frauen wichtig". Sonst passiert nichts. Ich glaube nicht, dass  Reformen zügig gehen. Aber die Bischöfe könnten doch mal einen Schritt auf die Frauen zugehen und nicht so einen "Knochen" hinwerfen – "da habt ihr die Diakoninnen-Weihe" Wir wünschen  uns, dass sie sagen: "Wir sind dran und wir wollen auch was machen". Sie sollen nicht immer nur sagen, dass sie unsere Anliegen weitergeben, und darüber reden. Geredet wird schon zu lange darüber. Sie sollen sich fragen:  Was können wir machen, dass wir die Frauen dabei haben und zwar richtig dabei haben?! Das ist jetzt die Aufgabe der Bischöfe!

SWR Aktuell: Was ist denn mit Papst Franziskus? Müsste er sich nicht zur Frauenfrage äußern?

Grimm:  In der Frauenfrage haben wir uns von Papst Franziskus viel mehr erhofft!  Er ist ein wirklich toller Mann. Er ist offen und bewegt sicher auch Vieles. Aber man muss auch sagen, die katholische Kirche in vielen anderen Ländern ist zufrieden, so wie es ist. Und Deutschland, das ist der Kessel, da brennt‘s! Und man muss aufpassen, dass man uns Frauen nicht verliert. Die jungen Frauen interessiert das Thema gar nicht. Die meisten der Frauen, die um mehr Rechte kämpfen, sind in meinem Alter, und wenn man die verliert, dann ist Schluss!

Zur Person: Bärbel Grimm

Bärbel Grimm (55) ist Gemeindereferentin in der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Landau. Sie unterstützt "Maria 2.0" und fordert mehr Frauen in der katholischen Kirche. Am kommenden Sonntag will sie die "7 Thesen" im Gottesdienst per Live-Streaming der Kirchengemeine vorstellen.

Was steckt hinter "Maria 2.0"?

Die 2019 entstandene Initiative "Maria 2.0" setzt sich vor allem für mehr Rechte von Frauen in der katholischen Kirche ein. Außerdem dringt sie auf die stärkere Beteiligung von Laien insgesamt, die umfassende Aufklärung von Fällen sexualisierter Gewalt und eine lebensnahe Sexualmoral.

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