Dom zu Speyer (Foto: SWR)

Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in Speyer

"Opfer warten seit 12 Jahren auf Antworten!"

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Unabhängige Aufarbeitungskommissionen sollen dabei helfen, Missbrauch an Kindern in der katholischen Kirche offen zu legen und neuen Missbrauch zu verhindern.

2020 hatte die deutsche Bischofskonferenz zusammen mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung die Einsetzung solcher Kommissionen beschlossen.Vergangene Woche wurde Bernhard Scholten, der früher im rheinland-pfälzischen Sozialministerium tätig war, als Sprecher der Kommission des Bistums Speyer gewählt. Außerdem mit dabei: zwei Landesbeauftragte für Rheinland-Pfalz und das Saarland, zwei Betroffene, eine Historikerin, eine Fachpsychologin, ein Jurist und eine Person, die der Katholikenrat entsandt hat.

SWR Aktuell: Herr Scholten, warum hat die deutsche Bischofskonferenz im letzten Jahr beschlossen, in jedem Bistum eine unabhängige Aufarbeitungskommission zu installieren?

Scholten: Die katholische Kirche wird seit dem Jahre 2010 mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie den sexuellen Missbrauch, den es sehr lange in der Kirche gab und auch gibt, nicht gut aufgearbeitet hat. Wobei mit Aufarbeitung nicht nur gemeint ist, zu schauen, wer hat wen wann missbraucht, sondern ganz besonders die Frage zu beantworten, warum ist das eigentlich erst so spät öffentlich gemacht geworden? Welche Strukturen haben verhindert, dass diese Informationen an die Öffentlichkeit kamen? War es der Kirche wichtiger, diese Taten oder bestimmte, hierarchisch höherstehende Personen zu decken, die den Missbrauch toleriert, vertuscht oder verharmlost haben, als sich um die Menschen zu kümmern, die missbraucht worden sind? Diese Fragen werden seit 2010 diskutiert, doch die Kirche hat sich lange sehr schwer getan, das wirklich aufzuarbeiten. Die unabhängige Aufarbeitungskommission  wird sich diesen Fragen stellen und versuchen, sie zu beantworten.

SWR Aktuell: Es gab aber eine sehr große Studie, die die Deutsche Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hatte, die sogenannte MHG Studie, in der ja Missbrauch in der katholischen Kirche aufgedeckt wurde. War diese nicht umfangreich genug?

Scholten: Ja, das stimmt: Die Ergebnisse dieser Studie wurden 2018 veröffentlicht. An dieser Studie wird kritisiert, dass sie nicht unabhängig war. Die Forscher durften nicht selbst die Personalakten durchsuchen, sondern das haben die jeweiligen Bistumsarchive gemacht. Sie haben die Akten gesichtet und Akten mit Hinweisen auf einen möglichen Missbrauch nach Kriterien der Forscher zusammengefasst. Diese Zusammenfassung wurde dann den Universitäten zur weiteren Auswertung übermittelt. Trotz dieser methodischen Problematik macht die Studie deutlich: Missbrauch ist in der katholischen Kirche kein Einzelfall, sondern es gibt häufig Missbrauch in der Kirche. Und es gibt vor allem Strukturen, die diesen Missbrauch begünstigen. Die Kirche hat sich schwergetan, die Ergebnisse dieser Studie systematisch aufzuarbeiten. Daher hat, wie gesagt, die Deutsche Bischofskonferenz zusammen mit dem unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Herrn Rörig, letztes Jahr eine gemeinsame Erklärung verabschiedet, in der beschlossen wurde, dass alle 27 Bistümer Unabhängige Aufarbeitungskommissionen einrichten. Diese sollen jetzt tatsächlich versuchen, die Missbrauchsfälle unabhängig aufzuarbeiten.

SWR Aktuell: Es geht der Kommission vor allen Dingen darum, Strukturen aufzudecken, die Missbrauch in der katholischen Kirche erst möglich gemacht haben. Worum geht’s genau? Um Machtmissbrauch? Darum, dass Kleriker andere Kleriker decken und so Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden?

Scholten: Ja, es geht genau um das, was Sie in ihrer Frage skizziert haben. Bei den bekannten Fällen hat das Bistumsarchiv Speyer zum Beispiel festgestellt, dass Pfarrer, denen Missbrauch zur Last gelegt wird, sehr häufig in kurzer Zeit versetzt wurden. In der Regel bleiben Pfarrer lange an einem Ort, doch viele der verdächtigten Personen wurden oft schon nach wenigen Jahren versetzt. Möglicherweise wurde in einer Gemeinde hinter der Hand Vermutungen geäußert. Und dann war der Pfarrer auf einmal weg und dann war scheinbar alles wieder in Ordnung. Faktisch hat so die Hierarchie diesen Pfarrer gedeckt. Der kam woanders hin und konnte dort wieder Unheil anrichten und wurde dann nach fünf, sechs Jahren wieder versetzt. Und wenn man so etwas zu Tage bringt, dann ist klar: Da hat Kirche die eigene Institution geschützt und nicht die Kinder und Jugendlichen in der nächsten Gemeinde. Wenn dies zutrifft, muss geklärt werden, warum wurde im bischöflichen Ordinariat so gehandelt? Was waren die Motive?

SWR Aktuell: Wird die unabhängige Aufarbeitungskommission nur analysieren oder werden Sie dem Bistum Speyer auch Empfehlungen abgeben, wie zukünftig Missbrauch verhindert werden kann?

Scholten: Wir werden als Kommission die Prozesse beschreiben und analysieren und vermutlich dann auch sagen, wo die Kommission grundlegende Probleme sieht. Ich denke, dass die Kommission auch Empfehlungen formulieren wird, wie zukünftig Missbrauch aufgedeckt und welche strukturelle Änderungen erforderlich sind, um Missbrauch zu erschweren. Verharmlosen, Vertuschen oder Verheimlichen darf zum Beispiel in Zukunft nicht mehr möglich sein. Die katholische Kirche muss entscheiden, was sie mit diesen Empfehlungen macht. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang noch: Neben den festen Kommissionsmitgliedern hat die Kommission noch ständige Gäste. Dazu gehören die beiden Ansprechpersonen für Personen, die missbraucht worden sind. Sie arbeiten unabhängig und sie arbeiten ehrenamtlich. Sie können uns sagen, welche aktuellen Fälle es gibt. Die Kommission wird dieses Wissen für ihre Arbeit nutzen.

SWR Aktuell: Es klingt trotzdem nach einer Mammutaufgabe - wie lange soll denn die unabhängige Aufarbeitungskommission zusammen arbeiten und wann werden erste Ergebnisse präsentiert?

Scholten: Ja, das glaube ich auch, je stärker ich mich in diese Thematik einarbeite. Die gemeinsame Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz und des Unabhängigen Beauftragten sieht vor, dass die Kommission nach fünf Jahren einen Zwischenbericht vorlegen soll. Das heißt, die Beteiligten rechnen mit einer längeren Zeit für die Aufarbeitung! Wir brauchen diese Zeit, um den Betroffenen gerecht zu werden. Das ist die eine  Seite. Auf der anderen Seite ist es aber auch wichtig, dass wir  zügig arbeiten, weil die Menschen, die missbraucht wurden, schon seit mindestens zwölf Jahren auf erste Ergebnisse warten. Andere vielleicht schon sechzig Jahre, wenn der Missbrauch in den 60er Jahren stattfand. Diese Menschen sind alt, sie warten auf Antworten und Erkenntnisse. Und wenn dies möglich ist, muss die Kommission schnell und zeitnah erste Antworten geben. Nicht überhastet, aber zügig.

SWR Aktuell: Warum war es Ihnen persönlich wichtig bei der Aufarbeitungskommission mit zu arbeiten?

Scholten: Als mich Frau Dreyer gefragt hat, ob ich Beauftragter für das Bistum Speyer werden will, habe ich zugesagt, weil mich das Thema Missbrauch schon mindestens zehn Jahre in meinem Beruf beschäftigt hat. Ich war Leiter der Abteilung Familie, als die Heimkinder-Diskussion aufkam und entsprechende Angebote geschaffen wurden. Ich war später Leiter der Abteilung Soziales, als die Diskussion 2011 und 2012 über den Missbrauch in Behinderteneinrichtungen aufkam und Rheinland-Pfalz als eines von zwei Ländern in der Sozialministerkonferenz erklärt hat, dass dieses Unrecht zum Handeln zwingt. Ich fühle mich in dem Sinne jetzt auch verantwortlich dafür, dass es auch diesem Thema für die Betroffenen ein gutes Ende geben wird. Was Kirche daraus macht, bleibt in der Verantwortung der Kirche.

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