Symbolbild Depression: Person hält die Hand vors Gesicht (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

400 Therapien im vergangenen Jahr

Hilfe für traumatisierte Geflüchtete in der Pfalz

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Tanja Praschak

Sie helfen, wenn Geflüchtete seelisch erkranken: Die Experten am Psychosozialen Zentrum Pfalz. Womit rechnen sie jetzt während des Krieges in der Ukraine? Welche Probleme haben Menschen nach der Flucht?

Bislang steht erst eine Ukrainerin auf der Warteliste des Psychosozialen Zentrums Pfalz (PSZ) in Ludwigshafen. Der Verdacht: Eine Depression ausgelöst durch die Flucht und den Krieg. Vermutlich in drei Wochen könnte die erste Therapiestunde mit ihr beginnen, schätzt der Psychologe Hans Joachim Schmitt, der vor allem psychologische Gutachten für Geflüchte in Ludwigshafen erstellt.

Ungewisse Zukunft kann Trauma bei Flüchtlingen auslösen

Auch im Beratungsbüro in der Erstaufnahmeeinrichtung in Speyer von Psychologin Sarah Wünsch kam es bislang zu keiner Therapiestunde. Und das, obwohl vor zwei Wochen fast täglich etwa 200 Menschen ankamen. Doch die wurden schnell auf die Kommunen verteilt.

Ein großer Unterschied, um das Erlebte zu verarbeiten, erklären die beiden Psychologen. "Die Menschen aus der Ukraine haben erst einmal einen gesichterten Aufenthaltsstatus für mindestens ein Jahr. Dann kann er verlängert werden. Sie kommen oftmals bei Verwandten unter, dürfen sich ihren Wohnort aussuchen und können direkt arbeiten. Das trägt zur Stabilisierung bei", so Sarah Wünsch.

Die beiden Psychologen am Psychosozialen Zentrum Pfalz in Ludwigshafen: Sarah Wünsch und Hans Joachim Schmitt (Foto: SWR)
Die beiden Psychologen am Psychosozialen Zentrum Pfalz: Sarah Wünsch und Hans Joachim Schmitt.

Bei den Geflüchteten aus Syrien, dem Iran oder Afghanistan, die sie überwiegend betreut, sei das anders. Die müssten so lange in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Speyer wohnen, bis ihr Asylantrag stattgegeben werde. "Im Heimatland erleben sie schlimme Traumatisierungen, wie Krieg, auf der Flucht können Traumatisierungen erfolgen und dann aber auch im Ankunftsland selber", so Wünsch. Besonders schlimm sei für die Asylbewerber, monatelang nicht zu wissen, ob sie in Deutschland bleiben dürfen oder wieder abgeschoben werden. "Das kann auch wieder eine Traumatisierung auslösen.

Sorge um Flüchtlingskinder kostet und gibt Kraft zugleich

Besonders beeindruckend findet die Psychologin Wünsch, wie sehr Kinder geflüchteten Eltern auch Kraft geben. Erst in der vergangenen Woche habe sie ein Gespräch mit einer syrischen Mutter gehabt. Sie erzählte davon, wie sie eines ihrer Kinder vor die Brust, das andere auf den Rücken geschnallt hatte, um zu Fuß zu flüchten. Dann schlug vor ihr im Tal eine Bombe ein. "Das war bei ihr der Moment, in dem sie gesagt hatte, ich werde nicht eher ruhen, bis meine Kinder in Sicherheit sind", so Wünsch.

Jetzt sei sie zwar in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Speyer, befürchte aber jede Nacht, wieder abgeschoben zu werden. "Das macht sie einerseits so fertig, weil sie ihre Kinder immer noch nicht richtig in Sicherheit hat, aber gleichzeitig verleihen ihr die Kinder so viel Kraft", erzählt Wünsch.

400 Geflüchtete aus Syrien, Iran, Afghanistan und Ägypten beraten

Im vergangenen Jahr hat das PSZ 400 Geflüchteten bei ihren seelischen Problemen geholfen. Die meisten kommen aus Syrien, dem Iran, Afghanistan oder Ägypten. Jetzt könnten es durch den Krieg in der Ukraine noch mehr werden. Damit rechnen die beiden Psychologen am PSZ Hans Joachim Schmitt und Sarah Wünsch. Der Bereichsleiter setze sich bereits dafür ein, dass mehr Stellen geschaffen werden. Aktuell arbeiten vier Psychologen und drei Ehrenamtliche in den vier Beratungsstellen.

Warteraum beim Psychosozialen Zentrum Pfalz in Ludwigshafen (Foto: SWR)
Der Warteraum im Psychosozialen Zentrum Pfalz in Ludwigshafen.

Flüchtlinge: "Die Hälfte bekommt Depressionen"

Nach Auskunft der beiden Psychologen gehe man davon aus, dass etwa ein Drittel der Geflüchteten in Deutschland eine Post-Traumatische-Belastungsstörung entwickelt und etwa die Hälfte der Personen an Depression erkrankt. "Das ist eine sehr große Anzahl und wir können den Bedarf an psychischer Betreuung vielleicht zu 5 Prozent decken. Und jetzt kommt noch der Krieg in der Ukraine dazu und das wird uns vor große Herausforderungen stellen", so die Psychologin Sarah Wünsch. Sie kümmert sich vor allem um Geflüchtete in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Speyer, hat dort ihr Büro.

Umgang mit Geflüchteten: Wie über das Erlebte sprechen?

Am Psychosozialen Zentrum Pfalz lernen die Geflüchteten Teils in Gruppenkursen, teils in Einzelgesprächen, wie sie mit ihren Erlebnissen besser umgehen können. Während es für viele Geflüchtete wichtig sei, über ihre schrecklichen Erfahrungen zu erzählen, sollten Laien vorsichtig sein, beim Ansprechen solcher Themen. "Besser sollte man abwarten, bis sich der Geflüchtete selbst dazu äußert, als herumzubohren", so Schmitt.

Ansonsten sei es wichtig zu zeigen, dass man, sofern man es denn erträgt, gesprächsbereit sei. Aus Sicht der Psychologin Wünsch sei es zudem wichtig, im Gespräch Empathie zu zeigen und anzuerkennen, dass das Erlebte schlimm war.

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Solche Erzählungen von Menschen, die auf der Flucht waren, können auch bei Zuhörern Ängste auslösen. Helfern, die gerade mit ukrainischen Geflüchteten zu tun haben und sich überfordert fühlen, rät die Psychologin zu Atemübungen. Bewusst tief in den Bauchatmen kann im Akutfall schon etwas helfen.

Außerdem sei es wichtig, gezielt Pausen einzulegen. "Wenn man eine schlimme Geschichte erfahren hat, sollte man bewusst innerlich auf die Stopptaste drücken und es innerlich in eine Kiste einschließen und sich wieder bewusst schönen Dingen widmen", so Wünsch.

Helfer mit Sprachkenntnissen in Ludwigshafen, Speyer und der Südpfalz gesucht

Die Experten am Psychosozialen Zentrum Pfalz arbeiten in ihren Therapiestunden überwiegend mit Sprachmittlern, die die Geflüchteten übersetzen. Gesucht werden aktuell Menschen, die dabei helfen und ukrainisch können oder tigrinya, somali oder urdu sprechen. Damit traumatisierte Geflüchtete nicht auch noch um die Worte in einer fremden Sprache ringen müssen.

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