Aktionswoche "Gegen Gewalt an Frauen"

Frauenhaus Ludwigshafen: "Wir sehen mehr massive Gewalt"

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INTERVIEW

Laut Statistik werden 13 Frauen pro Stunde in Deutschland Opfer von Gewalt in Partnerschaften. Auch ins Frauenhaus Ludwigshafen flüchten Betroffene vor Schlägen und Misshandlungen. Wie ist dort die Lage?

Eine Frau wird von Ihrem Partner mit tödlicher Gewalt bedroht.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa | Maurizio Gambarini (Symbolbild))
Zu 80 Prozent werden Frauen Opfer von Häuslicher Gewalt. picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa | Maurizio Gambarini (Symbolbild)

SWR Aktuell: Alle zweieinhalb Tage wird in Deutschland laut Statistik eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Was haben die Frauen erlebt, die sich entscheiden, ins Frauenhaus zu flüchten?

Dorothée Zapp: Alle Frauen, die im Frauenhaus leben, haben Gewalt erlebt. Gewalt bedeutet nicht ausschließlich körperliche Gewalt. Gewalt hat viele Gesichter, beispielsweise als physische, psychische, sexualisierte, soziale und ökonomische Gewaltausübung. Die Kinder sind von der Gewalt immer mitbetroffen - entweder direkt oder indirekt als Zeuge bei der Gewalt gegen die Mutter. Für die durch erlebte Gewalt ohnehin belasteten Frauen, ist die Corona-Pandemie derzeit eine zusätzliche Erschwernis.

SWR Aktuell: Hat sich die häusliche Gewalt aus Ihrer Sicht durch die Corona-Pandemie verschlimmert?

Zapp: An der grundlegenden Gewaltthematik hat sich durch Corona eigentlich nichts verändert. Allerdings haben uns Frauen in den Beratungen geschildert, wie schwer es im Corona-Lockdown war und teilweise immer noch ist, sich Hilfe zu suchen und zu telefonieren. Denn durch das Arbeiten im Homeoffice waren und sind sie stärker der Kontrolle des gewalttätigen Partners ausgesetzt. Wir haben in den vergangenen Monaten wieder einen vermehrten Anstieg teilweise massiver körperlicher Gewalt bei den Frauen bemerkt, die sich bei uns gemeldet haben, bzw. ins Frauenhaus eingezogen sind.

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SWR Aktuell: Wie ist denn die Situation im Frauenhaus in Ludwigshafen? Wie viele Frauen und Kinder sind bei Ihnen untergekommen?

Zapp: Wir sind momentan mit 12 Frauen und 13 Kindern voll belegt. Ein Zimmer halten wir nach wie vor als "Quarantänezimmer" frei. Auch vor der Pandemie war das Frauenhaus meistens voll ausgelastet, daran hat auch die Pandemie nichts grundlegend verändert. Wir haben jetzt die beträchtlich steigenden Zahlen der vierten Corona- Welle im Blick und müssen gegebenenfalls unsere Angebote wieder dementsprechend anpassen bzw. einschränken. Gruppenangebote für die Bewohnerinnen im Frauenhaus können wir seit geraumer Zeit schon nicht mehr anbieten, was sich leider auch auf die Gruppendynamik und die Beziehungsarbeit mit den Frauen auswirkt.

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SWR Aktuell: Und wahrscheinlich auch auf die Kinder. Wie gehts denen denn?

Zapp: Natürlich hatte und hat die Corona Pandemie auch Auswirkungen auf die Kinder. Die externen Kindergärten hatten nur eine Notbetreuung , ebenso wie die Schulen. Auch die Umstellung auf Homeschooling bedeutete für alle Beteiligten eine Umstellung auf völlig neue Abläufe. Dadurch war für die Kinder der Alltag und der Tagesablauf ein völlig anderer. Unsere Erzieherin hat ein rotierendes, corona-konformes System der Kinderbetreuung im hauseigenen Kinderbereich eingeführt, um trotz der widrigen Umstände den Kindern Spiel- und Beschäftigungsangebote machen zu können. Die Kinder sind sensibilisiert, was die Einhaltung der Corona- Regeln im Frauenhaus betrifft. Die Kinder haben die Hochphase der Pandemie und den Lockdown mit all den Einschränkungen toll gemeistert.

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SWR Aktuell: Wie geht’s den Frauen und ihren Kindern inzwischen?

Zapp: So langsam kehrt im Alltag der Bewohnerinnen und Kinder wieder ein Stück weit Normalität und die Rückkehr zum gewohnten Leben im Frauenhaus ein. Frauen und Kinder können sich auch wieder außerhalb des Frauenhauses mit Freunden treffen und Freizeitmöglichkeiten nachgehen. Auch gemeinsame Ausflüge mit Bewohnerinnen und Kindern sind wieder möglich. Das kann sich natürlich aber auch wieder ändern, sollte es zu erneuten Einschränkungen oder zu einem erneuten Lockdown kommen.

SWR Aktuell: Es war ja bisher eine verzwickte Situation: Sie konnten phasenweise keine neuen Frauen mehr aufnehmen, weil die momentanen Bewohnerinnen einfach keine eigenen Wohnungen auf dem Markt fanden, um auszuziehen. Wie ist die Lage jetzt?

Zapp: Die ohnehin prekäre Lage auf dem Wohnungsmarkt hatte sich während der Pandemie nochmal verschärft. Wohnungsbesichtigungen konnten gar nicht, oder nur virtuell stattfinden, falls es überhaupt möglich war. Erfreulicherweise haben jetzt doch ein paar Bewohnerinnen nach monatelanger Suche eine Wohnung gefunden. Manche der Frauen haben auch über ein Jahr im Frauenhaus gelebt, bis es soweit kam. Der Wohnungsmarkt ist dennoch weiter sehr angespannt.

Ältere Frau hält Hände schützend vors Gesicht (Foto: Colourbox)
Häusliche Gewalt gibt es auch bei älteren Paaren.

SWR Aktuell: Was fordern Sie von der Politik?

Zapp: Wir fordern die weitere Umsetzung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, auch bekannt als Istanbul-Konvention, die im Jahr 2011 beschlossen und im Jahr 2017 in Deutschland ratifiziert wurde.

SWR Aktuell: Warum ist die Istanbul Konvention so wichtig?

Zapp: Die Unterzeichnerstaaten der Istanbul Konvention verpflichten sich, offensiv gegen alle Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen vorzugehen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt bei der Konvention auf dem Bereich häusliche Gewalt - also genau auf unserem Thema in der Frauenhausarbeit.Die Istanbul Konvention ist ein wichtiges politischen Zeichen, um betroffenen Frauen und Mädchen eine Stimme zu geben und die Politik zum Handeln zu verpflichten, z. B. durch Gewaltprävention, durch Information und Sensibilisierung der Öffentlichkeit, durch Hilfsangebote mit ausgebildeten Fachkräften, durch wirksame rechtliche Rahmenbedingungen.

SWR Aktuell: Welche Probleme sehen Sie in der Praxis?

Zapp: Obwohl die Istanbul-Konvention bereits vor 10 Jahren beschlossen und vor fast 5 Jahren in Deutschland ratifiziert wurde, gestaltet sich nach unserer Meinung und Erfahrung die konkrete Umsetzung als eher zähflüssig. Hier wünschen wir uns entschlosseneres Handeln seitens der Politik. Nach wie vor gibt es in Deutschland zu wenige Frauenhausplätze für schutzsuchende Frauen. Besonders betroffen vom Mangel an Unterstützungsangeboten sind vor allem ländliche Gebiete in Deutschland.

Dorothée Zapp ist Diplom-Sozialarbeiterin im Frauenhaus Ludwigshafen.

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