Bürgerversammlung zu Mülldeponie Heßheim (Foto: SWR, Christoph Heck)

Tödlicher Unfall mit Chemikalien Wie die Bürger von Heßheim das Deponie-Unglück erlebten

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Polizei-Warnungen, Gestank in der Luft und Meldungen über Tote auf der Sondermüll-Deponie: Was am 21. August in Heßheim und Umgebung passierte, werden viele Bürger nicht so schnell vergessen.

Dreieinhalb Monate ist es her, dass die Polizei in Heßheim, Lambsheim und Gerolsheim in der Vorderpfalz die Bevölkerung mit Lautsprecher-Durchsagen warnt. Die Einwohner sollen Fenster und Türen geschlossen halten. In der Luft liegt der intensive Geruch von faulen Eiern. Die Einwohner sind besorgt. Eltern der Heßheimer Grundschule diskutieren in einer Whatsapp-Gruppe darüber, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken sollen.

Was war passiert? Auf der Deponie in Heßheim sind Giftstoffe freigesetzt worden. Daher kommt der Gestank. Bis zu 1.500 Tonnen Sondermüll dürfen hier zwischenlagern - zum Teil hochgiftige Stoffe. Zwei Mitarbeiter, 43 und 29 Jahre alt, hatten ein Fass geöffnet und brachen daraufhin zusammen. Der Ältere stirbt an Ort und Stelle, der Jüngere erliegt seinen Verletzungen sechs Tage später im Krankenhaus.

Rettungsfahrzeuge an der Deponie in Heßheim nach dem tödlichen Unfall (Foto: SWR)
Rettungsfahrzeuge an der Deponie in Heßheim nach dem tödlichen Unfall

Kein Warnhinweis von Katwarn

Gegen 14 Uhr meldet die Feuerwehr des Rhein-Pfalz-Kreises, das Giftfass sei gesichert. Es bestehe keine Gefahr mehr. Was viele irritiert: Eine Warnung über die Katwarn-App gibt es zunächst nicht. Katwarn soll die Bürger auf Gefahrensituationen in der Umgebung hinweisen.

Die Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim begründet dies später damit, dass die "Voraussetzungen für das Auslösen einer Gefährdungsmitteilung über Katwarn" nicht vorgelegen hätten. Es habe sich um ein "lokales, auf das Betriebsgelände der Firma Süd-Müll begrenztes Ereignis" gehandelt. Messungen würden zeigen, dass für die Bevölkerung keine unmittelbare Gefahr besteht.

Ein später durchgeführter Schnelltest ergibt, dass der Unfall wohl von Blausäure und Schwefelwasserstoff verursacht wurde, so die Staatsanwaltschaft Frankenthal.

Bürgerinitiative: Schlimmer als wir befürchtet hätten

Doch kann man das so genau sagen? Schließlich ist auch nach mehr als drei Monaten noch immer nicht klar, welcher Stoff sich in dem Fass befunden hat. Die Bürgerinitiative "Schutzgemeinschaft gegen Mülldeponie" hat wegen des Verdachts von Umweltstraftaten Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt.

"Ich finde, dass es eine ganz große Sauerei ist, dass es so lange dauert, bis bekannt ist, an was die Männer gestorben sind", sagt Brunhilde Wagner von der Initiative. Michael Hieronimus hat Angst vor weiteren Unfällen: "Wir nehmen nur mal an, ein Stapler stößt irgendwelche Paletten um, es treten Stoffe aus, kommen mit anderen Stoffen in Berührung und lösen eine Kettenreaktion aus." Dass Menschen ums Leben kommen, damit hätten die Mitglieder der Initiative niemals gerechnet."Unsere Befürchtungen der letzten Jahre sind schlimmer eingetroffen, als wir das eigentlich vermutet haben", sagt Ulrike Bonifer.

Die Initiative fordert die Schließung der Deponie. Und sie zu meiden, ist nicht einfach. Nach dem Umzug des Wertstoffhofs von Beindersheim nach Heßheim im November müssen die Einwohner Grünschnitt oder Elektroschrott nun auf demselben Gelände entsorgen.

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