Ehemaliger Afghanistan-Soldat (Foto: privat)

"Das ist eine riesige Tragödie!"

Ex-Soldat aus der Pfalz schockiert über Lage in Afghanistan

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Die Welt schaut nach Afghanistan: Kaum hatten sich die internationalen Truppen zurückgezogen, haben die Taliban das Land offenbar mühelos zurückerobert. Wie denken Bundeswehrsoldaten, die dort ihr Leben riskiert haben. Ein Ehemaliger aus der Pfalz erzählt:

War alles umsonst? Der ganze Einsatz der Bundeswehr, 20 Jahre Afghanistan? Nein, war es nicht - da ist Christian* entschieden. "Es haben Menschen 20 Jahre lang dank uns dort leben können, in Frieden, in einem halbwegs geordneten Land. So etwas ist niemals umsonst."

Ex-Soldat aus der Pfalz (Foto: SWR)
Die aktuellen Bilder aus Afghanistan machen Christian* fassungslos.

Winter 2010/2011: Sechs Monate Afghanistan

Christian war 21 Jahre alt, als er als Wehrdienstleistender der Gebirgsjäger nach Afghanistan kam. Weil er anderen Menschen ein besseres Leben ermöglichen wollte, wie er sagt.

Ex-Soldat aus der Pfalz (Foto: SWR)
Eine Kiste voller Erinnerungen aus sechs Monaten Afghanistan.

Zusammen mit seinen Kollegen sichert er Hauptverkehrsstraßen in Afghanistan und macht es der Bevölkerung möglich, aus den Bergen wieder in ihre Dörfer und Häuser zurückzukehren. Er ist bei den Scharfschützen und lebt jeden Tag mit dem Wissen, dass es sein letzter sein könnte.

"Wir waren überall da, wo es geknallt hat und was los war."

Einmal knallt es bei einem Einsatz so sehr, dass er gleich zwei Kameraden auf einmal verliert, beide blutjung und wie er noch im Wehrdienst. Dieses Erlebnis habe seinen Blick aufs Leben verändert.

Zehn Jahre später: Die Taliban sind in Kabul

Dass sich die Bundeswehr jetzt so schnell zurückzieht, lässt ihn - zehn Jahre nach seinem Einsatz - betroffen und wütend zurück.

Es sei eine Tragödie für die ehemaligen Soldaten, was da aktuell in Afghanistan passiere. Vor allem aber sei es eine Tragödie für die Bevölkerung, gerade für die Menschen, die die Bundeswehr vor Ort unterstützt haben und jetzt Angst haben müssen, ermordet zu werden. Es liege in Deutschlands Verantwortung, diese Menschen zu schützen, sagt Christian. Alles andere sei unverzeihlich.

Wenig Hoffnung für Frauen und Mädchen

Was diesem Land jetzt drohe, sei so schrecklich, dass man es kaum aussprechen könne, sagt Christian: 20 Jahre lang hätte die Bundeswehr den Frauen und Mädchen in Afghanistan ein anderes Leben gezeigt. Berufe hätten sie erlernen dürfen, für die sie in Zukunft gesteinigt werden könnten.

Die Vorstellung mancher Politiker, man könne mit den Taliban verhandeln, hält er für absurd. Das sei, als hätte man den Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg gestattet, weiter zu morden, aber bitte nur innerhalb der deutschen Grenzen. Unvorstellbar findet Christian das - und untragbar.

*Name von der Redaktion geändert

Pfalz

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