20. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center

Pfälzische Kirchenpräsidentin hat 9/11 in New York erlebt

STAND
AUTOR/IN
Thilo Eickhoff

Vor 20 Jahren rasten zwei Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers. Die Pfälzische Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst war zu dieser Zeit in New York. Den Tag werde sie nie vergessen.

Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst (Foto: Evangelische Kirche der Pfalz)
Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst Evangelische Kirche der Pfalz

Heute ist Dorothee Wüst die Präsidentin der Evangelischen Kirche der Pfalz. Damals war sie Gemeindepfarrerin in Kaiserslautern. Mit zwei Freunden machte sie Urlaub in den Vereinigten Staaten.

Wüst während World Trade-Anschlag beim Frühstück

"Wir haben uns bewusst für eine Unterbringung bei Privatleuten entschieden, statt im Hotel unterzukommen", erzählt Dorothee Wüst. "In New York wohnten wir bei einer älteren Dame auf Roosevelt Island. Das liegt mitten im East River, von dort aus hat man einen guten Blick auf Manhatten. Wir saßen beim Frühstück, im Hintergrund lief der Fernseher und aus dem Augenwinkeln haben wir dann mitbekommen: Da ist irgendwas Wichtiges passiert. Und dann gingen auch schon die Sirenen am Flußufer los und hörten gar nicht mehr auf zu heulen."

11.9.2001 Die Anschläge von 9/11

Mitschnitte vom 11. September 2001 – aus Fernsehen und Radio, von der New Yorker Feuerwehr und den amerikanischen Behörden.  mehr...

Um 8:46 Uhr Ortszeit schlägt das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers ein. Aus der ganzen Stadt machen sich Rettungskräfte auf. Noch weiß niemand, was dahinter steckt. Dorothee Wüst und ihre Freunde wollen aufs Dach ihrer Unterkunft, um zu schauen, ob man von dort aus etwas sehen kann. Andere Bewohner schließen sich ihnen an.

Sinnbild für den Terroranschlag in New York 2001 (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Sinnbild für den Terroranschlag in New York 2001 Picture Alliance

Für Kirchenpräsidentin Wüst stand "Welt still"

"Wir waren gerade oben, als der erste Turm einstürzte. Diese enorme Rauchwolke und die Betroffenheit der Menschen um uns herum - das ist meine Erinnerung an diesen Tag", sagt sie. Wüst war damals 36. "Die Welt steht still und man hört nur noch Sirenen. Viele hatten Angst, dass das womöglich nur der Anfang eines Angriffs ist, und sie selbst in Gefahr sein könnten." Sie habe eine Frau, die neben ihr stand, gefragt, ob sie jemanden kennt im World Trade Center. "Die hat mich völlig entgeistert angeschaut: Es gäbe niemanden auf diesem Dach, der nicht irgendjemanden kennt, der dort arbeitet."

Um 10:28 Uhr Ortszeit stürzt auch der Südturm ein. Die Sirenen heulen weiter. Vom Dach aus können Dorothee Wüst und ihre Freunde den Strom der Rettungskräfte beobachten, alle haben dieselbe Richtung. Sie hätten auch gerne geholfen, erzählt die Theologin, hätten sich auch zum Blutspenden angeboten. Das sei aber freundlich abgelehnt worden, ebenso die Seelsorge. Die New Yorker seien in ihrer Trauer lieber erst einmal für sich geblieben. Die kommenden Tage erlebt Dorothee Wüst, wie die Bewohner der Stadt versuchen, sich gegenseitig zu stützen und sich gemeinsam aus der Schockstarre zu befreien.

US-Einsatzkräfte in den Trümmern der eingestürzten Wolkenkratzer (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
US-Einsatzkräfte in den Trümmern der eingestürzten Wolkenkratzer Picture Alliance

Völlige Fassungslosigkeit

"Die waren sehr gastfreundlich, aber man hat gemerkt, dass es ihnen eigentlich lieber wäre, wir wären nicht da. Die wollten sich mit sich selbst beschäftigen und der Situation, die ihr Land getroffen hat. In den Fenstern und Vorgärten tauchten amerikanische Flaggen auf. Man muss jetzt zusammenstehen – das war so der Gedanke dahinter."

Mitgefühl, Trauer und Solidarität sind nicht die einzigen Gefühle, die sich bei den Menschen Bahn brechen, die der Terror-Anschlag unmittelbar getroffen hat. Natürlich seien viele auch wütend gewesen, erzählt Wüst, und hätten Rache gewollt. Sie selbst sei vor allem fassungslos darüber gewesen, was Menschen einander antun können.

"Das ist infam! Das ist niederträchtig! Wie kann man auf die Idee kommen, so etwas zu planen und Menschen an einem ganz normalen, sonnigen Tag das Leben zu nehmen?"

Wüst: Anschlag auf World Trade Center hat nichts mit Religion zu tun

Es fehle ihr jedes Verstehen dafür. "Ich war entsetzt und abgrundtief traurig. Menschen, die aus Fenstern springen, weil sie sich anders nicht mehr zu helfen wissen. Familien, die zu Hause sitzen, und nicht wissen, ob sie ihren Vater, ihren Bruder oder ihre Tochter wiedersehen. Das war kein Akt von Religion. Das hat mit Religion nichts zu tun, das ist eine Perversion."

Folgen des Anschlags bis heute spürbar

Der 11. September 2001 hatte Folgen, die bis heute spürbar sind. Er stand am Anfang des Einsatzes in Afghanistan, über dessen Verlauf seit Wochen diskutiert wird. Fast 3.000 Menschen kamen an diesem Tag in New York ums Leben, unzählige weitere starben in den Ereignissen, die dieser Tag ausgelöst hat. Auch dieser Opfer sollte man gedenken, findet Dorothee Wüst. "Ich denke, für die Amerikaner ist es etwas anderes, weil sie in ihrem Land verwundet wurden. Ich finde es auch vollkommen in Ordnung, wenn man an dem Tag derer gedenkt, die am 11. September ihr Leben verloren haben. Aber: Das eine tun, das andere nicht lassen. Die ganzen Opfer, die in den vergangen 20 Jahren auf diesen Tag zurückzuführen sind, dürfen auch nicht vergessen sein."

Zeitgeschichte 9/11 vor 20 Jahren: Die Anschläge vom 11. September 2001 in New York

Ein Terror-Anschlag, der die Welt verändern sollte: Am 11. September 2001 — also vor genau 20 Jahren — entführten mehrere Mitglieder der islamistischen Terrorgruppe Al-Qaida unter Befehl von Osama bin Laden vier Flugzeuge und steuerten zwei davon in die Türme des World Trade Center in New York City. Auf der ganzen Welt verfolgten die Menschen gebannt die Berichte und Rettungsaktionen.  mehr...

11. September 2001 9/11 – Als Terror zum Medienevent wurde

11. September 2001: Erstmals erlebt ein weltweites Publikum eine Katastrophe live im Fernsehen. Die Terroranschläge in den USA haben die Medienwelt verändert – in vielerlei Hinsicht.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

STAND
AUTOR/IN
Thilo Eickhoff