Verlegung mit Künstler Demnig

Stolpersteine für 27 Opfer der Nazis in Mutterstadt

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AUTOR/IN
Deborah Kölz
Porträt Reporterin Deborah Kölz (Foto: SWR)

In Mutterstadt wurden heute zum ersten Mal Stolpersteine verlegt. An 27 Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die im Dritten Reich Opfer der Nationalsozialisten wurden, wird nun mit einem Gedenkstein erinnert.

Künstler Gunter Demnig, hier beim Verlegen von Stolpersteinen in Pforzheim (Foto: SWR, Peter Lauber)
Künstler Gunter Demnig verlegt die von ihm erfundenen Stolpersteine zum Gedenken an NS-Opfer. (hier in Baden-Württemberg) Peter Lauber

Wegen der Corona-Pandemie musste Mutterstadt nun zwei Jahre lang warten, bis die Verlegung stattfinden konnte. Sie wurde von dem Künstler Gunter Demnig persönlich durchgeführt, der die Stolpersteine ins Leben gerufen hat. Eigentlich wollte er bereits im vergangenen Jahr zwölf Steine verlegen. Doch das musst der 74-jährige Künstler aus Coronaschutzgründen absagen. Nun sind 15 weitere Steine dazu gekommen.

Steine für jüdische Opfer, Überlebende und Polit-Häftlinge

27 Messingsteine wurden am Montag in elf Stellen in Mutterstadt in den Boden eingelassen. Sie erinnern an ehemalige jüdische Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die von den Nazis vertrieben oder ermordet wurden. Dazu gehören auch Personen, die fliehen konnten. Einige Überlebende hätten Neustadt später auch immer wieder besucht, erklärt Michael Hemberger von der Stadt Mutterstadt.

Laut Hemberger sind auch Namen von politisch Verfolgten dabei, die im Gestapo-Gefängnis in Neustadt waren. So erhalte auch der erste Berufsbürgermeister von Mutterstadt einen Stein, der gleich 1933 von den Nazis verhaftet wurde.

Porträts NS Opfer Mutterstadt (Foto: Gemeindearchiv Mutterstadt)
Die Familie Sundelowitz hat in der Rheingönheimer Straße gewohnt. Sie führten ein Schuhgeschäft. 1942 wurden sie deportiert. Johanna und die Kinder wurden Anfang September nach Auschwitz deportiert, wo Irmgard am 1942 ermordet wurde. Die Zwillinge starben später in Groß-Rosen, 1944. Vater Leo wurde im August des gleichen Jahres in Saint Laurent befreit und kehrte 1946 nach Mutterstadt, in die Rheingönheimer Straße zurück. 1950 heiratete er Helene Forster und starb am 1953 in Ludwigshafen. Gemeindearchiv Mutterstadt Bild in Detailansicht öffnen
Jakob Weber wohnte in der Turnhallenstraße. Als Sozialdemokratischer Bürgermeister wurde er am 13. März 1933 seines Amtes enthoben und monatelang festgehalten, unter anderem im KZ Neustadt. Am 22. Juni1933 wurde er entlassen. Im September war er aufgrund der „brutalen Behandlung und der schlechten Unterbringungsbedingungen“ offensichtlich so krank, dass er in das Krankenhaus nach Ludwigshafen eingeliefert wurde, wo er kurz nach einer Operation am 28. November 1933 verstarb. Gemeindearchiv Mutterstadt Bild in Detailansicht öffnen
Wilhelm Batzler wohnte in der Lindenstraße. 1942 verkündete er in der Weinwirtschaft „zum Deutschen Haus“, dass Deutschland den Krieg verlieren werde. Kurze Zeit später wurde er angezeigt und das Amtsgericht Ludwigshafen verurteilte ihn zu vier Wochen Gefängnis. 1942 wurde er als politischer Häftling Nr. 1499 in das KZ Natzweiler gebracht. Dort starb er am 17. März 1943, angeblich an „akuter Herzschwäche bei Furunkulose“. Bei der Aufnahmeuntersuchung war nichts dergleichen festgestellt worden. Gemeindearchiv Mutterstadt Bild in Detailansicht öffnen
Julius und Amalie Dellheim (im Bild) hatten zwei Kinder: Alfred und Tilli. Am Tag nach der „Reichspogromnacht“ wurde die Wohnung der Familie von einem SA-Trupp völlig zerstört. Der Vater war zeitweise im KZ Dachau. Sie meldeten ihren Sohn für einen Kindertransport nach England an, er überlebte als Einziger. Julius, Amalie und Tilli wurden 1940 in das Lager Gurs und 1942 nach Auschwitz deportiert. Sohn Alfred erlebte das Ende des Krieges als britischer Soldat. Er starb 2003 in Berlin. Gemeindearchiv Mutterstadt Bild in Detailansicht öffnen
Heinrich Hartmann war gelernter Buchdrucker und Redakteur bei der SPD-Parteizeitung „Pfälzische Post“. Im März 1933 verlor er durch das Verbot der Zeitung seine Anstellung und wurde zeitweise in "Schutzhaft" genommen. MIt seiner Frau führte er das Gasthaus „Zur Linde“ weiter, das ein wichtiger Treffpunkt für die Sozialdemokraten war. Nach der Wiedergründung der SPD 1946 wurde er der erste Vorsitzende und ebenfalls 1946 zum Bürgermeister gewählt. Gemeindearchiv Mutterstadt Bild in Detailansicht öffnen
Johannes Volz war Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes KJVD. Nach einer Denunziation wurde er 1943 von der Gestapo wegen „Abhörens von Feindsendern, Zersetzung der Wehrkraft und Vorbereitung zum Hochverrat“ verhaftet. Seine Mutter Luisa (rechts) wurde als Gemeindearbeiterin entlassen und warf sich nach der Inhaftierung ihres Sohnes vor einen Zug. Ihr Sohn war in den folgenden Monaten in Ludwigshafen und in Frankenthal inhaftiert, bervor er 1944 zum Tode verurteilt wurde, mit 32 Jahren. Gemeindearchiv Mutterstadt Bild in Detailansicht öffnen

Fast alle Gedenksteine wurden von Spendern gestiftet. Manche haben auch für mehrere Steine gespendet. Ein Stein kostet rund 130 Euro.

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