Gholam Jeylani (Foto: SWR, Leon Ahnesorg)

Er wurde entführt und gefoltert

Pfälzer Afghane - Für die Taliban hat Gewalt keine Grenze

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Leon Ahnesorg

Gholam Jeylani lebt inzwischen in der Pfalz. Der 37-jährige Familienvater wurde selbst vor zehn Jahren von den Taliban entführt und gefoltert. Jetzt hat er große Sorge um seine Verwandten.

Täglich bekommt Gholam Jeylani Sprachnachrichten und Videos von seinen Freunden und Verwandten in Afghanistan. Die Situation ist dramatisch: "Der Onkel meiner Frau ist getötet worden und mein Schwager liegt schwer verletzt auf der Intensivstation im Koma."

Ich bin fassungslos. Ich finde keine Worte um meine Gefühle zu beschreiben. Einfach traurig.

Erinnerungen an die schlimmste Zeit

Menschenrechtsaktivistin zu mir gerade jetzt: Lage am Flughafen in #Kabul spitzt sich dramatisch zu. US Militär feuert Warnschüsse und im Flughafengebäude sind die Taliban und liefern sich Gefechte mit amerikanischen Sicherheitskräften. Wir hören die Schusssalven.. #Afghanishtan https://t.co/hkTBRxHd85

Gholam Jeylani sieht sich eines der Handyvideos auf dem Smartphone an, die ihm sein Onkel aus Afghanistan geschickt hat. Im Video sieht man Afghanen, die verzweifelt versuchen auf dem Flughafen in Kabul in ein Flugzeug zu gelangen. Es herrscht Chaos. Der vierfache Familienvater kann den Ánblick nur schwer ertragen. Denn auch er musste um sein Leben fürchten.

Entführt von den Taliban

Vor zehn Jahren war Gholam Jeylani ein gefragter Mann für die US-Armee, denn er konnte fließend Englisch, studierte Amerikanische Literatur. Also arbeitete er als Übersetzer für die Amerikaner. Doch bei einem Einsatz wurde er von Taliban entführt. Zu seinem Erstaunen wurden die amerikanischen Soldaten, mit denen er unterwegs war, nicht mitgenommen, erzählt er.

Mit dem Messer gefoltert

Der komplette Oberkörper von Gholam Jeylani ist von einigen bis zu 20 cm langen dicken Narben übersäht. Es sind Spuren der tagelangen Folterungen durch die Taliban erzählt der gebürtige Afghane.

Ich dachte ich müsste sterben.

Überlebt durch eine Notlüge

Gholam Jeylani hatte großes Glück. Er überlebte die zehn Tage bei den Taliban. Sie ließen ihn frei. Doch er musste ihnen versprechen, dass er danach für sie spionieren und mit ihnen kooperieren würde. Ohne die Notlüge hätte er wohl nicht überlebt.

Sobald er auf freiem Fuß war, ist der damals 26-Jährige zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern über den Iran, die Türkei und Griechenland nach Deutschland geflohen.

Neues Leben in der Pfalz

Inzwischen hat der gebürtige Afghane eine Ausbildung als Automobilkaufmann in Ludwigshafen abgeschlossen und lebt mit seinen Kindern und seiner Frau in der Pfalz. Parallel zu seiner Arbeit renoviert er ein Haus. Seine Brüder, die inzwischen auch in Deutschland leben, unterstützen ihn dabei. Bald hat er das, was er sich immer gewünscht hat: Ein Leben in Freiheit und eine Zukunft mit seiner Familie.

Zwanzig Jahre Aufbau zerstört

Und trotzdem - Für ihn ist es unerträglich zu sehen, wie in seinem Heimatland alles zerstört wird, was in den vergangen zwanzig Jahren mühsam aufgebaut wurde. Er kann noch immer nicht nachvollziehen, warum die US-Truppen aus seinem Heimatland abgezogen wurden.

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