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Arbeitslosigkeit, Angst und Frust: Der Bericht einer Mutter aus der Südpfalz zeigt, wie die Corona-Krise eine ganze Familie an ihre Grenzen bringen kann.

Kerstin Kader aus Landau-Nußdorf ist Mutter von fünf Kindern, zwei sind bereits erwachsen und aus dem Haus, drei gehen noch zur Schule: Ihre 16-jährige Tochter und die beiden Söhne, 15 und 12, besuchen ein Gymnasium in Landau. Die Corona-Krise hat ihre Familie besonders hart getroffen: Die Südpfälzerin hat ihren Job verloren, weil der Kantinenbetrieb, in dem sie arbeitete, schließen musste. Die Familie muss nun vom Einkommen ihres Mannes leben, der auf dem Bau arbeitet: 900 Euro, nach Abzug der Miete. “Da sind aber noch keine Spritkosten für das Auto abgezogen, das mein Mann braucht, um zur Arbeit zu kommen. Da ist auch das Medikament für meine Diabetes noch nicht drin. Das ist schon sehr wenig Geld. Da muss ich halt kalkulieren"

Fünf Menschen leben von 900 Euro

Neue Tunschuhe für die Kinder, oder mal ein neues T-Shirt - ist beides nicht drin. Selbst beim Essen muss Kerstin Kader Abstriche machen, achtet mehr auf das Preis-Leistungs-Verhältnis als auf Qualität.

Dazu kommen noch viele Ausgaben, die ohne Homeschooling gar nicht anfallen würden: Das tägliche Mittagessen für die Kinder, die sonst in der Schule essen können, Papier und Druckerpatronen, höhere Strom- und Heizkosten - die Liste ist lang. Nicht mal einen neuen Drucker habe sie kaufen können, als der alte kaputt war. Und erst recht keine Laptops für die Kinder. Ihr 12-jähriger habe erst vor wenigen Wochen von der Schule ein Leihgerät bekommen. Vorher habe er selbst die Arbeitsaufträge mit dem Handy erledigen müssen.

Online ohne Netz geht gar nicht

Nach einem Jahr Homeschooling mit nur wenigen Unterbrechungen liegen die Nerven blank, sagt die Mutter. Das beginnt schon dabei, dass das Internet in Nußdorf stellenweise gar nicht funktioniert: “Ich habe auch schon in der Stadt angerufen, bin aber immer von einem zum anderen verwiesen worden. Deshalb muss mein Sohn bis nachts am Computer sitzen und die Arbeitsaufträge später wegschicken oder solange im Dorf rumlaufen, bis er mit seinem Handy eine gute Verbindung hat.“

Vor allem Kinder leiden sehr

Die Kinder fühlten sich inzwischen vor allem sozial isoliert. Ihre 16-jährige Tochter und ihr jüngster Sohn sind fußballbegeistert und spielen beide im Verein. Doch der sei ja schon ewig dicht. Vor allem der Kleine leide sehr darunter. Sogar vom Fußballplatz sei er schon verjagt worden, als er mal mit Freunden kicken wollte. Da seien auch schon Tränen geflossen.

Politik darf die Familien nicht vergessen

Kerstin Kader findet, dass die Politik Alleinerziehende und Familien mit wenig Geld während der Corona-Krise ziemlich allein lässt. Das bisschen zusätzliches Kindergeld sei da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie habe auch die Stadt schon mehrfach vergeblich um Hilfe gebeten, etwa für den Kauf medizinischer Masken oder für einen neuen Drucker. Kerstin Kader wünscht sich für Familien, die durch Corona in finanzielle Not geraten sind, mehr Unterstützung und kreative Hilfen vom Staat und der Stadt. In normalen Zeiten profitieren ihre Kinder vom Bildungs- und Teilhabepaket des Landes, bekommen beispielsweise Essen in der Schule. Ob man das nicht auch nach Hause liefern könne? Anderswo werde es schon so gemacht.

Vorschläge beim Bürgermeister eingereicht?

Auch bei der Stadt ist Kerstin Kader deswegen schon vorstellig geworden: Es gebe doch so viele Restaurants, die jetzt geschlossen hätten, die wären vielleicht auch froh, wenn sie Mittagessen für ein paar Schulkinder kochen könnten. "Und es gibt auch viele Studenten, die vielleicht einem Lehrer zugeteilt werden könnten, um den Schulkindern beim Lernen zu helfen. Weil die Studenten stehen im Moment ja auch auf der Straße und finden keine Jobs. Ich kriege halt hier in Nußdorf mit, dass manche schon verzweifelt sind." Die Antwort sei sehr ernüchternd ausgefallen: Das lasse sich so nicht umsetzen.

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