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Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Infektionszahlen in Ludwigshafen auch nach Stadtteilen aufgeschlüsselt. Daraus ergibt sich die Forderung, gezielt vor Ort zu impfen.

Mit den nach Stadtteilen aufgeschlüsselten Infektionszahlen in Ludwigshafen wird erstmals erkennbar: In Stadtteilen mit einkommensschwachen Familien oder vielen Migranten sind die Inzidenzen besonders hoch. Dazu gehören Ludwigshafen Mitte, Ludwigshafen Nord/Hemshof und Ludwigshafen Süd .

Wasserturm Gräfenau im Hemshof, Ludwighafen (Foto: SWR)
Hohe Corona-Inzidenz auch im Hemshof

Hoher Inzidenzwert in Ruchheim irreführend

Nur der sehr ländlich geprägte Stadtteil Ruchheim fällt heraus, trotz einer Inzidenz von 259 am vergangenen Montag. Die Zahl ist laut der sozialpolitischen Sprecherin der Grünen im Stadtrat, Doris Witt, nicht besonders aussagekräftig: Ruchheim habe nicht viele Bewohner, eine Neuinfektion von 40 Bürgern an einem Tag treibe die Inzidenz dann dementsprechend in die Höhe.

Straßenschild Bayreuther Straße in Ludwigshafen (Foto: SWR)
Die Bayreuther Straße in Ludwigshafen gilt als einer der ältesten sozialen Brennpunkte Deutschlands

Corona-Impfung wichtig wegen Vorerkrankungen

Doris Witt hat viel mit Menschen in Einweisungsgebieten, etwa in der Bayreuther Straße oder in der Kropsburgstraße zu tun. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass die bürokratischen Hürden für diese Bürger zu hoch sind, einen Termin in einem Impfzentrum zu vereinbaren. Viele würden generell eine Impfung ablehnen, wären aber zugleich durch mehrere Vorerkrankungen sehr gefährdet, einen schweren Covid Verlauf zu erleiden. Man müsse viel mehr Impfstoff in die Hausarztpraxen vor Ort bringen oder mit mobilen Impfteams in die Gebiete gehen, um ein niederschwelliges Impf-Angebot zu machen, so Doris Witt.

Innenhof der Bayreuther Straße in Ludwigshafen (Foto: SWR)
Innenhof der Bayreuther Straße in Ludwigshafen.

Mobile Corona-Impfteams in die Brennpunkte

Der Fraktionsvorsitzende der CDU, Peter Uebel, teilt Witts Meinung: Der Arzt, der als Street Doc, viel mit Obdachlosen oder Menschen in prekären Wohnverhältnissen zu tun hat, plädiert ganz klar dafür, mobile Impfteams in sozialen Brennpunkten einzusetzen.

"Wir warten dringend auf den Impfstoff von Johnson und Johnson, der nur einmal verimpft werden muss. Unsere Erfahrung ist, dass die Menschen in sozialen Brennpunkten, wenig zuverlässig sind und den zweiten Impftermin nicht wahrnehmen. Wir hoffen daher, dass das Land bald diesen Impfstoff liefert"

Peter Uebel, Arzt und Fraktionsvorsitzender der CDU im Ludwigshafener Stadtrat

Uebel fordert weiter, man müsse in Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil oder mit vielen schlechter gestellten Familien eine großangelegte Aufklärungskampagne starten. Man könnte zum Beispiel an Moscheevereine oder andere Kulturvereine herantreten, um so mehr Bürger mit Migrationshintergrund zu erreichen, betont der Arzt und Politiker.

Politiker sagen: Migranten oft anfällig für Verschwörungstheorien

Vielfach seien gerade in den Kulturvereinen auch Impfgegner zu finden, erklärt der Vorsitzende des Migrationsbeirat Johannis Chorosis (CDU). Es gebe sogar im Migrationsbeirat selbst Impfgegner, so der Politiker. Viele Migranten, so Chorosis, verwenden den Messengerdienst Telegram, der mittlerweile als Plattform für Querdenker, Verschwörungstheoretiker und die rechte Szene benutzt wird. Dort holten sie sich ihre "Informationen" und lehnten dann eine Impfung ab.

Uwe Daumann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtrat, bestätigt diese Beobachtung. Er habe viel mit Flüchtlingshelfern zu tun, die sich beklagen, kaum noch an die Flüchtlinge heran zu kommen. Corona mache den Zugang geradezu unmöglich. Viele Angebote wie Treffs, Sprachkurse etc. könnten aktuell nicht laufen. Informieren würden sich die Flüchtlinge über dubiose Messengerdienste, die ihnen einredeten, sie würden als "Versuchskaninchen" missbraucht, wenn sie sich impfen lassen würden. In der Unterkunft in der Mannheimer Straße lebten zum Beispiel 150 Männer; gerade mal zwei hätten das Impfangebot wahrgenommen.

"Die Flüchtlinge wären ja seit März schon mit einer Impfung dran, aber kaum einer lässt sich impfen."

Uwe Daumann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtrat Ludwigshafen

Corona-Impftermin vereinbaren für Migranten schwierig

Die Hemmungen, sich impfen zu lassen, seien auch im Stadtteil nördliche Innenstadt sehr hoch, erklärt Ortsvorsteher Osman Gürsoy. Zu dem Stadtteil gehört auch der Hemshof mit einem Migrantenanteil von mehr als 40 Prozent. Mobile Impfteams vor Ort seien notwendig. "Je weniger Bürokratie, desto besser", betont Gürsoy. Einen Impftermin im Impfzentrum auszumachen, sei für viele Bürger mit Migrationshintergrund wie eine wissenschaftliche Hausarbeit schreiben zu müssen. Es gelte, Hürden abzubauen und direkt auf die Menschen zuzugehen. Ihm pflichtet Liborio Ciccarello von der Linksfraktion im Ludwigshafener Rat bei. Viele Informationen kämen bei den Menschen gar nicht an.

FWG: Die Stadtverwaltung muss jetzt handeln

"Menschen aus sozialen Brennpunkten kriegen sie nicht ins Impfzentrum“, ist Christoph Heller (CDU), Ortsvorsteher der südlichen Innenstadt, überzeugt. Ärzte, die vor Ort impfen würden, seien daher sehr hilfreich. "Impfen ist der alleinige Schlüssel raus aus der Pandemie. Insofern müssen wir jedes Mittel einsetzen, um Menschen zur Impfung zu bewegen."

FWG-Chef Markus Sandmann fordert die Stadtspitze auf, zu handeln. Es war seine Fraktion, die im Hauptausschuss eine Aufschlüsselung der Inzidenzen nach Stadtteilen gefordert hat und auch den Einsatz mobiler Impfteams. "Mannheim und Köln machen es vor", erklärt Sandmann. "Die Stadtverwaltung wälzt aber wieder einmal Verantwortung ab, statt selbst aktiv zu werden", wirft der FWG Mann der Stadtspitze vor.

Oberbürgermeisterin reagiert auf Forderungen der Fraktionen

Die Stadtspitze in Ludwigshafen hat inzwischen angekündigt, sobald wie möglich mobile Impfteams in sozial schwierige Stadtteile zu schicken. Dem SWR teilte sie mit, man sei in Gesprächen mit dem rheinland-pfälzischen Sozialministerium und bemühe sich um eine Lösung. Sobald der Stadt eine Genehmigung dazu vorliege, würde man mit den mobilen Impfteams starten.

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