Schild der Streetdocs vor einem Mehrfamilienhaus in Ludwigshafen. (Foto: SWR)

Wieso Menschen nicht versichert sind

Krankenversicherung fehlt? Clearingstelle Ludwigshafen hilft

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In Deutschland sind etwa 150.000 Menschen nicht krankenversichert. Wie kommt das? Bei den Ängsten und finanziellen Sorgen der Nichtversicherten will die Clearingstelle in Ludwigshafen helfen.

Nina Christahl kann gleich mehrere Antworten auf die Frage liefern, wieso Menschen in Deutschland nicht krankenversichert sind, obwohl das eigentlich Pflicht ist - egal ob private oder gesetzliche Krankenkasse. Sie arbeitet bei der Clearingstelle in Ludwigshafen. Die Clearingstelle will den Menschen helfen, ihren Versicherungsschutz zurückzubekommen.

Sie ist angegliedert an die medizinische Anlaufstelle der Street Docs in Ludwigshafen zu der die Menschen seit 2015 kommen können, die Sorge haben zu einem anderen Arzt zu gehen oder keine Krankenversicherung haben. Etwa 60 Prozent dieser Menschen sind nicht mehr voll versichert.

Wer hat keine Krankenversicherung?

Da sind zum Beispiel Selbstständige, die einmal überlegt haben, wo sie Rechnungen einsparen könnten und dann die privaten Krankenkassenbeiträge gestrichen hätten. So sei ein ehemals selbstständiger Rentner zu ihr gekommen, der sich nicht einmal getraut hat, seiner angestellten Frau zu erzählen, dass er seit über zehn Jahren nicht mehr versichert ist. "Der wacht nachts auf mit Herzrasen, vor lauter Angst nicht krank werden zu dürfen."

Oder Menschen aus anderen Ländern, wie eine Familie aus Ghana. Über den arbeitenden Vater sind die Kinder familienversichert, die Frau aber kann dies nicht, da sie nicht verheiratet sind. Dies könne aber nicht nachgeholt werden, da sie keine Geburtsurkunde besitze, weil in Ghana schlicht bis 1994 keine solchen Dokumente ausgestellt wurden.

Schild der Streetdocs vor einem Mehrfamilienhaus in Ludwigshafen. (Foto: SWR)
Das Büro der Clearingstelle ist bei den Street Docs im Hemshof

Mini-Jobs erschweren den Weg ins soziale Raster

Es kämen auch EU-Bürger zu ihr, die im Geringverdienersektor arbeiten. Wenn sie dort nicht Fuß fassen könnten, keinen richtigen Aufenthaltsstutus und kein Einkommen hätten, dann sei es schwer überhaupt ins soziale Netz in Deutschland aufgenommen zu werden.

Mini-Jobs hätten aber auch eine deutsche Mutter zu ihr geführt, so Christahl, die für ihren 23-jährigen Sohn vorsprach. Er arbeite auf 400-Euro-Basis, sei nun aber nicht mehr Familienversichert und sie wolle verhindern, dass er Hartz IV (Arbeitslosengeld 2) beantrage, weil er kein Arbeitslosengeld 1 bekommen kann.

Dabei sei man mit Hartz IV eigentlich noch am besten versorgt. Aber "Scham ist da ein großes Thema bei den Betroffenen", erzählt Christahl. Sorge vor einem Stigma in der Gesellschaft und dass die Familie die finanzielle Notlage ausbaden müsse, das sei für viele beängstigend.

Beiträge nicht zu zahlen verschuldet die Betroffenen

Viele Menschen, die zur Clearingstelle kommen, sind nämlich auch gar nicht ganz raus aus der Krankenversicherung. Wenn man aber gekündigt wird und sich nicht bald Hilfe vom Staat sucht, dann müsse man selbst für den ganzen Betrag monatlich aufkommen. Kann man dies nicht, ist man nicht mehr vollumfassend, sondern nur noch für Notfallversorgung versichert.

"Ein Fond um medizinische Härtefälle zu finanzieren wäre super! Ich wünsche mir, das politische Diskussionen zu Armut und Gesundheit von Respekt geprägt geführt werden."

Bei anderen Menschen würden die finanziellen Mittel oft nicht für die Kasse reichen, weil sie Geld für Miete oder Kinderversorgung ausgeben müssen. Werden diese Zahlungen nicht getätigt oder Briefe ignoriert, wachsen die Schulden. Werden die gesetzlichen Krankenkassen skeptisch, könnten sie sogar den Höchstbeitrag von 900 Euro im Monat verlangen. "Die Krankenkassen schauen schon, dass sie zu ihrem Geld kommen," sagt Christahl. So kämen Menschen zu ihr, die zwischen 36.000 und 74.000 Euro Schulden bei der Kasse hätten.

Helfen bei fehlender Krankenversicherung?

Hierbei versucht die Clearingstelle dann zu helfen. Durch Anträge auf zum Beispiel Wohngeld oder Kinderzuschüsse, um Familien zu entlasten, damit es wieder für die Kassenbeiträge reicht. Auch Verhandlungen über Raten-Zahlungen bei den Krankenkassen oder die Kommunikation mit den Ämtern wird übernommen. So konnte etwas zwei Dritteln der etwa 50 Menschen, die seit dem Frühjahr bei der neuen Clearingstelle Hilfe gesucht haben, bereits geholfen werden, damit sie wieder voll umfassend versichert sind.

Betroffene verschleppen Krankheiten

Diese Hilfe sei wichtig, nicht nur für das psychische Wohlbefinden, sondern auch das körperliche. Menschen ohne Krankenversicherung würden Krankheiten sonst oft ignorieren, die in einem frühen Stadium behandelbar wären. Ein extremer Fall sei da die Zuckerkrankheit Diabetes, sagt Christahl. Wenn diese nicht behandelt wird, könnte es sein, dass es sogar zu Ampuationen kommen muss, weil Gliedmaßen nicht mehr richtig durchblutet werden.

So seien auch Obdachlose sehr schwierige Patienten, die sehr spät Hilfe in Anspruch nehmen. Sie haben meist ebenfalls keine Krankenversicherung, werden in der deutschlandweiten Zahl der Nicht-Versicherten aber auch gar nicht mitgezählt. "Die wollen aber auch unsichtbar bleiben", sagt Nina Christahl.

Clearingstelle an Street Docs angeschlossen

Bei manchen Behandlungen können auch die spendenbasierten Street Docs aushelfen und spezielle Behandlungen übernehmen. Die Clearingstelle in Ludwigshafen besteht seit diesem Jahr in der Dessauer Straße 43, im Büro der Street Docs. Dort finden mehrmals die Woche Sprechstunden statt. Ebenso gibt es eine neue Clearingstelle in Koblenz. In Mainz wird eine solche Stelle bereits seit 2018 betrieben.

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